Ich habe mal gehört, es sei ein neuer Trend aus Berlin, sein inneres Kind zu entdecken. Sei es ein Trend, sei es keiner – ist mir egal – denn mir hat es geholfen. Ich bin über eine Freundin darauf gestoßen, die wohl allem anderen hinterherrennen würde außer irgendeinem Trend aus Berlin. Für mich begann alles, als ich mich vor ungefähr anderthalb Jahren aus einer toxischen Beziehung befreite. Die Beziehung dauerte ebenso lange an und Mensch könnte sie in drei gleichlange Phasen unterteilen: die Honeymoon-Phase, die Apokalyptische-Zerstörungs-Phase und schlussendlich die Trennungsphase.

Wenn ich mich bei meinen Generationsgenoss*innen so umschaue, ist es ein gar nicht mal so untypischer Verlauf einer Beziehung. Es wird sich reingestürzt in die Wellen der allerfüllenden Liebe und Geborgenheit, Erotik und Spaß. Bis einen die Wellen dann irgendwann zu verschlingen beginnen und Mensch dann nicht mehr weiß, wo Norden und wo Süden ist. Es ist sehr mühsam, aus diesem tobenden Gewässer wiederaufzutauchen und seine Schwimmbahn erneut aufzunehmen.

Ich für meinen Teil kämpfte mich aus dem Strudel heraus, wusste nicht, wo lang und strandete am Ufer wie ein Wal, der vollkommen die Orientierung verloren hatte. Meine Freundin und ihr Buch „Aussöhnung mit dem inneren Kind“ waren wie die Tierschützer, die mich zurückverfrachteten und auf die richtige Fährte leiteten. Das Buch stammt aus den 90ern und aus dem Regal ihrer Mutter. Bei zahlreichen Abenden mit Bier und Kippen am Strand oder im Bett musste ich feststellen, dass ich eine co-abhängige Beziehung geführt hatte. Unsere Dynamiken und mein vermeintlich individuelles Verhalten waren feinsäuberlich im Buch niedergeschrieben von einer Person, die mich nicht kannte. Es waren psychologische Muster, die so viele Menschen in ihrem Alltag und in ihren Beziehungen lebten.

Was ist denn Co-Abhängigkeit?

Kurz gesagt bedeutet es, dass du deinen Partner/deine Partnerin verantwortlich für deine Gefühle machst und andersherum. Ihr beide gebt die Verantwortung für euch selbst an den jeweiligen Partner ab, anstatt sie für euch selbst zu übernehmen. Damit sind euer Wohlbefinden, eure Entscheidungen, im schlimmsten Fall euer ganzes Sein von dem oder der Anderen abhängig.

Klingt ganz schön unsexy, was? Eher so, als würde Mensch gegenseitig die Elternrolle spielen. Und das macht leider keine gesunde Beziehung aus (fragt Psycholog*inne, die würden wohl Ähnliches sagen). Seitdem ich meine Wahrnehmung auf diese ungesunden Beziehungsdynamiken gelenkt habe, sehe ich sie sehr häufig. In Filmen, in Büchern, bei Freund*innen, in der Familie. Es scheint beinahe das normale Modell einer monogamen Beziehung zu sein (welche Geschlechter da zusammenkommen spielt keine Rolle).

Paare umsorgen sich, kümmern sich umeinander, schützen einander. Dabei wechseln sich die Rollen von Zeit zu Zeit ab. Mal umsorgt der/die Eine, mal der/die Andere. Dieses Konzept mag so lange gut gehen, bis es vor die Wand fährt. Was es tatsächlich nicht immer tut. Aber oft. Sehr oft (die Scheidungsrate liegt bei +/- 40 Prozent, und da geht es nur um verheiratete Paare). Sicherlich mag es auch Paare geben, die sich der Co-Abhängigkeit enthoben haben. Ich kenne sie nur leider (noch) nicht.

Nun ja, bei mir war es ein ziemlich doller Crash mit der Wand der bitteren Realität. So doll, dass ich seitdem keine Liebesbeziehung mehr eingehen konnte, weil ich einfach so schockiert war von mir selbst und Angst hatte, mir selbst noch mal so etwas anzutun. Stattdessen habe ich mich dem Prozess der Aussöhnung mit meinem inneren Kind gewidmet.

Wal 2
Illustrationen: Felix

Was ist denn nun das innere Kind?

Nun, es hat mehrere Dimensionen. Es ist im groben einfach eine Lesart seiner Gefühle, um sie verstehen und einordnen zu können und um auf Dauer besser mit sich und seinen liebsten Mitmenschen umgehen zu können. Vieles deines Verhaltens ist auf das zurückzuführen, was dich in deiner Kindheit und Jugend geprägt hat. Dies sind teilweise traumatische Erfahrungen, die manchmal sehr schlimm und brutal sind. Manchmal sind sie aber auch unscheinbar und gelten als „normal“. Tatsächlich kannst du davon ausgehen, dass auch deine Eltern nicht im Reinen mit ihrem inneren Kind sind, und zwar, weil ihre Eltern es auch nicht waren (und so weiter). Ich habe mal den Spruch gehört „We are all just products of childhood trauma“. Dem ist wohl so. Das innere verletzte Kind schreit und will dich aus deinem Alltag reißen, du unterdrückst es, weil du es nicht hören willst, weil es zu schmerzhaft ist. Du als Erwachsene*r gehst nicht liebevoll mit deinen Wünschen, deinen Bedürfnissen um, sondern ignorierst sie, wartest darauf, dass jemand anderes dich erfüllt und bestrafst dich obendrein noch für deine negativen Gefühle und für Fehler, die du machst.

Die Aussöhnung mit deinem inneren Kind hilft dir, Verantwortung für dich selbst zu übernehmen und deine Gefühle nicht von anderen Menschen abhängig zu machen. Der Prozess verspricht eine individuelle Erfüllung deiner Selbst und gesunde Beziehungen zu deinen Lieblingsmenschen: Freund*innen, Eltern, Geschwister, dein Partner oder deine Partnerin.

In diesen Prozess habe ich mich vor ungefähr anderthalb Jahren begeben und so langsam kann ich behaupten, dass ich keine Angst mehr habe. Der Wal hat nun wieder Kurs aufgenommen und ist bereit für neue Gewässer. Vielleicht wird er auch noch mal zu nah an ein Ufer kommen, weil die Wellen wieder mal so turbulent sind. Doch ich glaube, hoffe, wünsche mir ganz doll, dass er es rechtzeitig checkt und die Biege macht!

Dieser Text erschien zuerst auf dieverpeilte.

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