Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen einer Abtreibung.

Was bisher geschah: Nach ein paar aufregenden Wochen in der ägyptischen Sonne trennte sich Fynn von meiner Freundin. Nachdem sie das Hostel mit einem gebrochenen Herzen verlassen hatte, flog sie wenige Tage später zurück nach Deutschland. Kurz zuvor erhielt sie noch eine versöhnende Nachricht von ihm, in der er ihr mitteilte, dass es ihm leid tue.

Hier geht‘s zum ersten Teil der Story.

Ich war seit einer Woche aus Ägypten zurück und arbeitete jeden Tag. Damals war ich verletzt, weil ich verlassen wurde. Also habe ich mit irgendeinem Typen geschlafen und gehofft, dass ich Fynn bald vergessen werde. Eigentlich hätte ich meine Periode bekommen sollen, aber sie kam nicht. Aber weil das aufgrund meiner Gewichtsschwankungen häufiger vorkommt, habe ich mir nichts dabei gedacht. Daher machte ich einfach weiter: Arbeiten, Trinken, Vögeln. Ein paar Tage später sah ich meinen Chef, wie er mit seinem kleinen Sohn auf dem Boden krabbelte. Irgendwas stimmte nicht. Ich fand das süß, wie die beiden miteinander spielten. Normalerweise hätte ich meine Periode längst bekommen müssen. War aber nicht so. Und für gewöhnlich finde ich Kinder nervig. Sie kotzen und außerdem schreien sie immer. Also habe ich mir einen Schwangerschaftstest gekauft. Und das Ergebnis war genau das, wovor ich Angst hatte.

DIEVERPEILTE: Dir wurde also klar, dass du schwanger bist?
Die Freundin: Ja. Also ich hatte es nicht begriffen, eher visuell wahrgenommen. Aber es war noch nicht in meinem Kopf angekommen.

Was ist dann passiert?
Ich habe angefangen zu heulen und telefoniert.

Mit wem?
Ich kenne eine, die selbst schon eine Abtreibung hatte. Das Erste, was ich ihr sagte, war: „Das kann nicht wahr sein, das kann nicht wahr sein.“ Und sie fragte mich nur, „von wem ist das?“ Danach sagte sie mir, was ich machen muss, um eine Abtreibung machen zu können. Sie hat mir auch Adressen gegeben und so was.

Was für Adressen waren das?
Wenn du eine Abtreibung machst, musst du vorher ein Pflichtgespräch mit einer Beratungsstelle wahrnehmen. Die Freundin legte mir ans Herz, nicht zu einer katholischen Beratung zu gehen.

Wieso das?
Weil diese wohl versuchen würden, mir meine Entscheidung auszureden.

Woher kannte sie diese Stelle?
Weil sie auch schon mal eine Abtreibung hatte.

Achso. Und die Beratungsstelle wollte ihr von einer Abtreibung abraten?
Ja. Sie war vielleicht ein oder zwei Jahre älter als ich damals und war noch im Abi. Mal abgesehen davon, dass dort die „Tötung eines Kindes“ in den Vordergrund gestellt wurde und das, obwohl sich diese Person schon entschieden hat, machen es die Hormone, die eine Schwangerschaft mit sich zieht, beinahe unmöglich, das Abitur durchzustehen.

Wie ging es dir mit der Situation?
Das hat mich ziemlich überfordert. Außer ihr habe ich das kaum jemanden erzählt. Na ja, bis es dann bei meinem Ex rausgeplatzt ist.

Wie das?
Anscheinend hat man es mir angemerkt.

An was zum Beispiel?
Mir wurde schlecht von Gerüchen, das war richtig schlimm. Einmal hat jemand eine Erdnussdose in meiner Nähe aufgemacht – plopp – ich hatte das Gefühl, dass Erdnusspartikel durch die Luft fliegen und meine Lunge angreifen wollen. So übel wurde mir davon. Als ob man mir Pollenstaub in Gesicht pusten würde. Nur dass dir davon schlecht wird.

In welcher Woche warst du da?
Irgendwas zwischen 5. und 7. Woche.

