Entsetzen. Weit aufgerissene Augen, in denen Ungläubigkeit zu finden ist. Oder verschlossene Augen, die den Schmerz nicht sehen wollen. Mitgefühl. Traurigkeit. Hilflosigkeit. So oder so ähnlich haben sich vielleicht einige von euch gefühlt, als vor einigen Wochen Bilder aus Afghanistan über unsere Smartphones geflackert sind. Die Taliban haben Kabul erobert und vielen Menschen blieb aufgrund ihrer nun gefährdeten Menschenrechte nichts anderes übrig, als ihr eigenes Land zu verlassen. Erinnert ihr euch noch an die Videos, auf denen sich Menschen an abfliegenden Flugzeugen festklammern, um ihrer persönlichen Hölle zu entfliehen? Ich erinnere mich. Habe ich was getan, um diesen Menschen zu helfen? Nein. Dafür schäme ich mich. ​​Jemand, der nicht nur eine starke Meinung hat, sondern auch was ändert, ist Jill Maglio (44). Sie ist die Gründerin von Circus Aid. Eine soziale Organisation, die sich speziell auf die Verbindung von Zirkus und Ergotherapie zur Bewältigung der negativen Folgen von Vertreibung konzentriert. Der Fokus ihrer Arbeit liegt auf den psychischen Probleme und Traumata, die politisch oder umweltbedingt Geflüchtete erfahren. Wie die Feuertänzerin aus den USA das macht, lest ihr hier.

DIEVERPEILTE: Also Jill, wir beide haben zwei Sachen gemeinsam. Zum Einen haben wir beide in New York gelebt und zum anderen sitzen wir uns jetzt gegenüber auf einer Biofarm in Korfu. Was hat dich hierher geführt?
Jill Maglio: Ich bin durch Freunde zu diesem Hof gekommen. Sie boten mir an, dass ich hier eine Kuppel lagern kann – die Circus Aid-Kuppel. Wenn ich also in den Staaten bin, kann ich die Kuppel hier aufbewahren, und wenn ich nach Griechenland zurückkomme, verbringe ich einige Zeit hier, um alles für die Projekte auf dem Festland vorzubereiten.

Was genau machst du in Griechenland? 
Ich leite eine Organisation namens Circus Aid. Wir gehen in Flüchtlingslager und bringen Erwachsenen und Kindern Zirkus bei. Besser gesagt: Wir bieten Trauma-Heilung durch den Zirkus. Was die Geflüchteten erleben, wenn sie vertrieben werden, ist Folgendes: Sie sind nicht mehr in der Lage, Aktivitäten zu betreiben, die für sie von Bedeutung sind. Wenn Menschen für eine lange Zeit isoliert sind und nicht in der Lage sind, sich an Aktivitäten zu beteiligen, die von Bedeutung sind, nennen wir das in der Ergotherapie Beschäftigungsdeprivation. Wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, Dinge zu tun, die ihrem Leben einen Sinn geben, führt das ultimativ zu psychischen Problemen. Deshalb bringen wir den Zirkus mit, um den Menschen zu helfen, in ihren Körper und Geist zu kommen, spielerisch zu sein, Spaß zu haben, gemeinsam an Dingen zu arbeiten und um ihre Verbindung zu sich selbst aufzubauen. Das Ziel ist es, ihnen ein bisschen Hoffnung für den Rest ihrer Reise zu geben. 

Wie bist du auf die Idee gekommen, Circus Aid zu gründen?
In meinen Zwanzigern war ich eine Feuerartistin. Ich fing an, mehr über Feuertanz zu lernen, und ich denke, das war eine Zeit in meinem Leben, in der ich die Kraft der Verbindung zwischen Atem, Bewegung und Ausdruck realisiert habe. Es war wahrscheinlich eines der ersten Male in meinem Leben, dass ich mich wirklich ruhig fühlte. Feuertanz war also meine Ergotherapie, bevor ich überhaupt wusste, was Ergotherapie eigentlich ist. Später studierte ich. Ich machte einen Master in Ergotherapie und lernte all diese anderen Informationen über motorische Kontrolle und darüber, wie das Gehirn funktioniert, wie der Körper arbeitet. Ich dachte, dass der Zirkus eine wirklich großartige Möglichkeit für Menschen sein könnte, das gleiche Gefühl der Ruhe zu haben und verschiedene Fähigkeiten wie Grob- und Feinmotorik zu trainieren. Das war also ein Teil meiner eigenen Erfahrung. Nachdem ich diesen Beruf gefunden hatte, wollte ich dieses Gefühl den Menschen vermitteln.

