Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen von Drogenkonsum und sexuellen Handlungen.

»Normalerweise mache ich sowas nicht.« Schon beim Aussprechen dieser Worte fällt mir auf, wie dämlich ich klinge. Ich bin nicht so eine! ist für mich das Pendant zu Wie war ich?
Sätze, die man beim Sex eigentlich vermeidet.

»Jaja« Er grinst mich an.
Dabei mache ich das normalerweise wirklich nicht. Ich blase nicht. Wieso? Ich sehe es nicht ein.

»Das muss sich einer erst verdienen«, hatte ich irgendwann mal neckisch zu D. gesagt. Das hatte ich auch genauso gemeint.

Nun sitze ich hier. Nackt auf dem Badezimmerboden.
Ich fahre mit der Zunge seinen Schaft entlang, nehme ein Ei in den Mund und sauge leicht daran.

Was zum Teufel mache ich da? Wie bläst man?
Ist das irgendwie okay so?

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Foto: Viola Halfar

Wieso ich nicht blase? Ich denke, ich kann es nicht. Ich hatte nie Lust, es zu machen, aber Übung macht den Meister und irgendwie bin ich jetzt zu alt zum Üben. Also ist mir das unangenehm und eigentlich meistens auch gar nicht wert, aber jetzt auf einmal …

Jetzt auf einmal bei ihm schon. Verdient hat er es sich auch. Und auf Meth fühlt sich alles so anders an. So furchtbar geil. Ich vergesse für den Moment die Scham und verliere mich.

»Man sieht das geil aus« rutscht ihm ungewollt raus.
Ihm ist das kurz unangenehm. Ich schaue zu ihm hoch, lächle ihn an und in mir löst sich was. Jetzt kann ich ihm in die Augen sehen. Für einen kurzen Moment bin ich mir seiner Anwesenheit vollkommen bewusst und schäme mich nicht. Für diesen Moment fällt es mir ganz leicht, mit ihm zu sein. Wir vögeln noch lange laut im Bad, während N. durch die Wohnung streift und abwechselnd in der Küche sowie im Wohnzimmer ausharrt. Leider befinden sich alle Zimmer im selben Radius zum Bad.

Irgendwann kommen wir völlig fertig heraus gestolpert. In der Pfeife ist noch ein bisschen was Angebranntes.

»Tu ma noch was«, sagt D. »Bitte«. Stumm legt N. ihm noch was hin.

»Ich muss noch was erledigen. Ich treffe mich gleich mit einem. Wegen dem TINA.« Das letzte Wort verzerrt N. und zieht eine Grimasse.

»TINA!«, schrillt es von D. zurück. Ich klappe mein MacBook auf.
Das kann ich mir nicht geben. Ich nehme die TINA-Pfeife entgegen, ziehe paar Mal dran, halte sie fest, bis sie mir einer der Zombies wieder aus der Hand nimmt, starre weiterhin angestrengt den Bildschirm an. Ich durchforste Google, Reddit, Twitter und das Darknet nach Informationen über Kryptotrading, kaufe diverse zwielichtige Coins ein. Ich finde ein kostenloses 3D Bearbeitungsprogramm, bastle Ewigkeiten damit herum.

Ich weiß doch, dass ich hier überflüssig bin …

Ich öffne Ableton ein paar Mal, höre mir mit Kopfhörern ein paar neue Sets an, versuche eine geeignete IDE zu finden, um mit Java programmieren zu können, scheitere daran. Hello, world! ausgeben zu lassen, schaffe es irgendwie doch, bin mir aber nicht sicher, versuche Javascript über das Terminal runterzuladen, google, was das Terminal ist, kehre zurück zum 3D Programm.

Ich sehe doch, dass ihr alleine sein wollt …

Mittlerweile habe ich etwas, das wie ein Kopf aussieht. Fehlt nur noch der Rest des Körpers. Ich finde einen Artikel über NFTs. Non-fungible Tokens.

»Alter, da ist so ne CryptoKitty für 600ETH weggegangen«, rufe ich und schaue vom Bildschirm auf. Im ersten Moment wirkt alles so unwirklich. So gar nicht wie mein 3D Programm.
Ich schiele ein wenig. Sehe D.s Rücken.