Wann hast du gemerkt, dass du schwanger bist?
In der 5. oder 6. Schwangerschaftswoche. Keine Ahnung. Sehr spät, weil ich das einfach verdrängt hatte und nicht wahrhaben wollte.  

Hattest du Unterstützung?
Mein Ex begleitete mich zu Arzt und Beratungsterminen und ich bin ihm so dankbar dafür – und das, obwohl alle dachten, dass er der Vater ist, stand er das alles trotzdem mit mir durch.

Was waren das für Ärzt:innen die ihr aufgesucht hattet?
Erst war das eine Beratungsstelle, die mir ganz neutral Alternativen aufzählte und mir die Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs – also du sagst halt nicht Abtreibung, du sagst Abbruch – erklärte.

Was für Folgen könnten das sein?
Die psychische Belastung und dass es eine absolute Entscheidung ist. Die kann man halt nicht rückgängig machen.

Wie ging es dir während des Gesprächs?
Ich habe natürlich auch geheult. Ich habe die ganze Zeit geweint. Du hättest auch sagen können: „Hier hast du ein Snickers oder ein Stück Kuchen„. Ich hätte geheult. Die Ärzt:innen haben mir verschiedene Adressen von Kliniken gegeben, die Schwangerschaftsabbrüche machen, wo ich mir frei Schnauze eine aussuchte.

Wie passiert danach?
Dann musst du dahin gehen. Und dann machen die Ärzt:innen eine Ultraschalluntersuchung, um sicherzugehen, dass du auch wirklich schwanger bist und es sich nicht um einen Fehltest handelt (passiert ja auch, dass Schwangerschaftstests nicht zu 100 Prozent sicher sind). Danach erhält man das Ergebnis. Man bekommt Blut abgenommen, warum weiß ich nicht mehr. Bei mir war das voll das Theater, weil ich Angst vor Nadeln habe – und dann wird ein Termin für den operativen..

[fällt das Wort nicht ein]

Abtreibungstermin ausgemacht.
Schwangerschaftsabbruch. Das ist ganz wichtig, weil Abtreibung ist ja negativ.

Wo wird der Eingriff vorgenommen?
In Frauenartzkliniken und diese operativen Eingriffe zum Schwangerschaftsabbruch sind immer vor acht Uhr.

Weshalb?
Damit man nicht mit schwangeren Frauen in einem Raum sitzt.

Wieso soll man nicht mit Schwangeren in einem Raum sitzen?
Damit man keine Frage gestellt bekommt. Sondern du bist mit Leuten im Raum, die das Gleiche durchmachen wie du. Das ist schon krass.

Mit wie vielen Frauen saßt du im Wartezimmer?
Zwei. Eine war mit, eine war ohne Begleitung.

Wie alt waren die ungefähr?
Anfang 20.

Wie war die Stimmung im Raum, wurde gesprochen?
Nein, überhaupt nicht, es war total still. Man musste halt einen Fragebogen ausfüllen. Danach wird man aufgerufen und muss sich für die OP umziehen und dann bekommt man ein Narkotikum und ist weg. Ich weiß noch, als ich aufgewacht bin, nachdem ich mir meine Jogginghose angezogen habe, ging ich in den Aufwachraum zu meinem Ex und war einfach so glücklich. Ich glaube, ich habe gegrinst wie ein Honigkuchenpferd.

Dein Ex war also auch da.
Achso. Du brauchst jemanden, der dich von der Narkose abholt. Und wie gesagt, ich war so glücklich, ich glaube, das lag am Narkosemittel, aber ich war auch einfach erleichtert danach. Das ist so ein krasses Gefühl, dass du den Schwangerschaftsabbruch hinter dich gebracht hast.

Hattest du Angst davor?
Ja, ich war total nervös. Das ist so, wie wenn du reisekrank bist und weißt, dass du gleich in ein Flugzeug steigen und kotzen musst und hast jetzt schon keinen Bock drauf – so ungefähr war das. Aber als ich da so voll happy und erleichtert wieder rausgekommen bin, war da ein Mädchen, das zu Beginn ohne Begleitung da war. Als sie mich gesehen hatte, lächelte sie auch. Ich glaube, das hat ihr Mut gegeben, den Schwangerschaftsabbruch durchzustehen.