Gestern hast du mir gesagt, dass es einen Unterschied zwischen Online-Hilfe und Hilfe im realen Leben gibt. Was hast du damit gemeint? 
Wir machen nun seit vier Jahren Circus Aid-Projekte in Camps. Wir kommen hierher, bauen die Kuppel auf, bringen Spielzeuge und haben eine Menge Spaß. Was die Leute aber wirklich schätzen, ist die Energie, die Interaktion und die Tatsache, dass wir für sie da sind. Wir sind einfach hier, um zu spielen und uns zu engagieren, und es ist uns egal, ob die Leute nicht jonglieren können oder ob sie überhaupt beim Zirkus mitmachen. Was zählt, ist, dass sie da sind, dass sie Teil einer Gruppe sind, dass sie wissen, dass sie wichtig sind, dass sie sich bewusst sind, dass sie so wichtig sind, dass die Leute kommen und ihnen etwas bieten wollen und Mitgefühl für ihre Situation haben. Das ist online schwer zu bewerkstelligen. 

Wunderschön. Was würdest du sagen, ist der wichtigste Aspekt deiner Arbeit? 
Das ist eine wirklich gute Frage. Zuallererst würde ich sagen: Konnektivität. Es geht darum, Gelegenheiten zu schaffen, bei denen Menschen zusammen sein, arbeiten, lernen und Empathie entwickeln können. Ich denke, dass ein großer Teil der Arbeit – logistisch gesehen – in der Zusammenarbeit besteht. Ich mache das hauptberuflich. Aber das ist beim besten Willen keine One-Woman-Show. Ich habe so viele verschiedene Partner:innen. Zum Beispiel: Die Leute, die mir beim Bau der Kuppel geholfen haben, andere haben mir eine Unterkunft zur Verfügung gestellt und mich bei verschiedenen logistischen und bürokratischen Angelegenheiten in Griechenland unterstützt. Melina, die aushilft und Hula-Hoop unterrichtet, die mich bei Projekten unterstützt, die Hunderte von Freiwilligen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, Designer, Architekten, Partner-NGOs. Das ist definitiv eine gemeinschaftliche Anstrengung. Ich denke, das sind die zwei wichtigsten Aspekte: Die Vernetzung und die Zusammenarbeit.

Ich bin der Ansicht, eine Person allein kann eine gute Idee haben, aber wenn Menschen gemeinsam an einem Projekt arbeiten, hat das immer eine größere Wirkung. 
Ja, das ist Magie. In dem Sinne, dass jeder Einzelne so etwas nicht alleine machen kann, aber sobald sie sich zusammentun, beginnt Magie zu entstehen. Und ich denke auch, dass der Zirkus ein perfektes Modell für die Entwicklung von Gemeinschaften ist. Denn wenn man es historisch betrachtet, ist der Zirkus der Ort, an dem Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, Wertschätzung und einen Platz bekamen. Er besteht aus Menschen mit vielen verschiedenen Stärken, Schwächen und Interessen, die alle für ein gemeinsames Ziel zusammenarbeiten. In dieser Hinsicht finde ich, dass Zirkus ein wunderbares Modell dafür ist, wie man in der Welt sein kann, wie man in einer Gesellschaft ist und wie man letztendlich in einer Gemeinschaft leben kann. 

So habe ich noch nie über den Zirkus gedacht. Danke, dass du mich eines Besseren belehrt hast. Ich glaube, viele Menschen haben die Auffassung, dass Zirkus mit misshandelten Tieren einhergeht. Das war auch einer der Gründe, warum ich ihn nicht besonders mochte. Aber die Art und Weise, wie du es gerade erklärt hast, ist einfach wunderbar. 
Zirkus hat eine Evolution durchgemacht. Ich schreibe gerade eine Doktorarbeit über Ergotherapie, die Zirkus einsetzt. Im Zuge dessen habe ich viel über die Entwicklung von Zirkussen gelernt. Die Ursprünge sind sehr nomadisch in unserer Gesellschaft und ja, es gab manchmal verschiedene Organisationen, die Tiere einsetzten. Es gibt traditionellen Zirkus. In vielen Familien wurde die Tradition weitergegeben und der Zirkus war die Familie. Und letztendlich gibt es den New-Age-Zirkus. Der Cirque du Soleil hat ihn sehr populär gemacht. Es geht dabei eher um dieses extreme Spektakel. Ich mag das nicht so sehr. Für mich ist das nicht sehr intim oder nahbar. Weißt du, es gibt so viele andere zeitgemäße Zirkusse. Kleinere Gruppen, kleinere Schauplätze, wo man die Arbeit sieht, die die Leute in eine Show stecken. Man sieht wie jemand, der eine Show macht, auch zum Beispiel Tickets verkauft. Meiner Meinung nach kommen aus Australien einige der beeindruckendsten Zirkuskünstler:innen und Shows. Die Darbietungen, die ich aus Australien sehe, regen mich auch zum Nachdenken über Probleme in der echten Welt an und nutzen Humor auf sehr intelligente Weise, um die Menschen zum Nachdenken zu bewegen, anstatt sie nur zu unterhalten. 

