Letztens haben mich meine Eltern besucht und wir haben ein langes Gespräch über Sexismus geführt. Beziehungsweise ich habe mich lang und breit über Sexismus aufgeregt und meine Eltern haben mir zugehört, die Schulter getätschelt, defensiven Bullshit von sich gegeben oder verunsicherte Fragen gestellt.

Abends sind sie weggefahren und ich hatte einen roten Kopf und habe in meiner feministischen Telegram-Gruppe euphorisch über dieses unglaubliche Erlebnis berichtet: Meine Boomer-Eltern haben mit mir über Sexismus geredet! Ohne vom Thema abzulenken! Ohne genervt zu reagieren! Oder mir zu unterstellen, ich würde das alles zu wichtig nehmen! Wow, die Messlatte ist auf dem Boden, ich weiß. Trotzdem wurde mir reihum gratuliert, weil einfach viele von uns diese Situation kennen und sie meistens eher anstrengend, unbefriedigend und frustrierend verläuft.

Ich habe in den folgenden Tagen mit mehreren Freund:innen darüber gesprochen, und sie haben mir bestätigt, dass dies ein besonderes Erlebnis gewesen ist, das sie so auch nicht gewohnt sind. Je nach Alter der Eltern (oder Großeltern) steht es beschämend schlecht um die „Wokeness“ unserer Liebsten. Die Berichte reichten von dem Vater, dem auf einer Fahrradtour beigebracht werden musste, dass es nicht nett, sondern rassistisch sei, seine Bekannte mit schwarzen Kindern zu fragen, „wo der Vater der Kinder denn herkomme?“. Der Vater meiner Freundin wurde richtig wütend und fuhr eine ganze Weile beleidigt vor seiner Tochter her. Dann trat er auf die Bremse und erklärte ihr ganz verstört, er sei doch kein Rassist, er sei damals mit der linken Jugend in Afrika gewesen! „Ja Papa, aber dein Verhalten kann trotzdem rassistisch sein.“ Darüber musste er erst mal nachdenken.

Eine andere Freundin von mir berichtete, sie habe ihren Großeltern am Telefon erzählt, dass sie bei verschiedenen Demonstrationen zum 8. März dabei gewesen sei. Ihr Großvater habe sofort gemeint „Wozu müssen die Frauen denn da noch demonstrieren? Ihr habt doch schon alles! Frauen dominieren heutzutage doch die Männer!“.

Der Anlass, warum ich überhaupt mit meinen Eltern über Sexismus gesprochen habe, war der 8. März, und dass ich auf die Demo in meiner Stadt gegangen bin. Ich habe meinen Eltern dann am Wochenende danach, als sie zu Besuch bei mir waren, darüber erzählt. Was für eine tolle Stimmung es gewesen sei, wie viele Leute da waren und wie viel mir dieses Gemeinschaftsgefühl gegeben hat. Ich habe außerdem erwähnt, dass es mich geärgert hat, dass mein Partner, der am 8. März Geburtstag hat, mich den Abend vorher gefragt hat, ob ich nicht auch auf die Demo verzichten und bei ihm zu Hause bleiben könne.

Ich hatte mich seit Wochen auf die Demo gefreut. Aber jetzt stand er traurig und einsam vor mir. Und deshalb habe ich gesagt. „Ja, dann gehe ich nicht zu der Demo und bleibe bei dir.“ Und das hat mich im Nachhinein sehr geärgert. Ich habe meine Meinung geändert und mit ihm darüber gesprochen und bin zur Demo gegangen und es war super.

Meine Eltern haben allerdings überhaupt nicht verstanden, warum mich die Frage meines Freundes geärgert hat. Ich habe versucht, ihnen zu erklären, dass es für mich ganz schön scheiße ist, dass Freunde und Verwandte von mir erwarten, dass ich „als seine Freundin“, seinen Geburtstag schön mache. Dass mein Partner und ich darüber gesprochen hatten und er mir versichert hat, dass es wirklich nicht meine Verantwortung sei. Und dann hing es auf einmal doch an mir. Und ich sollte für ihn meine Pläne umschmeißen. Weil er nicht rechtzeitig die Initiative ergriffen hatte, um selbst diesen Tag für sich besonders zu gestalten.

