„Heute zeige ich euch meine Skincare-Routine.“

„Ihr wolltet ja unbedingt wissen, welche Produkte ich verwende, damit meine Haut so rein aussieht und strahlt.“

„Ich habe jetzt eine neue Pflege-Routine, wodurch ich jeden Tag ungeschminkt aus dem Haus gehen kann!“

Ich weiß nicht mehr, wann ich Instagram & Co. das letzte Mal öffnen konnte, ohne dass ich irgendeine Form der Werbung für Gesichtspflege bekam. Nachdem ich 2015 noch davon besessen war, eine Foundation mit voller Deckkraft zu nutzen, danach mein Gesicht zu baken und mich dann an mein Augen-Make-Up gemacht habe, zeigt sich in den letzten Jahren ein anderer Trend. Es wird wieder mehr auf Natürlichkeit gesetzt. Das einzige was du brauchst, bist du – oder so ähnlich.

Meiner besten Freundin Franzi (26) kommt das ganz recht. Sie benutzt seit ein paar Jahren kaum noch Make-Up und fühlt sich deswegen alles  andere als unter Druck gesetzt. „Ich würde eher sagen, dass ich davon profitiere“, erzählt sie mir. Sie hat jetzt weniger Stress, wenn sie sich fertig macht, um das Haus zu verlassen. „Außerdem ist es wesentlich entspannter für meine Haut, wenn ich nicht mehr so viel drauf schmiere“, ergänzt sie.

„Aber ich muss auch dazu sagen, dass ich keine Probleme mit meiner Haut habe. Wahrscheinlich fühl ich mich deswegen nicht unter Druck gesetzt.“

Und wahrscheinlich ist genau das der Knackpunkt. Auch wenn ich nicht mehr jeden Tag top gestylt, geschminkt und einfach flawless aussehen muss, führte der all natural, all beauty Trend – zumindest bei mir – nicht dazu, dass ich mich besser in meiner Haut fühle. Im Gegenteil. Denn Hautprobleme können aus dem Natürlichkeitstrend einen wahren Albtraum machen.

Während es seit zwei, drei Jahren immer mehr en vogue ist, ungeschminkt das Haus zu verlassen oder nur dezentes Make-up aufzutragen, fühlte ich mich so unwohl wie nie zuvor. Klar war es schön, nicht mehr den unterbewussten Druck zu spüren, dass man sich schminken MUSS, wenn man das Haus verließ. Aber ich hatte mit Akne zu kämpfen, während alle anderen eine vermeintlich reine Haut hatten. Oder dies zumindest suggerierten.

Nach Anwendung von tausend Gesichtscremes, -seren und -ölen sah meine Haut immer noch unrein und uneben aus und ich fühlte mich schlechter als zuvor. Ich redete mir ein, dass ich auch so aussehen muss, wie die makellosen Gesichter, die mir aus Instagram-Werbungen entgegen sprangen. „Ich würde auch gerne so gut aussehen, wenn ich ungeschminkt bin“, dachte ich mir die ganze Zeit. Auch gerne so eine perfekte Haut haben und ohne Bedenken über mein Aussehen das Haus verlassen. Aber so einfach war und ist das nicht. Jedes Mal bevor ich das Haus verließ, kreisten meine Gedanken um mein Aussehen. Kann ich wirklich so rausgehen? Ich möchte ja ungeschminkt vor die Tür, aber kann ich das überhaupt mit meiner Haut? Warum ist mein Gesicht nicht auch einfach all natural, all beauty? Anstatt mich wohler zu fühlen, fühlte ich mich beschissener.

Und damit bin ich nicht alleine. Ich habe noch mit einer anderen Freundin gesprochen: Laura (25). Der Natural-Trend suggeriert für sie keine Natürlichkeit, sondern eine Schein-Natürlichkeit. „Viele Influencer:innen, die ich beobachte, tragen weiterhin ein bisschen Make-up auf“, erzählt sie mir. „Dieser ganze Trend setzt einen also trotzdem enorm unter Druck. Weil man sich eben nicht wohler damit fühlt, Pickel und Narben im Gesicht zu zeigen. Man verdeckt es ja trotzdem. Also ich KANN schon ohne Make-up aus dem Haus gehen – aber es ist nicht so, dass ich mich damit wohlfühle.“

Ich möchte diesen Natürlichkeitstrend nicht per se schlecht reden. Denn viele Personen nutzen ihn, um aufzuzeigen, dass auch eine Haut mit Anke wunderschön ist. Dass man nicht immer den Druck spüren soll, perfekt auszusehen – was auch immer „perfekt“ überhaupt bedeutet. Trotzdem verursachte der Trend unterbewusst neuen Druck. Den Druck, dass man ohne Anstrengung und Zeitaufwand makellos aussieht.

Vielleicht ist es aber auch so, dass egal, wie wir aussehen oder vermeintlich aussehen sollen, wir uns davon immer gestresst fühlen. Weil wir uns immer beobachtet fühlen. Es besteht der – meist unbewusste – Druck, immer performen zu müssen, sowohl auf die Leistung als auch auf das Aussehen bezogen. Auch natürlich auszusehen, verunsichert eine:n dabei, da die dafür werbenden Personen meist das beste Licht und im schlimmsten Fall noch Bildbearbeitungsprogramme verwenden, um ein perfektes sowie natürliches Gesicht präsentieren zu können.

Von daher: Macht, was ihr wollt! Ich weiß, das ist immer leichter gesagt als getan. Aber wenn du Lust darauf hast, ein Full-Face-Make-up aufzutragen, dabei einen extravaganten Look für deine Augen zu schminken und das on top mit einem knalligen Lippenstift zu ergänzen, dann: Go for it! Aber du kannst es genauso durchziehen, wenn du keinen Bock darauf hast, dich zu schminken und du einfach nach deiner Gesichtspflege das Haus verlässt.

Wir müssen uns keinen Trends beugen. Auch nicht, wenn es vermeintlich „gute Trends“ sind. Trends, die uns helfen sollen, uns besser zu fühlen. Denn letztendlich kann der gesellschaftliche Druck dazu führen, dass wir uns in unserer Haut und mit unserem Aussehen nicht immer wohlfühlen. Und um dem entgegen zu wirken, hilft auch keine Bewegung hin zur Natürlichkeit, sondern einfach, dass wir das machen, worauf wir Bock haben.

Illustration: Laura Sistig

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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