Nachricht kommt rein:
»Mache mich gleich auf den Weg«, schreibt Anne.

Wir sind um achtzehn Uhr an der Kurfürstenstraße 33 verabredet. Seit einer halben Stunde sitze ich jetzt hier. Mein Blick fällt auf die Frau gegenüber. Sie ist Mitte zwanzig, vielleicht auch Anfang dreißig.

Ihr sprödes blondiertes Haar ist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trägt einen weißen Sweater, dazu hellblaue Shorts und darunter ein Paar von diesen unvorteilhaft aussehenden hautfarbenen Strumpfhosen.

Die muss aber einiges durchgemacht haben, so fertig wie die aussieht, denke ich mir in diesem Moment. Während ich damit beschäftigt bin, die mir fremde Frau in eine Schublade zu stecken, läuft sie nichtsahnend den Bordstein auf und ab. Fast schon nervös schiebt sie sich dabei eine Zigarette nach der anderen in den Mund.

Ein Gefühl von Fremdscham macht sich in mir breit, als ich sehe, wie sie sich den Fußgängern anbietet.

Muss das denn wirklich sein?

Das Geschäft scheint heute nicht gut für sie zu laufen. Als ich hier ankam, stand sie einfach nur da und lächelte den vorbeifahrenden Autofahrern zu. Aber seit meiner Ankunft hielt kein einziger davon an.

Es ist April. Vor wenigen Tagen bezog ich das Zimmer einer Freundin in Berlin. Vorübergehend. Nun sitze ich auf den Steintreppen eines Seniorenwohnhauses und beobachte das Geschehen. Der Boden ist kalt, und ich presse meine Hände unter meinen Hintern. Dabei frage ich mich, ob Prostitution, Bordelle und sogenannte Flatrate-Puffs überhaupt noch zu unseren heutigen gesellschaftlichen Werten passen. Zu einem Land wie Deutschland, in dem die Gleichstellung von Mann und Frau im Grundgesetz verankert ist. Und in dem die Würde des Menschen höchsten Schutz genießt.

Frage ich meine Freund:innen, wie sie zum Thema Prostitution stehen, fällt die Antwort immer negativ aus. Vom eigenen Standpunkt ausgehend, könne es schließlich keine Frauen geben, die sich aus purer Leidenschaft prostituieren. Ich selbst bin unschlüssig.

Es muss doch auch Frauen geben, die Spaß daran haben, Sex für Geld anzubieten, oder?

Neben mir steht ein Mann. Er könnte der Zuhälter dieser Frauen sein. Zumindest sieht er genau so aus, wie ich mir einen Zuhälter vorstelle: Schmieriges Gesicht, komisch gegeltes Haar, dunkle Jeans, dazu Cowboystiefel und Kippe. Außerdem steht er seit einer gefühlten Ewigkeit einfach nur da und beobachtet die Frauen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Genau wie ich. Trotzdem tauschen wir kein Wort miteinander, sondern schauen einfach nur in dieselbe Richtung.

DieVerpeilte Strassenstrich Kurfürstendamm Mini
Illustration: Martin Böer

Dann, plötzlich, der Typ geht nach rechts, über die Ampel auf die entgegengesetzte Seite.

Ein Glück, denke ich mir, er haut ab.

Ich beobachte die Szenerie weiter. Eine Frau spaziert dort mit einem Mann. Ihr Arm ist bei ihm eingehakt. Es ist nur eine Vermutung, aber wenn ich das richtig gesehen habe, haben sich die beiden gerade erst kennengelernt. Der Mann, der eben noch neben mir stand, folgt den beiden. Sie gehen um die Ecke. Weg sind sie.

Und was macht die Blondine? Sie steht immer noch da.

Langsam ändert sich der Gesichtsausdruck der Blonden von einem Bock-auf- bezahlten-Sex-mit-mir? zu einem Fuck,-ich-brauche-Kundschaft!-Und-zwar-sofort!.

Sie ist angewiesen auf Umsatz. Wie viele an der Kurfürstenstraße.

Der Zuhälter ist zurück. Jetzt hat er einen Kaffee in der Hand. Vielleicht täusche ich mich auch und er arbeitet einfach nur im Seniorenheim hinter mir. Möglich wäre aber auch, dass er sich in der Zwischenzeit seinen Anteil abgeholt hat.

Irgendwie habe ich mir das hier anders vorgestellt. Ein bisschen deutscher vielleicht. Einheimische habe ich hier zumindest nicht gesehen. Dafür viele Osteuropäerinnen. Diese Gruppe prägt die Szene. Und weil wegen Corona weniger Freier kommen, sinkt der Preis. Sex kostet hier zwanzig bis vierzig Euro, vielleicht auch mal fünfzig.

Innerhalb der letzten Stunde konnte ich um die zwanzig Frauen beobachten – trotz Corona und dem derzeitigen Sexkaufverbot. Allesamt Menschen, die hier in aller Öffentlichkeit einem verschmähten Geschäft nachgehen.

Einige von ihnen sprechen kein Wort Deutsch.