„Er hätte ja mitgehen können“, meinte meine Mutter.
„Männer sind halt so“, meinte mein Vater.

Was soll das denn heißen? Das konnte mir mein Vater auch nicht erklären.

Also habe ich ihnen einen Vortrag darüber gehalten, was traditionelle Geschlechterrollen von Frauen verlangen: dass sie für schöne Stimmung sorgen, dass sie sich kümmern und ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse hinten anstellen. Unbezahlte Sorgearbeit, unbezahlte emotionale Arbeit, unbezahlte mentale Arbeit, unbezahlte Arbeit für die Beziehung(en). Und das habe ich so tief verinnerlicht, dass ich es von mir selbst erwarte. Genau wie mein Freund es von mir erwartet hat, als er traurig und verunsichert war.

Und das gilt es zu reflektieren und aufzuarbeiten, weil es sexistisch ist. Weil wir alle darunter leiden.

Dann habe ich weitergeredet: über sexualisierte Gewalt und Übergriffe, die tagtäglich passieren. Über sexistische Aussagen und Anmachen auf der Straße, im Internet, bei der Arbeit, beim Einkaufen, in der Uni, in der Schule, von meinem Therapeuten, im Park auf einer Wiese mit meinem Freund und ein Typ fährt an uns vorbei und schreit mich an: „Jetzt f*ck ihn doch endlich! Los, steck ihn rein!“.

Als ich das erzählt habe, ist meine Stimme gebrochen und ich habe geweint. Meine Eltern saßen etwas schockiert da. Meine Mutter hat mir die Schulter gestreichelt. Dann habe ich weitergeredet. Dass es bei solchen Vorfällen um Macht geht und dass weiblich gelesene Personen in unserer Gesellschaft nicht so respektiert werden wie weiße hetero cis Männer. Dass von vielen Männern nach unten getreten wird, um das eigene Ego zu pushen.

Mein Vater hat erzählt, dass bei ihm auf der Arbeit ein jüngerer Kollege von seiner Frau geredet hätte. Was genau sein Kollege gesagt hatte, wusste er nicht mehr.

„Ich dachte erst, der macht nen Witz“, meinte mein Vater. „Aber das war gar kein Witz, der meinte das ernst. Du hättest das wahrscheinlich sexistisch genannt. Aber ich bin mir da nicht so sicher. Und ich wollte da auch nichts sagen. Ich bin da nicht so schlagfertig.“
Das hat mich erstaunt: „Du musst doch nicht schlagfertig sein. Du kannst einfach fragen, was er denn damit meint. Oder was das soll. Das bewirkt schon voll viel.“
„Ja, da waren ja auch unsere Kolleginnen. Die haben da schon was gesagt und den Kopf geschüttelt.“
„Papa, du musst da was sagen! Du kannst das nicht deinen Kolleginnen überlassen. Und außerdem wird es ganz anders ernst genommen, wenn du sowas sagst. Du bist eben ein Mann. Der junge Kollege sagt das wahrscheinlich sogar, um euch ältere Männer zu beeindrucken. Und wenn ihr ihm nicht klar macht, dass ihr das scheiße findet, dann denkt er, dass das okay ist!“

Mein Vater wirkte trotzdem noch unsicher. Er und meine Mutter haben dann von einer Frau erzählt, die in ihrer Nachbarschaft wohnt. „Der Mann von ihr erlaubt ihr nicht, arbeiten zu gehen. Und wenn sie Besuch bekommt, muss der immer weg sein, bevor ihr Mann wieder da ist. Und als sie den Balkon vor Weihnachten dekoriert hat, musste sie wieder alles runternehmen, weil es ihm nicht gefallen hat!“

Das ist für meine Eltern Sexismus. Da ist der Fall klar. Die Mutter meiner Mutter gehörte noch zu den Frauen, die ohne die Erlaubnis ihres Mannes nicht arbeiten gehen durften. Erst ab 1977 wurde das in Westdeutschland gesetzlich geändert. Deshalb ist es für meine Mutter ein klarer Meilenstein des Feminismus und der Emanzipation, dass Frauen Lohnarbeit nachgehen dürfen.

