Ich bin Laura, 26. Ich arbeite in Köln in einem Secondhand-Shop und als freie Illustratorin. Außerdem bin ich queer. Warum ich euch das erzähle? Weil meine Sexualität selbst noch in einer so bunten Stadt wie Köln ein Ding für viele (fremde) Menschen zu sein scheint. 

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Wenn ich mit meiner Freundin unterwegs bin und sie mich küsst, schließe ich meistens nicht die Augen. Warum ich das nicht tue? Weil ich dann zu sehr damit beschäftigt bin, über ihre Schulter zu blicken, um auch ja mitzubekommen, ob uns irgendwo irgendwer komisch anschauen könnte. Das ist ihr auch schon aufgefallen. Generell bin ich mit Zuneigung in der Öffentlichkeit vorsichtig. Schon zu oft blieb die nämlich nicht unkommentiert.

Dabei ist „Schön, wie offen ihr das auslebt!“ noch die harmlose Variante. Ist vielleicht lieb gemeint, doch auch das nervt mich. Denn so ein Kommentar gibt mir das Gefühl, meine Küsse, Umarmungen und die Hände, die ich halte verlangen wirklich Mut. Hört bitte auf da so ein Ding draus zu machen, dann kann ich das vielleicht auch.

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Richtig unangenehm wird es aber, wenn männlich gelesene Personen obszöne Geräusche machen und fragen, ob sie mitmachen dürfen. Oder wenn sie mir erklären, dass sie genau die Männer sind, auf die ich gewartet habe. Dann muss ich keine Frauen mehr daten, puuh. Beziehungen ohne Männer können natürlich nicht funktionieren. Your mysogonie is showing.

Doch es gibt auch schöne Aufmerksamkeit: Momente des gegenseitigen queeren Erkennens zum Beispiel. Are you..??? Yes, I am. Are you?? Teil einer Community zu sein, gibt mir persönlich Halt. Und es ist auch nicht so, dass ich mich dafür schäme, queer zu sein, ganz im Gegenteil. Ich habe nur keine Lust, immer auf der Hut sein zu müssen, vor dem nächsten Kommentar.

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Alle Illustrationen: Laura Sistig

Das Ganze schreibe ich aus der Perspektive einer weißen, queeren Cis-Frau. Für queere Menschen, die von mehrfacher Diskriminierung wie Rassismus oder Transfeindlichkeit betroffen sind, kann das Zeigen von Zuneigung in der Öffentlichkeit noch viel bedrohlicher sein. Das muss aufhören.

Wenn ihr euch Gedanken über die Sexualität oder das Geschlecht von Personen macht, die ihr nicht kennt, überlegt euch genau, ob ihr sie nicht besser für euch behaltet. Das ist ein superprivates Thema und einfach none of your business. Wie gesagt, ich freue mich darüber, auch andere queere Paare zu sehen. Aber ich möchte, dass sie sich sicher genug fühlen, um ihre Augen beim Knutschen schließen zu können.

Also, liebe heteronormative Mehrheitsgesellschaft und vor allem liebe Männer: Behaltet eure Kommentare doch einfach für euch. Wir bekommen das auch ohne ganz gut hin.

*Anmerkung der Redaktion: Dies ist ein Erfahrungsbericht und gilt mitnichten für alle Menschen. Es geht hier um eine persönliche Perspektive, nicht um Pauschalisierung. 

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Autor:innen

Laura Sistig
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Ist seit 2021 Illustratorin bei DIEVERPEILTE. Hat 2021 ihren Bachelor mit dem Schwerpunkt Illustration absolviert. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich Grafik & Illustration.

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