Dann ist da noch eine Frau. Sie teilt sich den Platz mit der Blondine. Doch etwas ist seltsam an ihr. Sie wirkt auffällig gepflegt. Das glänzende Haar hat sie ebenfalls mit einem Haargummi zusammengebunden. Ihr Körper wirkt gesund und trainiert. Und im Gegensatz zu all den anderen Frauen hier, trägt sie Markenkleidung.

Vielleicht bläst sie einfach nur besonders gut?

Lachend unterhält sie sich mit drei Männern, die über das offene Autofenster mit ihr in ein Gespräch verwickelt sind. Als der Wagen wegfährt, fängt sie an zu telefonieren.

Mein Handy klingelt.

»Noch drei Stationen. Ich bin in fünf Minuten da«, schreibt Anne.

Das wird aber auch Zeit!

Ein Mann – circa fünfzig bis sechzig Jahre alt, Glatze – hält in einem silbernen Mazda vor mir. Krass, denke ich, der sieht gar nicht so aus, als ob er die Dienstleistungen einer Prostituierten in Anspruch nehmen würde.

Aber wie sehen solche Männer eigentlich aus? Keine Ahnung!, fällt mir auf. Ich bemerke, dass er mich anstarrt und auf eine Reaktion von mir wartet.

Ähm ne du, oder mache ICH etwa einen käuflichen Eindruck auf dich?

Entsetzt schüttle ich den Kopf. Er zuckt entschuldigend mit den Achseln und fährt weiter.

»Bin da«, schreibt Anne.

Sie sagt, sie stehe bei Woolworth. Ich laufe vor zur U-Bahn. Küsschen hier, Küsschen da. Meine Kollegin und ich umarmen uns innig.

»Lass uns mal in die Sonne setzen, da bei der Blondine, die kenne ich schon«, sage ich zu ihr.

»Alles klar. Was machst du eigentlich hier?«, fragt sie mich. Eine berechtigte Frage.

Die Kurfürstenstraße zählt neben dem Zoo zu Berlins bekanntestem Straßenstrich. Hier kann man sich Sex wie ein McMenü im Drive In abholen. Doch genauso wie bei dem Fastfood-Giganten wartet man hier – trotz hoher Nachfrage – vergeblich auf faire Angebote.

»Ich habe gestern eine Reportage über den Platz hier gesehen und dachte, dass es einen Versuch wert wäre, mit den Frauen ins Gespräch zu kommen«, antworte ich auf Annes Frage.

Einige Stunden zuvor überredete ich meinen Kumpel T., mit dem ich am Nachmittag verabredet war, mit mir hierher zu kommen. Zugegeben, ich hatte es mir einfacher vorgestellt. Die Idee, über den Vorwand als Pärchen mit den Sexworker:innen ins Gespräch zu kommen, erwies sich als untauglich.

Erinnerst du dich an meine Frage vom Beginn des Textes, ob Prostitution, Bordelle und sogenannte Flatrate-Puffs überhaupt noch zu unseren heutigen gesellschaftlichen Werten passen?

Beziehe ich die Frage auf mich persönlich, würde ich behaupten, Nein. Ich ging auf die Kurfürstenstraße, um den Frauen mit Respekt und Empathie gegenüberzutreten. Mein Plan war es, mit Sexworker:innen über ihre aktuelle Situation zu sprechen. Einen Einblick in ihr Leben zu erhalten und im Nachhinein hier darüber zu berichten. Ausprobiert habe ich es aber nicht.

Weil mich irgendetwas in meinem Kopf dazu zwang, es nicht zu tun. Dabei hatte ich kein Problem damit, sie mir alle ganz genau anzusehen und zu bewerten. Ihre Outfits, ihre Körper, ihr Make-up. Es war der Stolz der Frauen, der mich einschüchterte. Nicht, dass ich nicht selbstbewusst wäre, aber trotzdem konnte ich mich nicht dazu überwinden, sie anzusprechen. Zumindest ist es das, was ich glaube. Denn aus irgendeinem Grund denke ich, dass die hier vorherrschende Offenheit gegenüber Sex oder die Ausstrahlung der Frauen einen Nachteil für mich bedeuten könnte. Und das liegt nicht (nur) an meiner eigenen Unsicherheit, sondern auch daran, dass ich das irgendwo gelernt habe.

In meinem Kopf dominiert die Vorstellung, dass mir Sexworker:innen überlegen sind, weil sie Zugang zu einer Welt haben, die ich nicht kenne. Weil ich ein gesellschaftliches Ideal in mir verankert habe, das diese Frauen ausschließt. Deswegen fühle ich mich bedroht und glaube, im Wettstreit mit diesen Frauen zu sein. Das ist kein gutes Streben nach Verbesserung und Toleranz, sondern vollkommen bescheuert.

Während ich über alle potenziellen Schwachstellen in meiner Bauchregion nachdenke, kommt mir der Gedanke in den Kopf, dass ich mich von vornherein an Bedingungen klammerte, um meiner Berichterstattung nachgehen zu können.

