Die Welt, wie ich sie kenne, ist auf männliches Leben ausgelegt. Wir bekommen mehr Geld, Möglichkeiten, Respekt und Macht. Daraus entwickeln zu viele Männer eine Arroganz, die häufig nur schwer bröckelt, obwohl sie gleichzeitig nie besonders stabil ist. Diese Art der gelebten Männlichkeit war früher recht präsent in meinem Leben.

Als Kind merkte ich, dass die (harten) Handwerksmänner mich besser behandelten als junge Mädchen oder übergewichtige Kinder, doch verstand ich nicht wirklich, warum das so war. Ehrlicherweise genoss ich es so, denn meine einzige Aufgabe war es, frech zu sein und nicht zu weinen und mir war die Zuneigung dieser Männer (und eine Schnucktüte*) sicher. Solche und ähnliche Erlebnisse prägen viele Momente meiner Kindheit und das war lange nicht hinderlich für mich, bis ich immer öfter bemerkte, dass andere und vor allem Mädchen unter dieser Lebenswelt leiden und sich dadurch nicht frei entfalten können.

Ein erstes spürbares Gefühl dahingehend hatte ich, als ich in der fünften Klasse erstmalig ein Mädchen toll fand. Sie konnte so lächeln, dass mein Bauch warm wurde. Trotzdem war ich frech zu ihr. Ich wusste es nicht besser und sie hörte schnell auf zu lächeln. Ich sprach mit meiner Mutter darüber, fragte sie, warum es so schwierig ist, mit Mädchen zu spielen. Ich fühlte mich merkwürdig und unsicher bei dem Thema — vor allem weil meine Mutter plötzlich weniger cool war. Sie erklärte mir, dass es mit Gefühlen zu tun hat, die ich noch kennenlernen würde. Sie behielt recht. Viel einprägender sind jedoch die Worte geblieben, dass Mädchen ganz anderen Erwartungen entsprechen müssen als Jungs. Ich verstand es nicht und mein Bauch wurde auch nur noch einmal warm: Als sie den roten Smiley aus meiner Schnucktüte wählte. 

Später als junger Erwachsener hatte ich das Selbstverständnis, kein Sexist zu sein. Heißt das, ich war keiner? Wohl eher nicht. Heute als dreißigjähriger Mann ist mir klarer denn je, wie eingeengt mein Horizont war und wie wenig inklusiv das Patriarchat gegenüber nicht weißen Männern ist. Das muss so festgehalten sein und jeder Mann, der sich dadurch angegriffen fühlt, sollte sich mal zusammenreißen und es nicht als Beleidigung sehen — oder einfach chillen und reflektieren, am besten mit Freund:innen. Die Debatte über das Patriarchat muss geführt werden. Sie ist wichtig für den Prozess, der in eine offene Gesellschaft für alle führt. Und feststeht, dass wir Männer weiterhin viel Arbeit vor uns haben, dort anzupacken, wo es wehtut: bei uns selbst!

Für mich persönlich hat dieser Prozess mit der Arbeit in der Gastronomie und dem Verlassen meiner Comfortzone zu tun — dem Wegzug aus meiner heimatlichen Mittelstadt. Angekommen in einer Universitätsstadt, merkte ich schnell, dass mich neue Momente und Begegnungen konfrontierten und ich gedankliche Blockaden besaß. Besonders mit meinem Humor bin ich angeeckt. Dieser war immer schon bissig und ehrlich gesagt auch diskriminierend gegenüber Frauen. Wenn ich Leute aufs Korn nahm, war dies für mich kein Problem, eher eines der anderen, die zu empfindlich waren. Dass ich ständig über die Stränge schlug und Menschen verletzte, einfach weil ich dachte, ich müsse mich nicht ändern: Das war ein längerer Veränderungsprozess.

Gleichzeitig war auch ich oft derjenige, der denunziert wurde, weil ich mir gern die Haare style, über Gefühle spreche und burlesk tanze. Einer der schlimmsten Momente war ein Arbeitsabend in einer Kneipe mit Anfang zwanzig. Ich trug einen Strohhut und das erinnerte einen Macho an den Film „Brokeback Mountain“. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich den ganzen Abend nur noch mit „Schwuchtel“ angesprochen und musste so die Bestellungen entgegennehmen. Ich war unglaublich genervt davon. Gleichwohl war es für mich damals ein hohes Gut, unerschütterlich zu sein, über allem zu stehen, weil ich wusste, mein Gegenüber verhält sich dumm und zeigt es auch noch.

Heute ist das anders. Ich möchte Menschen, die andere Menschen verletzen und beleidigen, nicht mehr selbstzufrieden davonkommen lassen. Ebenso möchte ich in einer Gesellschaft leben, in der sich alle frei und gut mit sich selbst fühlen können. Das führt häufig zu Auseinandersetzungen mit Männern und Frauen. Dass Männer diskutieren, weiß jede:r, doch dass ich mich selbst und meine Männlichkeit auch immer mal wieder vor Frauen, ob im Alltag oder mit romantischem Hintergrund, begründen muss, das verwirrte mich lange. Ich verstand nicht, warum Frauen für ein Männerbild sein können, das ich als Mann ablehne. Ich lernte, dass es unmöglich war, alle für ein Thema abzuholen. 

Für mich persönlich ist das Problem des gegenwärtigen Männerbildes, dass Männlichkeit als Bewusstsein immer noch viel zu eng beschränkt wird und dass in vielen Köpfen immer noch Fertigkeiten wie Stärke, Mut und Entschlossenheit als „männlich“ verankert sind — fürchterlich. Dennoch, und alles in allem bin ich zuversichtlich. Meine eigenen Beobachtungen zeigen mir, dass immer mehr aufgeklärte, sensible junge Frauen und Männer aufwachsen, die Bock auf eine coole, offene Gesellschaft haben. Ebenso lassen sich auch immer mehr Leute für diese Themen begeistern, die lange nichts damit zu tun hatten. Das stimmt mich hoffnungsvoll und ich glaube, wir müssen uns in Geduld üben und lautstark für eine offene Gesellschaft eintreten. 

*Hessisch für Süßigkeitentüte.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Autor: Alex
Illustration: Teresa Vollmuth

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