Der Großteil aller Autofahrer:innen hat sicher schon mal einen Strafzettel bekommen. Wahrscheinlich mehr als einen. In den meisten Fällen kommt ein Brief, vielleicht auch noch ein zweiter, und man bezahlt. Wenn das Bezahlen allerdings aus finanziellen oder anderen Gründen nicht möglich ist, muss eine Ersatzfreiheitsstrafe geleistet werden. Das passiert häufiger, als man denkt: 2017 wurden 4.960 solcher Strafen verhängt. Das sind 11 Prozent aller Freiheitsstrafen. Das Hauptproblem ist, dass es ein Instrument ist, was vor allem Menschen trifft, denen die finanziellen Mittel fehlen. Manchmal hat man aber auch einfach viel Pech, so wie Felix P. (24). Zum damaligen Zeitpunkt war er 21, weswegen er noch nach dem Jugendstrafrecht verurteil wurde. Heißt dann Freizeitarrest. Bedeutet im Endeffekt aber trotzdem 48 Stunden in einer Einzelzelle verbringen. Im Interview erzählt er, wie es dazu kam und was eine:n erwartet, wenn man sich wegen eines unbezahlten Strafzettels in Arrest begeben muss. 

DIEVERPEILTE: Was ist passiert?
Felix P.: Angefangen hat es damit, dass ich mein Auto vor unserer Wohnung auf einem Gehweg abgestellt habe. Das Ding ist, dass man auf diesem Abschnitt sogar parken durfte. Da stand extra ein Schild. Das Ordnungsamt hat das allerdings ein bisschen anders gesehen und ich bekam ein Knöllchen.

Davon muss man ja normalerweise noch nicht ins Gefängnis.
Das ist richtig (lacht). Zu der Zeit bin ich gerade umgezogen. Den ersten Brief mit der Zahlungsaufforderung habe ich noch in die alte Wohnung bekommen. Ich bin ehrlich, ich hab einfach vergessen zu bezahlen. Ist ja auch normalerweise kein Problem. Allerdings kamen die weiteren Schreiben durch den Wohnungswechsel ebenfalls in der alten Wohnung an. Also bin ich den Forderungen auch nicht nachgekommen. 

Und dann musstest du in den Freiheitsentzug?
Noch nicht ganz. Ich bekam dann, nachdem ich umgemeldet war, zwei Briefe vom Staatsanwalt. Darin stand, dass ich Sozialstunden leisten muss. In einem Brief war von sechs Stunden bei einem Polizei-Boxtrainingsverein die Rede, in dem anderen waren 15 Stunden ohne Einsatzort vermerkt. Ich rief also an, um nachzufragen, was nun genau stimmt und die Person am Telefon sagte mir, dass es wohl ein Missverständnis gab und ich einen aktualisierten Brief mit der richtigen Stundenanzahl bekommen werde. Ich hatte dann auch einen neuen Brief im Briefkasten. Darin stand dann, dass ich Freitag, 13 Uhr in der JSA zu erscheinen habe und dort 48 Stunden Freizeitarrest absitzen muss. Es war Donnerstag.

Wie viel hätte der Strafzettel noch mal gekostet?
15 Euro.

Wie sahen deine ersten Stunden im Freiheitsentzug aus?
Als ich angekommen bin, saß ich erst mal für 45 Minuten in einem kleinen Zimmer, nachdem mir gesagt wurde, dass ich mal “kurz warten soll”. Daraufhin musste ich meine Wertsachen und Handy abgeben und hab im Austausch Bettzeug und ein Radio bekommen. Danach ging es direkt in meine Einzelzelle.

Weißt du, weswegen die anderen da waren?
Drogen. Einer, ich hab ihn so auf 15 geschätzt, hatte mir erzählt, dass er zu viel kifft. Der, der in der Zelle neben mir hockte, war schon zum fünften Mal dort und immer wegen Crystal Meth. 

Was hast du so in den 48 Stunden gemacht?
Darauf gewartet, dass die Zeit umgeht (lacht). Also wirklich! Ich hatte zum Glück ein Radio bekommen und habe mir immer die Uhrzeiten aufgeschrieben. Dann zeichnete ich noch meine Zelle auf und notierte meinen Tagesablauf: Wecken, Frühstück, Zelle aufräumen und sauber machen, gemeinsames Mittagessen, eine Stunde Ausgang im Innenhof, dann wieder Zelle und Abendessen. Oh und ich habe noch innerhalb eines Tages den Roman „Touchdown“ von John Grisham gelesen. Das Buch kann ich empfehlen (lacht).

Wie ging es dir gefühlstechnisch nach dem Aufenthalt?
Das ist schwierig zu beschreiben. Ich war schon sehr aufgewühlt. Ich meine, wie oft bekommt man schon einen Freiheitsentzug? Zunächst war ich aber erst mal glücklich, dass ich wieder nach Hause durfte. Ich hatte auch einen krassen Redebedarf, weil ich mich ja nicht wirklich mit jemandem unterhalten konnte. Zu Hause angekommen, habe ich es dann so richtig realisiert und musste erst mal weinen. So etwas muss und will ich nicht noch mal erleben.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Foto: Anne

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