Letzte Woche hatte ich kein Date mit einer Person of Color (PoC).
Genau. „Kein Date“ impliziert hier, dass eigentlich eins hätte stattfinden sollen. Hat es
aber nicht – ich wurde vorher gecancelt.

Gecancelt wurde ich, obwohl mein Nicht-Date die Cancel-Culture* eigentlich doof findet. Und das lief so: Über irgendeine Dating-App schrieben wir ungefähr drei Mal hin und her, fanden uns ganz nett, oder zumindest attraktiv, und verabredeten uns. Das ging für mich ehrlich gesagt ´n bisschen schnell, aber G. sagte, er schreibe nicht gerne, möge mehr so den „Live Moment“. Good point dachte ich und schlug einen Tag vor. Der Tag kam und er sagte, er könne so um 20h, habe vorher noch ein kurzes Gespräch in seiner WG. Ich schälte mich zur Abwechslung aus meiner CoronaJogginghose und stand um Punkt 20h bereit. Schade nur, dass keiner kam. Auch um 20:30h nicht, um 20:45h nicht und eine kurze Message, nein, die kam auch bis 23h nicht. Easy.

Trotz latenter Enttäuschung über den Umgang mit mir atmete ich tief durch, beschloss, dass das nichts Persönliches sein konnte, weil, genau, wir kannten uns ja gar nicht, und schrieb sowas wie „Hey, ich weiß nicht, ob ich es einfach blöd finden soll, dass Du nicht mal absagst, oder ob ich mir Sorgen machen muss, weil Du nicht angekommen bist.“ Man weiß ja nie: Am Ende war der Typ überfahren worden auf dem Weg und ich saß hier, beleidigt darüber, dass ich versetzt wurde.

Zum Glück erfreute sich mein Nicht-Date bester Gesundheit und schickte am Morgen danach (nach nichts, also) eine Sprachnachricht, in der er erzählte das WG-Gespräch habe länger gedauert, sei kompliziert gewesen. Dabei sei es auch um Rassifizierung gegangen. Ein/e Mitbewohner/in habe sich rassistisch verhalten, hätte „outgecalled“ werden müssen und würde nun ausziehen. Eigentlich habe er nur eine halbe Stunde dabei sein wollen, aber dann wäre das Ganze doch viel länger geworden.
Okay. Immer noch ein bisschen pikiert, aber auch mit Verständnis für die Situation sagte ich ihm es tue mir leid, dass er einen so schlechten Abend gehabt habe. Ich erklärte, dass mir Zuverlässigkeit oder zumindest Absagen wichtig ist, ich aber nachvollziehen könne, dass die Situation eine Eigendynamik entwickelt habe.

Daraufhin erzählte er mir, dass an diesem Abend Storys aus einem Jahr aufgearbeitet wurden, er das Versetzen wieder gut machen würde – alles in allem eine Sprachnachricht von knapp zwei Minuten. Ich war zu dem Zeitpunkt unterwegs, hatte Leute um mich, war beschäftigt. Daraufhin eine Text-Message „Wann hast Du wieder Zeit?“. Ich (kurz, weil unterwegs): „Wie wäre es am Wochenende?“. Und dann folgte etwas, das ich in der Form noch nie erlebt hatte:

