Mein Vater ist nicht die gesprächigste Person. Während meine Mutter von einer Quatscherei in die nächste gleitet und dabei immer was zu berichten hat, muss man meinem Papa die Worte aus der Nase ziehen. Er weiß einfach nicht, worüber er reden soll, sagt er mir immer. Das ändert sich, sobald ein Depeche-Mode-Song läuft. Seine Augen fangen dann an zu glitzern. Die sonst so sparsam gewählten Worte sprudeln aus ihm heraus, mit ihnen die Gefühle, die durch Erinnerungen geweckt werden. Wenn mein Vater über Musik und die damit verbundenen Geschichten von der Sehnsucht nach einer freieren Welt redet, kann ich nicht anders, als gespannt zu lauschen. Durch das Aufwachsen mit Streaming-Anbietern ist es für mich schwer vorstellbar, wie man damals Musik konsumierte. Oft vergesse ich, dass die DDR-Geschichte noch gar nicht so lange her und dass Westplatten mindestens genauso schwer zu bekommen waren wie die stylishen Wrangler-Jeans!

DIEVERPEILTE: Papa, was ist deine Lieblingsband?
Annes Papa: Die Frage kannst du dir ja eigentlich selbst beantworten (lacht). Depeche Mode!

Wieso gerade diese Musikgruppe?
Damals, als ich angefangen habe, mich mit Musik zu beschäftigen, war das eine völlig neue Art von Klangerlebnis. Das fand ich extrem faszinierend und sie haben mich sofort in ihren Bann gesogen. Das hat sich auch in den weiteren Jahren so durchgezogen. Alleine den Musikstil fand ich so beeindruckend. Einfach was ganz Neues für mich und für damalige Zeiten hoch-modern. In deren Musik habe ich mich einfach am ehesten gesehen.

War deine erste Schallplatte auch von Depeche Mode?
Meine erste eigene Schallplatte (überlegt). Ja! Das war eine Platte, die Amiga aufgelegt hatte. Das war die DDR-Plattenfirma und -produktion. Die übernahmen ein Album von Depeche Mode aus dem Westen! Das war ein Best of von Anfang bis 1986/87. Zu DDR-Zeiten bist du an die Original Platte erst gar nicht gekommen. Die gab es im Osten einfach nicht. Das war aber ein offizielles Album und Amiga hat die Lizenz dafür bekommen. Die habe ich natürlich auch noch!

Gibt es Platten, die einen besonders emotionalen Wert für dich haben?
Bei der Grenzöffnung war ich in Berlin bei der Armee. Meine ersten 100 Mark Begrüßungsgeld nach der Öffnung habe ich genommen und bin ins WOM – World of Music. So hieß der Plattenladen und da habe ich mir zehn Schallplatten gekauft!

Weißt du noch, welche das waren? 
Da war auf jeden Fall Kraftwerk „Mensch-Maschine“ dabei! An mehr kann ich mit leider nicht mehr genau erinnern (lacht). Der Rest muss aber Depeche Mode gewesen sein, denn ich besitze alle offiziellen LPs von damals!

Da hast du dann angefangen, Platten zu sammeln?
Ja, da habe ich begonnen, die offiziellen Alben zusammenzusammeln. Theoretisch bin ich ja auch erst ab der Grenzöffnung in die Lage gekommen, mir die Originale zu kaufen. Also habe ich nach der Wende erst angefangen, alles zu vervollständigen! Das ging auch relativ zügig, dass ich mir die trotz Studium alle geholt habe.

Für damals ein ganz schön teures Hobby, oder?
Dafür war Geld da (lacht). Schlimm war es, die ganzen Maxi Singles zu bekommen! Da gab es ja für manche Auskopplungen drei Maxis. Die haben damals auch zehn Mark gekostet und das war wirklich viel für mich! Danach ging der Trend weg von der LP hin zur CD und der ganze Spaß ging von vorne los! Ich kaufte mir also alles erneut auf CD gekauft (lacht). Aktuell entwickelt es sich ja wieder zurück und ich versuche jetzt diverse Vinyls von den neueren Alben zu bekommen.

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Die Plattensammlung von Annes Papa © FOTO: MAMA

Wie viele Platten besitzt du ungefähr?
Tonträger besitze ich irgendwas um die 300, also alles von CD bis hin zu Schallplatten. Nicht ganz die Hälfte davon sind Platten!

Papas Top 5 Lieblingsplatten:

01 Depeche Mode – Some Great Reward (Mute)
Da hab ich angefangen, mich mit Musik so wirklich zu beschäftigen. Es war, wie gesagt, etwas anderes für die damalige Zeit und das hat mich direkt begeistert!

02 Depeche Mode – Black Celebration (Mute)
Depeche Mode hat da begonnen, sich ein wenig zu verändern und zu experimentieren. Alles wurde ein bisschen düsterer. Das war ganz spannend!

03 Kraftwerk – Mensch-Maschine (Kling Klang)
Das waren völlig neue Klangwelten, die man hören konnte! Durch meine Eltern musste ich sehr viel Disco hören und mein Bruder ist mit seinem Musikgeschmack in den 60ern stehen geblieben. Daher war Kraftwerk einfach eine völlig neue, faszinierende Welt, in die ich eintauchen konnte.

04 Martin L. Gore – Counterfeit EP (Mute)
Kurz vor der Wende, es war schon 1989, war meine Mutter im Westen. Ich habe sie gebeten, mir bestimmte Platten mitzubringen und das war eine davon.

05 Tracy Chapman – Tracy Chapman (Elektra)
Die gehörte auch zu den Platten, die ich mir von meiner Mutter wünschte und gehört daher zu meinen Ersten!

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

ILLUSTRATION: VIKTORIA GEIS

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