Schon als Kind liebte ich Bücher, Filme und Gedichte – die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen mit Hilfe aller möglichen Medien. Mehrere halb fertige Romane lagen in meiner Schublade. Nebenbei zeichnete ich auch regelmäßig Comics über einen sprechenden Löwen. Meine Eltern betitelten mich als Labertasche, ich redete und redete und redete. Ich träumte davon, eine angesehene Autorin zu werden. Journalistin noch dazu. Vielleicht Moderatorin? Politikerin? Ich tauchte in meine wunderschöne Welt aus Worten ein, wollte endlos in ihrer Magie verweilen und nur selten wieder aus ihr heraus. 

Blöd nur, dass mir meine eigenen Deutschkenntnisse im Weg standen.

Meine Eltern und meine großen Geschwister kamen in den Neunzigern nach Deutschland. Ich bin die Einzige von uns, die „Köln“ statt eines kasachischen Dorfes im Pass stehen hat. So sehr meine Familie auch versuchte, mir die Integration in das deutsche Leben zu erleichtern, wollte es in der Kindheit für mich schlichtweg nicht mit der deutschen Sprache klappen. Die Texte, die wir in der Grundschule lesen mussten, waren mir viel zu kompliziert. Es war der reinste Horror, den richtigen Artikel zu finden. Der Auto fährt, das Hund bellt, der Haus brennt. Zeitformen hatte ich auch nicht drauf. Der Haus brennte! Wenn ich mit jemandem sprach, wusste ich oft nicht, wie eine bestimmte Sache hieß. Dann bastelte ich mir im Notfall auch mein ganz eigenes Vokabular – Zeituhr statt Uhrzeit und statt Abkürzung, sagte ich Kurzweg, und ein Cabrio war ein kaputtes Auto für mich.

»Hör mal Elena«, unterbrach mich einmal meine Grundschullehrerin. »Erklär mir bitte, wieso zur Hölle dein Deutsch so grottenschlecht ist, wenn du schon dein ganzes Leben lang hier lebst. Da schämt man sich ja richtig, dir zuzuhören!« Gerade war ich zu ihr gekommen, um ihr eine lustige Geschichte von meinem Wochenende zu erzählen. Jetzt hatte ich Tränen in den Augen. Heute hätte ich ihr erklärt, dass ich nun mal verwirrt und völlig überfordert war. Zu Hause wurde abwechselnd russisch oder deutsch geredet; überwiegend wurde aber russisch gesprochen. Meine Freund:innen waren meist ebenso migrantisch und hatten oft selbst mit der deutschen Sprache zu kämpfen. Und in der Schule erhielt ich nicht ansatzweise die richtige Unterstützung, um mit meiner Mehrsprachigkeit umzugehen. Nebenbei hätte ich meine damalige Klassenlehrerin auch als gottverdammt herzlos betitelt, mir so etwas zu sagen. Aber ahnt ihr was? Mir fehlten buchstäblich die Worte.

Ihr Kommentar war der Wendepunkt für mich. Dass ich gelegentlich die Lachnummer meiner nicht-migrantischen Klassenkamerad:innen war, dass Lehrkräfte mir meine Aufsätze mit einem Seufzer zurück gaben und mir ins Ohr flüsterten: „Komm bitte nach dem Unterricht zu mir“, das war schon immer so. Dass mich Leute anguckten, als hätten sie einen jonglierenden Hund gesehen, wenn ich ihnen sagte, ich würde später gerne was mit Schreiben machen und sie sagten „Wie soll’n dat gehen?“, das kannte ich auch. Ich wusste, dass ich ein Problem hatte. Doch ich wusste nicht, dass ich mich dafür zu schämen hatte. Das tat ich von da an. Und ab diesem Punkt liebte ich Wörter nicht mehr.

Meine Bücher verstaubten im Regal, ich hörte auf zu schreiben. Im Unterricht schwieg ich lieber, anstatt schon wieder Gefahr zu laufen, einen Fehler zu machen. Wo ich hinging, wo ich meinen Mund öffnete, jede:r spielte ungefragt meine:n Deutschlehrer:in. Auch wenn es vielleicht nicht böse gemeint ist, verliert man den Mut, wenn es Dutzende Male an einem Tag passiert. Ich fragte mich: „Bin ich ein wandernder Grammatikfehler für euch oder hört mir mal jemand endlich wirklich zu?“. Aus diesem Grund beendete ich sogar manchmal Freundschaften. Nach einer Weile wurde ich jedoch selbst zu meiner schlimmsten Kritikerin. Ich vermutete, es läge an meiner fehlenden Intelligenz, dass ich diese Probleme hätte. Es sei ganz und gar meine Schuld. Meinen Schmerz hielt ich meinen Eltern gegenüber geheim. Zu groß war die Angst, dass sie denken könnten, sie hätten etwas falsch gemacht. Als Migrantin und Migrant erster Generation hatten sie ihre ganz eigenen Probleme, von denen manche noch viel schlimmer waren als meine. Es war aber kein Geheimnis, dass sie über meine schlechten Noten enttäuscht waren.