In einer nicht enden wollenden Sprachnachricht erklärte mir G., dass er während einer Meditation zu der Erkenntnis gekommen sei, dass es zwischen uns eine EmpathieGap gäbe. Oder: Dass ich der am wenigsten mitfühlende Mensch bin, den er je getroffen hat, weil ich nicht auf die Rassismus-Debatte in seiner WG eingegangen bin und er mich deswegen auf keinen Fall treffen will. Aha. Ich hörte die Nachricht noch einmal, checkte aber genauso viel, wie beim ersten Mal: Nichts. Eigentlich war er doch der Live-Mensch, wir kannten uns ungefähr null und das wäre jetzt wirklich ein Thema, das auch ich lieber im Real-Life besprechen würde. Aber: Keine Chance. Mein kläglicher Versuch, mich dafür zu entschuldigen (auch deswegen kläglich, weil ich nicht weiß, was ich falsch gemacht habe), dass ich die Tragweite dessen, was er als „kurzes WG-Gespräch“ angeteasert hatte nicht sofort verstanden hatte und mir der Kontext fehlte, weil ich weder ihn noch seine Situation kenne, scheiterte komplett. Mit jedem Wort machte ich es schlimmer: Wenn ich den Kontext nicht verstünde, würde das voraussetzen, dass es weder den Holocaust noch die Kolonialzeit je gegeben habe – WHAT?! Ich rannte mitten ins Verderben, ritt mich immer tiefer rein und fand mich, ehe ich mich versah, in einem Sumpf aus brauner Scheiße wieder. Das traf mich besonders deshalb, weil ich selbst mich eher am anderen Ende des politischen Spektrums verorte. Ohne, dass ich irgendetwas sagen oder erklären konnte, wurde mir neben absoluter Gefühlskälte auch Geschichtsverkennung und schließlich Gaslighting, eine Form psychischer Gewalt*, attestiert. Puh. Von der AntifaSympathisantin zur Rassistin – das ging schnell.

Auf meinen Vorschlag, das Thema persönlich zu besprechen, bekam ich eine klare Antwort: „Nein. Wenn ich weiße Frauen date, dann nur solche, die sich mit dem Thema befasst haben und bedingungslos solidarisch sind“. Wäre die Sache nicht so ernst, ich hätte lachen müssen. Bis zu diesem Tag dachte ich doch wirklich, beides wäre der Fall. An dieser Stelle war nicht nur das Date geplatzt, sondern auch G.’s Kragen. Jede Form eines Dialogs war unmöglich geworden. Nach zwei Tagen Schreiberei blieb ich völlig fassungslos, mit einem beschissenen Gefühl und der Frage
„Scheiße, bin ich rassistisch?!“ zurück.

Kann es also sein, dass ich viel zu wenig weiß, um so solidarisch zu sein, wie ich dachte, dass ich es wäre? Kann und muss ich mich in jedem Thema so gut auskennen, dass ich diese Sensibilität jederzeit liefern kann? Und: Leben wir alle dank personalisierter Nachrichten im Netz in so krassen Filterblasen, dass wir die Realität von anderen völlig verkennen? Lassen wir uns so einlullen von den Echo-Kammern
dieser Welt, dass wir nicht nur andere Meinungen ausblenden, sondern nicht mal mehr checken, dass jemand gar keine andere Meinung hat, weil wir nur noch unser eigenes Thema auf dem Schirm haben, andere aber in logischer Konsequenz eben nicht? Leute, leben wir aneinander vorbei?! Und wenn das so ist, wie sollen wir miteinander sprechen, wenn G. seine Freizeit nicht damit verbringt, „weißen
Menschen Rassismus zu erklären“ und ich mich jetzt dazu entscheiden würde meine nicht mehr damit zu verbringen, etwa mit Männern über Feminismus zu reden? Wie, bitte schön, sollen wir denn dann irgendetwas besser machen? Wie sollen Menschen sensibler werden, wenn niemand Bock hat, zu sensibilisieren? Geht das alleine in einer fragmentierten Community voller Safe Space und Comfort Zone überhaupt?
Schwierig.

Nach dem Nicht-Date, das gedanklich anregender war als viele tatsächliche Dates, hab‘ ich die App vorsorglich gelöscht. Bin eben doch mehr der Live-Moment Typ. Weniger Missverständnisse.

*Cancel Culture meint allgemein eine Kultur, innerhalb der Personen/Dinge/Organisationen vom öffentlichen Diskus ausgeschlossen werden. „Canceln“ heißt hier, dass jemandem/etwas die
Aufmerksamkeit aufgrund anstößiger Werte, Rede oder (unterlassenen) Handlungen entzogen wird.

*Gaslighting beschreibt eine Manipulationstechnik. Gemeint ist ein emotionaler Psychoterror, systematischer Missbrauch, bei dem das Opfer fehlinformiert wird, damit es seiner eigenen Wahrnehmung misstraut. Gaslighting ist damit eine Form psychischer Gewalt, die darauf zielt, Menschen zu verwirren, sie zu verunsichern und einzuschüchtern.

Quelle: Stangl, W. (2021)

Illustration: Frieda

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