Abtreibung solidarität
Illustrationen: Franziska Herbert

Hattest du Schmerzen danach?
Nein, überhaupt nicht. Du hast halt einen Tag starke Blutungen, wie als ob du deine Tage hättest. Das war es dann aber auch.

Und hat das emotional etwas in dir ausgelöst?
Überhaupt nicht.

War das denn von Anfang an für dich klar, dass du das Kind abtreiben lässt?
Ja.

Bestand jemals der Gedanke, dass du es vielleicht doch bekommen könntest?
Nein, niemals. Besonders auch, weil ich viel getrunken und geraucht hatte, bevor ich von der Schwangerschaft erfuhr. Und das wären einfach scheiß Bedingungen für ein Kind gewesen.

Was glaubst du, wie wäre das für dich gewesen, hättest du deinen Ex-Freund nicht an deiner Seite gehabt?
Ich glaube, ich hätte es früher oder später einer anderen Person erzählen müssen.

Hast du es denn deinen Eltern gesagt?
Nein.

Die wissen es bis heute nicht.
Die wissen es bis heute nicht.

Wie lange ist die Abtreibung nun schon her?
1,5 Jahre.

Ich hab auch viel darüber nachgedacht, klar. Aber ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass das eine Art eine von Tötung ist. Also Abtreibungsgegner sagen ja immer Abtreibungsmord. Würde ich auch so unterzeichnen. Es ist Mord. Du zerstörst Leben, aber nur, weil du Leben zerstörst. Der Tod hat in unserer Gesellschaft so etwas Negatives, was aber gar nicht negativ sein muss. Wenn z. B. jemand stirbt, ein normaler Mensch sage ich jetzt mal, sollte man sich auch nicht auf den Tod fokussieren, sondern froh sein, dass man den letzten Abschnitt dieser Person mitbekommen hast, weißt du, was ich meine? 

[Ich nicke]

Glaubst du, dass das eine Art Schutzmechanismus von dir sein könnte?
Am Anfang habe ich das schon verdrängt, von wegen dieses: Vor drei Monaten hat es eh keine Seele. Da habe ich das beiseitegeschoben. Irgendwann akzeptierte ich, dass ich getötet habe. Aber es fühlt sich nicht schlecht an. Ein Schwangerschaftsabbruch ist etwas, womit man leben muss. Etwas, was auch im Kopf und im Herzen bleibt, aber es ist nichts Schlechtes. Wer sagt, dass der Tod etwas Schlechtes ist? Das ist nur wieder so eine Metapher, genauso wie das Bild von Mann und Frau. Klar, das hätte Leben sein können, das war auch zuerst ein Schock für mich, aber ich habe mich in diesem Moment aus dem Bauch heraus so entschieden. Und wer sagt, dass diese Seele – also ich glaube an Seelen – nicht wartet, bist du wirklich bereit bist, ein Kind zu kriegen? Es gibt so Metaphysiken, die man als Mensch nicht begreift, also denke ich mir, warum sollte man sich Gedanken darüber machen. Du weißt doch eh nicht, was los ist. Ich bin komplett fein mit meiner Entscheidung, ich bereue nichts.

Was ist mit dem Vater?
Der weiß es nicht.

Dem hast du das nie gesagt?
Ne, hätte ich ihn anrufen sollen: „Hey yo, ich bin schwanger?“

Gab es jemals einen Moment, indem du anders dachtest?
Nein, er war ja, was weiß ich wie viele Tausend Kilometer entfernt. Was hätte er schon machen können, außer mir noch mehr Stress.

Hast nie daran gedacht, ihn mal anzurufen – ich meine, um deine Emotionen mit jemand teilen zu können, der ein Part davon ist?
Schwierige Entscheidung. Ich habe im Nachhinein noch mal nachgedacht, hatte auch überlegt, ihn zu besuchen. Wenn ich ihn sehen würde, dann würde ich ihm das auch sagen. Aber das ist genau das gleiche wie: Stell dir vor, du bist in einer Beziehung und du triffst deinen Partner in drei Tagen zum Schluss machen und du betrügst ihn aber in diesen Tagen. Wenn du gerade am Schluss machen bist, erzählst du deinem Partner, dass du ihn betrogen hast, oder behältst du es für dich? Damit erleichtere ich ja nur mein Gewissen.