Er hat Kopfhörer auf und zockt angestrengt CoD auf der Xbox. Ich versuche mich langsam der Realität zu stellen, atme, rutsche nach vorne, streichle D.s Oberschenkel mit dem Fuß. Dann werfe ich einen Blick nach rechts. D. hat die Kopfhörer abgezogen und folgt meinem Blick.

N. sitzt auf dem Boden am anderen Ende des Zimmers ein wenig versteckt hinterm Bürostuhl. Seine Arme bluten überall da, wo er verkackt hatte, mit der Nadel eine Vene zu treffen.

In seiner Hand hält er jetzt eine neue Spritze. Seine Hände zittern. Sabber läuft ihm aus dem Mund. Ich unterdrücke einen aufkommenden Lacher. Mein Lieblingsspruch für weitaus weniger dramatische Situationen schießt mir durch den Kopf.

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Foto: Viola Halfar

Das Gute ist ja, meistens ist ein Junkie zu weggeballert, um eigenständig weiter den Substanzmissbrauch fortzusetzen und verhindert so eine Überdosis.

Ich blicke zu D. Er blickt zurück.
Das geht so nicht weiter. Wir müssen irgendwas machen, gebe ich mit den Augen zu verstehen. Was denn?, signalisiert er zurück. Ich stehe auf und gehe rüber.

»Das geht so nicht weiter, N.«, sage ich und greife nach der Spritze. Er muht und wedelt mit dem Arm umher. Mein Inneres wehrt sich dagegen, ihm die Spritze gewaltsam aus der Hand zu nehmen. Ich fühle mich nicht dazu berechtigt, in die Entscheidungen anderer einzugreifen. Immerhin bin ich selbst nicht besser. Naja schon. Aber, Gott behüte, ich würde das aussprechen und dann alle wüssten, dass ich es dächte und insgeheim ja auch wüssten, dass es stimmte.

D. erhebt sich ebenfalls. Er entwendet dem garstigen N., der mit langen, unkontrolliert in der Luft schwenkenden Armen vor ihm steht, die Spritze und legt sie weg. Die Show beginnt.

Es gibt viel Geschrei. Drohungen fallen.

»Ich werd mich umbringen.«
»Niemand braucht mich auf dieser Welt.«
»Gib das wieder her!«
»Wenn ich das hier nicht machen darf, dann gebe ich mir eben draußen ne Überdosis.«

»Dann verpiss dich!«, raunt D.

Schlagartig wird es kalt im Raum. Das stand nicht im Skript. Wie konnte D. nur vom üblichen Text abweichen? Der Ablauf war doch sonnenklar. Hundert mal schon im TV gesehen. Der Klassiker. Der suizidale Freund in einem kritischen Moment, der den Beistand seiner Freunde benötigt. Interessiert daran, ihn entgegen seiner eigenen pazifistischen Weltanschauung festzuhalten und ihn physisch am Gehen zu hindern sowie auf ihn einzureden, dass ja doch alles gut werden würde.

Das alles brachte mich zwar wieder fast zum Lachen, doch waren es akzeptable Versuche, um mit diesen grotesken Aussagen umzugehen. Trotzdem ließ der dramatische Klimax dieser filmreifen Situation, von der selbst die Schauspieler nicht so richtig überzeugt waren, auf sich warten. Der Durchbruch kam nicht. Die Tränen, das Erschlaffen der Muskeln, das Schreien, das Trösten, die Gruppenumarmung, das Gruppengeheule, die Freundschaftsbekundungen, die Versprechen, für immer füreinander da zu sein, das Trocknen der Tränen und die Aussage Du musst auf jeden Fall was essen und trink’n Schluck. Das alles blieb aus. D. verlor irgendwann die Geduld.

