Manchmal habe ich eine ganz bestimmte Vorstellung von etwas in meinem Kopf, nur um daraufhin den ganzen Plan wieder über Bord zu werfen. Genau wie mit diesem Text.

Der Plan war es, über Redflags zu schreiben. Darüber, was sie sind, weshalb wir sie so oft missachten und was dies mit uns macht. Das Problem dabei war, dass ich nach wie vor keine Ahnung davon habe.
Ich weiß weder, wo “kritisch sein” aufhört und Redflags anfangen, geschweige denn, weshalb wir sie ignorieren. Alles, was ich weiß, ist, dass dieser Text langsam, aber sicher selbst zu einem Redflag für mich wird.

Und damit sind wir auch schon bei meiner ersten Frage: Sind Redflags einfach nur Warnsignale, die in jedem Lebensbereich auftauchen können? Denn das würde bedeuten, dass ich schon Unzählige von ihnen missachtet habe. Wie als Kind die Schilder, auf denen stand “Achtung Baustelle” oder “Eltern haften für ihre Kinder”. Zäune, die mit diesen Schildern ausgestattet waren, wurde immer als Erstes bestiegen und ich frage mich, weshalb sie immer als Einladung verstanden wurden? Waren es die anerkennenden Blicke der Jungs aus meiner Freundesgruppe? Das Gefühl, auch als Mädchen genug Raudi zu sein und mit den Jungs mithalten zu können? Oder unsere verschwörende Blicke, die wir heimlich austauschten, wenn uns die Bauarbeiter:innen ausschimpften. Die, die wir wechselten, kurz bevor wir unter lautem Gejohle die Flucht ergriffen.

Erkennst du jetzt mein Dilemma?

Der Grund für mein Missachten könnte jetzt sowohl die Anerkennung als auch die Verbundenheit sein oder beides zusammen. Wenn ich allerdings Redflags als ein Phänomen von zwischenmenschlichen Beziehungen ansehe, komme ich auf ein weiteres Beispiel. Es gab mal eine Person in meinem Leben, die im Grunde ein einziges Redflag war. Laut, wenn Stille angemessen war. Wertend, wenn nicht sogar abwertend gegenüber fast allem und jedem. Egozentrisch und fordernd in Dingen, die nicht einforderbar sind. Weltfremd und verschlossen gegenüber neuen Perspektiven. Kurz um: genau das Gegenteil von dem, was ich an anderen Personen schätze. Und doch ließ ich mich darauf ein.

Ich könnte es mir jetzt einfach machen und sagen, “Tja, Liebe macht bekanntlich blind”. Der Knackpunkt dabei ist allerdings, dass das nicht stimmt. War zu diesem Zeitpunkt weit davon entfernt, überhaupt verliebt zu sein. Und vielleicht war es genau das. Wollte nach einer Ewigkeit, diesen Thrill des Verliebtseins wieder spüren. Hab ich deshalb über alles hinweggesehen? Ist es überhaupt wichtig, das zu wissen? Oder sollte ich mich vielmehr fragen, was ich dadurch gelernt habe?

Ich komme mir immer etwas blöd vor, wenn ich sage, dass man aus jeder Situation etwas mitnehmen kann. Aber eigentlich stimmt es schon. Zumindest weiß ich jetzt, dass Redflags ihre Berechtigung haben. Es war im Vorhinein schon klar, dass es nie die ewige Liebe sein wird und vielleicht hätte ich mir wirklich einiges an Stress ersparen können. Doch dieser Abstecher in ein Leben, welches dem meinem so fern ist, war für eine kurze Zeit lang auch echt schön. Bin damit aus meiner Komfortzone ausgebrochen, vielleicht immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand und schlussendlich voll auf der Schnauze gelandet. Aber na und? Wenigstens bin ich dadurch mal meinem Alltag entflohen.

Im Grunde glaube ich, dass Redflags schon ihre Daseinsberechtigung haben. Ob wir uns immer danach richten sollten, weiß ich nicht. Ist wahrscheinlich jedem selbst überlassen. Ich denke nur, dass, wenn wir uns dafür entscheiden, sie zu ignorieren, wir sie voll und ganz auskosten sollten. Und alles aus der Situation mitnehmen. Denn solange wir am Ende wieder bei uns selbst ankommen, können wir doch dazwischen auch mal einen Abstecher ins Abenteuerland machen.

Nicht?

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: Luise Hansen

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