Was treibt dich an, diese soziale Arbeit zu machen? 
Ich glaube, ich habe eine sehr starke Meinung zu sozialen Fragen in der Welt. Als 2015 die Flüchtlingskrise in Griechenland anfing, hatte ich eine klare Einstellung zum Thema Grenzen. Ich denke, dass Menschen das Recht haben umzuziehen, vor allem, wenn es Krieg gibt oder Menschen durch Naturkatastrophen vertrieben werden. Außerdem bin ich demografisch gesehen perfekt für die Arbeit im sozialen Bereich geeignet. Ich bin erwachsen, finanziell abgesichert, habe keine Kinder, ich habe Zeit, Wissen, Fähigkeiten und ich habe die Möglichkeit, zu kommen und zu helfen. Anstatt nur eine starke Meinung zu haben, gehöre ich zu den Menschen, die in diesen Sachen aktiv werden müssen. 

Viele Leute reden viel, aber handeln nicht. Man muss auch den Mut aufbringen, hinauszugehen und die Veränderung bewirken, die man sehen möchte.
Es ist ein großes Unterfangen, aber ich denke, ich habe oft das Gefühl, dass ich nicht weiß, was ich tue, dass ich es mir nach und nach zusammenreime und ich mich dem Lernen öffne. Aber ich glaube, für mich liegt die Freiheit darin, dass ich keine Angst habe, zu versagen oder nicht erfolgreich zu sein, weil ich nicht das Gefühl habe, dass es um mich geht. Wenn alles zusammenbricht und ich nicht in der Lage bin, die Projekte durchzuführen, die ich mir wünsche, bin ich wieder beim ersten Schritt angelangt. Als ich damals mit zwei Koffern voller Zirkus Ausrüstung in ein Camp gegangen bin, hat das immer noch jemandem Freude bereitet. Der springende Punkt ist: Jemand wird davon profitieren. Es geht nicht um das Wachstum von Circus Aid oder darum, dass Circus Aid ein Unternehmen ist. Es geht darum, bei den Menschen etwas zu bewirken, und das kann unterschiedlich aussehen und ändert sich auch ständig. Ich denke, das hilft mir, weiterzumachen. 

Gab es jemals einen Moment, an dem du an dir selbst gezweifelt hast? 
Fast jeden Tag (lacht). Es gab einige große Herausforderungen, denen ich begegnet bin. Zuletzt war das vor zwei Jahren: 2019. Es war geplant, in den Flüchtlingslagern zu sein und wir schickten die Ingenieure in den Hafen, um die Kuppel zu bauen. Alles war bereit. Dann gab es Wahlen und die Mitglieder des Ministeriums in Athen wechselten. Sie sagten, wir hätten keinen Zugang mehr zu den Menschen in den Camps. Das war sehr traurig, denn wir sind am Tag zuvor noch dort gewesen. An jenem Tag kam eines der Kinder auf mich zu. Er war fünf Jahre alt, sehr süß, und er erinnerte sich an mich vom letzten Jahr. Er sagte: „Du bist wieder da! Ich will spielen!“. Am Ende der Sitzung fragte er mich: „Bist du morgen wieder dabei?“ Und ich sah ihm in die Augen und sagte: „Ja, ich werde morgen wiederkommen“. Dann konnte ich nicht zurückkommen und das war für mich wirklich frustrierend. Er hat das nicht verstanden. Für ihn bin ich nur eine weitere Person in seinem Leben, die gesagt hat, dass sie zurückkommen wird und es dann doch nicht getan hat. Für mich war das wahrscheinlich eines der schwierigsten Dinge. Klar, die Bürokratie geht mir auf die Nerven, die ganzen Hürden, die ich überwinden muss und die Änderungen, die es gibt. Das ist zwar ärgerlich, aber es gehört zu meinem Job. Aber wenn ich das, was ich tun kann, nicht richtig präsentiere und jemanden im Stich lasse, dann sind das die Situationen, die für mich am schwierigsten sind. 