Über die Nachbarin sagt meine Mutter, während sie auf dem Sofa neben mir sitzt: „Warum die das mit sich machen lässt, verstehe ich nicht.“ Ich schaue sie wütend an. „Mama, das ist Victim Blaming!“ „Deiner Mutter könnte sowas eben nicht passieren“, sagt mein Vater mit liebevollem Unterton. Ich entgegne wütend „Als ob! Als ob ihr das nicht genauso passieren könnte! Als ob du nicht genau weißt, wie sowas passiert, Mama!“ Und sie stimmt mir zu: „Sie hat recht.“ Auf einmal klingt ihre Stimme nicht mehr selbstgerecht, sondern leise und sehr ernst.

In meiner Schulzeit hatte ich eine Freundin. Ihr Vater war „Hausmann“ und ihre Mutter ging arbeiten. Und manchmal kam meine Freundin morgens in die Schule und hatte eine blutige Lippe und blaue Flecken, weil ihr Vater sie und ihre Mutter verprügelt hatte. Es hat Jahre gedauert, bis ihre Mutter ihn verlassen hat, um sich und ihre Kinder in Sicherheit zu bringen. Meine Mutter kennt die ganze Geschichte, kennt die Menschen persönlich. Aber es ist für viele Leute leichter, das Problem zu leugnen, wenn sie keine Lösung wissen. Es ist einfacher, auf bekannte Floskeln und Narrative zurückzugreifen. Die Frau wolle es wohl so. Über den Mann wird nicht gesprochen, nicht geurteilt. Warum eigentlich nicht?

Bei diesem intensiven Gespräch mit meinen Eltern habe ich gemerkt, wie unterschiedlich sie und ich auf die großen Themen wie Gleichstellung und Sexismus schauen. Sie haben andere Zeiten erlebt und sind in anderen Diskursen groß geworden. Für sie ist es eine der wichtigsten Errungenschaften, dass Frauen arbeiten gehen dürfen. Die Abwertung von Frauen durch Frauen ist allerdings noch sehr präsent. „You’re not like other girls“ ist für Leute wie meine Eltern vermutlich noch ein Kompliment.

Aber sie haben auch an vielen Stellen Verständnis und Mitgefühl gezeigt, als ich über meine Erfahrungen gesprochen habe. Sie konnten meine Wut und meine Schmerzen verstehen, wenn ich mir die Mühe gemacht habe, sie zu erklären. Durch das Gespräch mit ihnen ist mir klar geworden, wie viel ich schon gelernt habe. Auch wenn ich noch so viele Fragen und Unsicherheiten habe. Wenn ich so wie meine Eltern nur die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, ein paar Whatsapp-Gruppen und eine Regionalzeitung als Informationsquellen hätte, dann würde ich wahrscheinlich auch vieles anders sehen. Das macht gegenseitiges Verständnis oft nicht leicht, aber an diesem Abend hat sich der Aufwand gelohnt.

Zum Abschied umarmt mich mein Vater ganz fest. Und ein paar Stunden später bekomme ich eine WhatsApp-Nachricht von ihm: „Es war schön bei dir und es hat mich sehr berührt, was du gesagt hast. Ich habe mir vorgenommen, bei zukünftigen Treffen mit Kolleg:innen meinen Mund bei entsprechenden Äußerungen einmal mehr aufzumachen. Lg Papa“

Und ja, er hat sogar gegendert.

Autorin: Kerstin Schneider
Illustration: Martin Böer

Dieser Text erschien erstmals am 21. April 2021 und wurde am 11. Oktober 2021 nochmals aktualisiert.

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