Laut des Statistischen Bundesamtes haben in Deutschland mehr als ein Viertel der Menschen einen sogenannten Migrationshintergrund. Und die Tendenz steigt. Schon im Kindesalter wird in der Schule anhand der Herkunft der Eltern entschieden, ob das Kind in zwanzig Jahren mal ein Universitätsdiplom in der Hand halten wird oder nicht. Spricht das Kind zu Hause französisch oder englisch, wird es dafür bewundert, wird arabisch oder polnisch gesprochen, ist es eher ein Problem, welches man umgehend beheben muss. Sonst gibt es keine Aufstiegschancen. Um die Mehrsprachigkeit zu meistern und darauf zu achten, dass das Kind die deutsche Sprache perfekt beherrscht, fehlen vielen migrantischen Eltern die nötigen Mittel. Viele sind nun mal auch ohne akademischen Hintergrund nach Deutschland gekommen und leben nicht selten sogar an der Armutsgefährdungsschwelle. Ihre Priorität ist das blanke Überleben, frei nach dem Motto: „Träumen können wir später!“ Kinder, die es doch weiter als ihre Eltern geschafft haben, krönen sich für den Rest ihres Lebens damit: „Meine Familie ist damals aus der Türkei nach Deutschland gekommen und trotzdem habe ich den Doktortitel erreicht!“

Dieses „Trotzdem“ strebte ich im Laufe meiner Pubertät an. Ich büffelte und büffelte, übte und übte, um meinen Wortschatz zu perfektionieren. Ich kann von Glück sprechen, – besonders zu meiner Oberstufenzeit – tolle Lehrer:innen gehabt zu haben, die mich unterstützten und ermutigten, anstatt mich zu tadeln und als hoffnungslosen Fall abzustempeln. Die richtige Unterstützung kommt besser viel zu spät als nie! Sie waren es auch, die mich wieder zurück zum Schreiben brachten. Ebenso traf ich viele migrantische Menschen, die mir von ähnlichen Erfahrungen erzählten. Ich fühlte mich nicht mehr so alleine und alles wurde viel leichter. Andererseits werde ich aber nie die Momente vergessen, als ich weinend über meinen Hausaufgaben saß. Als ich in der elften Klasse mal meinen Aufsatz vorlesen musste, sich meine Kehle zuschnürte und sich alles um mich herum drehte, hatte ich eine meiner allerersten Panikattacken. Dies wiederholte sich, als ich in meiner Freizeit Texte – wie diesen hier – schrieb, doch sie nach einigen Absätzen und Grammatikfehlern vor lauter Frust verwarf. Heute habe ich mein Abitur in der Tasche und ich weiß, dass meine Grundschullehrer:innen erstaunt darüber wären. Sieht so jedoch eine erfolgreiche Integration aus? Musste ich mich an meine psychische Grenze arbeiten, nur damit ich jetzt mehr Freiheiten in meinem beruflichen Werdegang haben darf? Trotz der Tatsache, dass meine Eltern nicht aus Deutschland stammen und deutsch eben nicht meine erste Muttersprache ist? Gott, ich verabscheue dieses „Trotzdem“.

Den Beziehungsstatus zwischen den Worten und mir würde ich heute als „Es ist kompliziert.“ betiteln. Beim Tindern habe ich manchmal das Verlangen, meinen Kopf gegen die Wand zu hämmern. Ich schrieb letztens: „Bist du zu Studieren hier in der Stadt?“. Ich dachte: Das war’s! Jetzt werde ich sicher geghosted. Aber kurze Momente wie dieser sind heute eher zur Seltenheit geworden. Ich schreibe nun wieder sehr viel. Um es anderen Menschen zu zeigen, jedoch eher weniger.

Ich bezweifle, dass sich durch diesen kurzen Text hier das deutsche Schulsystem im Umgang mit migrantischen Kindern radikal ändern wird. Ebenso werden nicht alle Hobby-Deutschlehrer:innen beginnen, ihr Gegenüber zuerst nach dem Konsens zu fragen. Ich habe keine großen Ziele mit diesem Text, außer, dass ich mich endlich traue, das hier jemandem zu schicken. Wenn also jemals jemand diesen Text lesen wird, bedeutet es, dass ich mich ausnahmsweise meiner Angst vor meinen grottenschlechten Deutschkenntnissen gestellt habe. Das ist doch schon mal was.

Autorin: Elena Mumza  
Illustration: Marc Lewis Ramage

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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