Hast du das Gefühl, dass du ihn um diese Entscheidung betrogen hast, wenn du ihm das jetzt sagen würdest?
Warum ist das meine Entscheidung?

Also das Gefühl hattest du nicht.
Ich war so fest von meiner Meinung überzeugt, dass keiner hätte etwas sagen können, damit ich mich umentscheide.

Denkst du, es war die richtige Entscheidung, ihm nie etwas zu sagen?
Ja! Es ist mein Körper, nicht sein Körper.

Aber auch sein mögliches Kind.
Aber immer noch mein Körper, mein Leben. Ich meine klar wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, hätte ich ihm das gesagt und er hätte mitentscheiden können. Aber ich war mir so sicher, dass ich das nicht will, also ich hätte ihm damit nur Stress gemacht.

Vielleicht wäre es auch anders gewesen. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, wolltest du ihn auch vor dieser Last schützen?
Ich wollte ihn beschützen und ich hatte keinen Bock darauf, mich auch noch „damit“ zu befassen. Es hat mich so belastet, den Schwangerschaftsabbruch durchzuziehen. Da war einfach nicht noch mehr Platz für eine Person, die mit mir diskutiert, die weint, die wütend ist, die fröhlich ist. Ich habe mich meinen Mitmenschen emotional so abgeschottet, dass ich noch nicht mal jemanden etwas davon erzählte, außer den nötigsten Leuten oder denen, die es rausgefunden haben. Weil ich das einfach in dem Moment nicht gebrauchen konnte, dass mir jemand sagt, was ich zu tun oder zu lassen habe, weil es meine Entscheidung ist.

Hast du dir mal diesen Moment ausgemalt, wie er reagieren würde, wenn du ihm das sagst?
Ich weiß es nicht. Also ich habe mir das schon ausgemalt, dass ich ihm das irgendwann sage, aber ich habe mich dann selber gefragt, wie er wohl reagieren würde. Ich glaube, er würde einfach nichts sagen.

Meinst du?
Ja, weil ihn das überfordern könnte.

Wie war dein Gefühl nach der Abtreibung, nachdem du zu Hause angekommen bist?
Ich habe mich wieder wie ich selber gefühlt.

Und davor hast du dich nicht wie du gefühlt?
Nein, es hat sich so angefühlt, als ob etwas in mir drin nicht zu mir gehört. Ich habe den Schwangerschaftsabbruch relativ spät gemacht, ich glaube in der 10. oder 11. Woche.

Warum?
Weil ich das emotional einfach nicht hinbekommen habe, mich aktiv darum zu kümmern. Du fühlst dich machtlos, deinen Alltag zu leben. Und ich mag das gerne Sachen zu entscheiden, ich liebe das. Und da konnte ich das nicht. Stell dir vor, ich wäre noch zur Schule gegangen, hätte ich da im Unterricht den Klassenraum verlassen müssen, um zu kotzen. Ich wäre noch nicht mal hingegangen.

Was geht dir 1,5 Jahre später durch den Kopf?
Es fühlt sich an wie eine Story von einem anderen Menschen.

Hast sich dein Leben durch den Schwangerschaftsabbruch in irgendeiner Weise nachhaltig gebessert?
Ich verhüte besser und habe angefangen, mein Leben mehr zu genießen, indem ich das mache, worauf ich Lust habe. Ich vertraue jetzt mehr auf meine Entscheidungen und mein Bauchgefühl.

Du bist also selbstbewusster dadurch geworden?
Ja! Seitdem habe ich nie wieder etwas bereut, was ich gemacht habe. Klar, manchmal bin ich ein bisschen wehleidig, weil ich mir denke, das hätte ich nicht gemacht. Aber in dem Moment war das Wissen, dass ich hatte. Man kann nicht in die Zukunft blicken und man kann die Vergangenheit nicht rückgängig machen. Die Entscheidung, die ich in diesem Moment treffe, ist die Richtige, egal was danach passiert. Weil es die Richtige ist.

The End.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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