Wenn T. und ich als Paar auf der Kurfürstenstraße auftauchen, komme ich mit den Frauen ins Gespräch. Wenn Anne hier ist, traue ich mich in ihr Revier.

Das Problem ist das Bild, dass ich von ihnen habe.

Ich hasse diese Gedanken und ich hasse es, sie hier aufzuschreiben. Mir wird bewusst, dass ich Sexarbeiter:innen nicht als gleichwertige Bürger:innen wahrnehme. Dabei verdienen diese genau so viel Respekt, wie jeder andere Mensch.

Doch diese Wertschätzung konnte ich ihnen heute nicht entgegenbringen. Das zeigt sich auch an der folgenden Szene:

Anne und ich sitzen auf dem Boden und genießen die letzten Sonnenstrahlen. Fünf Meter rechts von uns steht die Blondine. Neben ihr verhandelt eine andere Professionelle mit einer Gruppe von Männern. Sie scheint erfolgreich zu sein. Wenige Minuten später gehen sie an uns vorbei und machen sich auf den Weg zu einem Rückzugsort. Einer der Freier lächelt uns an. Man(n) findet Gefallen an uns. Die Frau wird wütend und schreit »Was macht ihr hier??« in unsere Richtung.

Wir kichern und nehmen uns das Recht heraus, sie zu ignorieren. Als wäre das hier nichts weiter als ein Spiel. Das Schlimmste daran ist, dass ich in diesem Moment anders dachte. Ich belächelte die Frau, da ich mich durch ihren Wutausbruch wertvoll fühlte. Weil ich eine Konkurrentin in ihr sehe. Und das äußere ich durch respektloses Verhalten, Missachtung ihrer Person, fehlendem Anstand und Verachtung.

Doch es geht noch weiter.

Anne und ich unterhalten uns wieder und sehen der Frau mit dem glänzenden Haar dabei zu, wie sie von einer weiteren Frau einige Scheine an sich nimmt. Sie fängt an zu zählen und lässt das Geld in ihrer Bauchtasche verschwinden.

DieVerpeilte Strassenstrich Kurfürstendamm 2Mini
Illustration: Martin Böer

Ein schwarzer VW hält vor der Blondine.

Wow endlich!

Zwei Minuten später sitzt sie neben dem Fahrer und weg sind sie. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass ich aufrichtiges Mitgefühl für eine der Frauen empfinde. Immerhin wartet die Blonde schon seit mindestens zwei Stunden auf einen Kunden.

Jetzt fällt uns auch der Geldautomat auf, vor dem sie sich positionierte. Smart, denken wir und gleichzeitig sind wir nicht verwundert, dass dort nur Männer ihr Geld abheben. Wir beobachten weiter. Das Geschäft läuft nun besser. Immer mehr Frauen stoßen dazu. Ein paar Freier halten an. Ab und zu fährt auch ein Polizeiwagen Streife. Angehalten wird nicht.

Schon komisch, finden wir. Immerhin ist Sexkauf gerade illegal.
Da ist sie wieder, die Blondine. Sie steigt aus dem Auto und kehrt zurück an ihren Platz.

»Das waren keine 30 Minuten, oder?«, frage ich Anne verwundert. Sie nickt.
Anne und ich sitzen noch eine Weile hier. Tauschen uns weiter aus und stellen uns den bösen Blicken der Nachbarn, vor deren Hauseingang wir uns platziert haben. Als ich von der Kurfürstenstraße hörte, dachte ich an eine dunkle Gasse, in der zwielichtige Gestalten ihren Gelüsten nachgehen. Dass es sich dabei um eine ganz normale Nachbarschaft handelt, verärgert besonders die Menschen, die hier leben.

Auf dem Heimweg denke ich über das Geschehene nach. Sich für Sex bezahlen zu lassen, empfand ich nie als etwas moralisch Verwerfliches. Und trotzdem habe ich mich heute dabei ertappt, wie ich darüber urteilte. Als ich mich von Anne verabschiede und alleine in der U-Ban sitze, schäme ich mich für mein Verhalten. Ich will Sexworker:innen mehr schätzen für das, was sie sind und was sie können. Das ist auch der Grund, warum ich das hier überhaupt schreibe und mich so wahnsinnig angreifbar mache. Vielleicht muss einfach nur jemand den ersten Schritt machen und darüber sprechen, wie es sich anfühlt, andere zu bewerten. Denn ich weiß aus Gesprächen mit anderen Menschen, dass es sehr vielen ähnlich geht. Es ist ein großer Schritt, die Lösung bei sich selbst zu suchen. Ein Weg, den wir gemeinsam bestreiten können.

Auf die Frage, ob es auch Frauen gibt, die Spaß daran haben, Sex für Geld anzubieten, erhalte ich leider keine Antwort. Nach allem, was ich heute gesehen habe, weiß ich, dass es ein hartes Business ist. Ein täglicher Kampf um die eigene Existenz und eine Angriffsfläche für Schaulustige.

Eine Erfahrung, die mir viel über mich selbst verriet.

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