Und wie steuerst du deine Gedanken in solchen Situationen? Wie gehst du vor, um aus diesen mentalen Schwierigkeiten herauszukommen? 
Ich versuche, mich um mich selbst zu kümmern und das mache ich mit Zirkus und Tanzkunst. Ich glaube, ich spiele immer noch, denn wenn ich in der Rolle bin, Projekte zu machen, bin ich sehr stark mit der Logistik und der Sicherheit beschäftigt. Dann denke ich über die Kuppel nach, über den Zeitplan und bin mir bewusst, dass die Bedürfnisse der Menschen erfüllt werden müssen. Das ist anstrengend. Wenn ich also nicht damit beschäftigt bin, tue ich Dinge wie diese (sieht sich auf der Bio-Farm um). Ich umgebe mich mit einer wunderbaren Gemeinschaft aus Menschen an einem schönen Ort. An dem wir gemeinsam spielen und etwas erschaffen. 

Du hast mir erzählt, dass du im Oktober an einen Ort gehen wirst. Welcher Ort war das noch mal? 
Ioannina, Katsika Camp. Wir werden mit einer Organisation namens Habibi-Works zusammenarbeiten. Dort werden wir die Kuppel für einen Monat aufbauen und haben eine Menge Programme für Erwachsene und Kinder, wie z.B. Workshops geplant. In dem Camp leben 1500 Menschen, 500 davon Kinder. Die Kinder und Erwachsenen werden hoffentlich zu unseren Workshops kommen und wir werden ihnen Jonglieren, Hula Hooping, Aerial und Clownerie beibringen. Wir werden ihnen helfen zu spielen und über sich selbst zu lachen und zu lernen, dass sie Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen. Dass sie etwas Besonderes sind, dass sie wichtig sind und dass sie vielleicht Talente in sich entdecken, von denen sie gar nicht wussten, dass sie sie haben.

Was sind die drei wichtigsten Lektionen, die du von Circus Aid gelernt hast? 
Definitiv Flexibilität, mentale Flexibilität. Dass dies ein sich ständig veränderndes Umfeld ist und ich in der Lage sein muss, mich anzupassen und zu reagieren. Zudem klare Ziele für die Zusammenarbeit zu haben, um sicherzustellen, dass unser Team und die Partner:innen-Organisationen alle dieselben Ziele und Absichten haben. Damit meine ich die emotionale Hingabe und, dass wir das gleiche Ergebnis anstreben. Die dritte Lektion ist Zusammenarbeit. Zusammenarbeit mit Menschen, die in einer Welt leben wollen, in der ich mich inspiriert fühle und auch eine Inspiration für andere bin. Ich denke, es ist wichtig, dass ich, wenn mich etwas inspiriert, etwas, das mich mit Energie erfüllt, ich im Gegenzug jemand anderen inspirieren kann. In diesem Kreislauf zu leben, das ist es, was mir bei dieser Arbeit nachhaltig geholfen hat.

Wie können unsere Leser:innen Circus Aid helfen?
1. Wir bieten Schulungen in der von uns angewandten Methodik an, sowohl persönlich als auch online.
2. Durch die Teilnahme an einem unserer EU-Projekte für Geflüchtete. Wir lieben es, mit Menschen aus unterschiedlichen beruflichen Hintergründen zusammenzuarbeiten. Wie im Zirkus haben alle Menschen einzigartige Fähigkeiten, die sie einbringen können. Die Leser:innen können sich unsere Seite ansehen und vielleicht denken sie: „Ah, ich kann es besser machen, indem ich das mache.“ Wir sind offen für neue Ideen und Vorschläge. So wie du es heute mit mir getan hast. Sie können auf unserer Website oder Instagram vorbeischauen. Falls sie etwas inspiriert und sie mitmachen wollen, dann können sie sich einfach melden. Wir finden bestimmt einen Weg, um zusammenzuarbeiten. 
3. Natürlich brauchen wir immer Geld. Über diesen Link kann man für unser nächstes Projekt spenden. Zudem brauchen wir Leute, die uns mit unseren sozialen Medien helfen, wir brauchen Leute, die in den Camps mithelfen und die Workshops unterrichten – die Leser:innen brauchen keine Vorkenntnisse in Zirkus oder Ergotherapie, um mitzumachen. Wir sind offen für zahlreiche Möglichkeiten der Zusammenarbeit. 

www.circusaid.com

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Circus Aid 2

Fotos © Rifan Oktavianus

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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