»Dann verpiss dich und mach das nicht in meinem Haus.« Diese Aussage hatte so wahnsinnig viele Fehler, die auf den ersten Blick vielleicht nicht zu erkennen sind. In unserer linken, grünen, versifften, sozialistischen Jugend Deutschlands oder namentlich Die Falken sowie sozialisierten Peer Group, da gab es so was wie Meins oder Deins nicht. Denn dabei handelt es sich um bürgerliche Kategorisierungen. In einer Diskussion den eigenen territorialen Anspruch geltend zu machen, wirkte zudem zu typisch toxisch maskulin. Und dann auch noch im Befehlston.

Ein völlig falsches Skript eben. Oder hatte D. sich im Film vertan?

Ich stellte mich vor die Tür, schloss sie ab und setzte mich davor auf den Boden. Hier geht keiner raus.

»По морде надо было бы дать – eigentlich müsste man dem eine aufs Maul geben«, flüstere ich D. zu. »Du weißt schon. Um ihn wachzurütteln.« Aber trauen würden wir uns das beide nicht.

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Foto: Viola Halfar

Irgendwann schleiche ich mich in die Küche, um zu telefonieren. Ich bin der Meinung, ich sollte einen Erwachsenen anrufen. Also wähle ich die Nummer von A. ein. A. ist zwar kein gewöhnlicher Erwachsener, aber immerhin 15 Jahre älter als wir. A. kennt alle und hat schon unzählige solcher Situationen erlebt. Ich erkläre die Lage, doch im Prinzip hätte ich schon alles richtig gemacht.

»Du musst ihn dringend nach Köln zurückschaffen. Die Umgebung tut ihm nicht gut«, höre ich die Anweisungen von A. »Wie schlimm ist es genau?« Er könnte frühestens morgen in Berlin sein, wenn er jetzt den nächsten Zug nähme. Ich verspreche, die Sache zu beobachten und in ein paar Stunden erneut einen Lagebericht zu machen. So verblieben wir.

Keine Ahnung, wann der Damm endlich brach und das Gruppengeheule losging und wann es vorbei war. Ich war erschöpft, zog noch ein Näschen von dem TINA und widmete mich wieder dem Bildschirm. Besonders nah war mir das Ganze nicht gegangen. Jetzt war es wenigstens nicht mehr unhöflich, die klägliche Realität ausschalten zu wollen.

Dass D. heute nicht alles getan hatte, um N. zu retten, würde aber noch länger tief sitzen.

All the world’s a stage,
And all the men and women merely players. – Shakespeare

Trotz des Schneesturms nahm N. dann doch den Zug zurück nach Köln. »Endlich.« D. und ich schauen einander an.
»Aber irgendwie reagieren die doch alle so.«
»Was meinst du?«

»Ja, die kommen alle irgendwann damit?« »Womit?«

»Mit der Aussage Ich lasse euch mal alleine in Kombination mit diesem Unterton, als wären wir zwei Sexmonster, die nicht dazu fähig wären, nur zu chillen.«

»Ach, das meinst du. Ja, schon eigenartig.«
D. küsst mich, richtet sich auf und schaut an mir herunter. »Du hast dich rasiert.«
»Ja«, antworte ich, obwohl er keine Frage gestellt hat. »Schade.«

Ich schaue ihn verwundert an, während sich erneut etwas in mir löst. Und für einen kurzen Augenblick ziehe ich in Erwägung, dass Schambehaarung zu tragen befreiend sein könnte. Ich bin dankbar, verwirrt und wütend zugleich. Er öffnet mir die Augen, dass es Geschmacksache ist, ob Haare etwas Abstoßendes sind oder nicht. Er gibt den Haaren an meinem Körper eine Daseinsberechtigung. Im Bruchteil einer Sekunde. Er.

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Foto: Viola Halfar

Ich weiche seinem Blick aus und schaue zur Seite. Dieses unschuldige Lächeln ertrage ich nicht. Ich hasse, dass er so viel Macht über mich hat und schlucke meine Wut herunter. Alle Gedanken blende ich aus und lächle zurück.

»Das wollte ich halt so«, sage ich und verschließe meine Schenkel vor ihm. Er blickt verwirrt hoch. Ich kann jetzt nicht mit ihm schlafen.

Später finde ich heraus, dass viel mehr dazu gehört, mein Hirn von dieser Störung zu befreien.

Autorin: Mary

www.violahalfar.com

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