21 Uhr. Die Klappe meiner Zellentür wird geschlossen und schneidet das Licht des Zellenflures ab. Schlafenszeit. Doch nicht an diesem Abend. Es ist die Nacht vor meinem ersten Hauptverhandlungstag. Meine Gedanken spielen verrückt und ich spüre die Anspannung. Eine Mischung aus Angst, Respekt, Wut, Trauer und auch Erleichterung. Sechs Monate Untersuchungshaft voller Ungewissheit und Machtlosigkeit können eine verdammt lange Zeit sein. Eine Zeit der Veränderung, eine innere Zerreißprobe und eine Zeit der Selbsterkenntnis.

Bereits kurz nach der Festnahme wird einem bewusst gemacht; DEINE FREIHEIT ENDET HIER!

„Sie haben zwei Minuten für ein Telefonat“, erklärte der Kommissar, als ich in Gedanken schon wieder in der Vergangenheit war. Ich entschied mich dafür, meine Frau anzurufen. „Geht es euch gut?“, viel mehr war in der vorgegebenen Zeit nicht unterzubringen. – Keine Zeit für Erklärungen – danach ein „Bitte verzeiht mir, passt auf Euch auf; ich liebe euch“, ausgesprochen unter Tränen und in einer Tiefe, in der ich diese Worte selten ausgesprochen habe. „Wir lieben dich auch!“– die Antwort, die mir die nötige Kraft für die darauffolgende Zeit geben wird. Mit diesen Worten im Kopf wurde ich in eine Zelle auf dem Revier gesperrt. Ein kahler Raum mit einem Vorsprung als Bett, einem Loch im Boden (Toilette), Videoüberwachung und Dauerbeleuchtung. Schlafen bzw. Ausruhen – Fehlanzeige. Denn jede Stunde ruft eine Stimme durch die Notfallsprechanlage: Lebendkontrolle!?

Eingewickelt in eine Wolldecke, weil man bis auf die Unterwäsche entkleidet wird, fühlten sich die Stunden wie Jahre an.

„Fertig machen für die Kriminaltechnik“ rauschte die Stimme durch die Sprechanlage, während im selben Moment die Tür geöffnet wurde. Eine willkommene Abwechslung. Aber nach Fingerabdrücken, DNA-Probe und Fotos von allen Seiten und jedem Tattoo ging es zurück in den Bunker. So wird einem schnell klargemacht, wie das Justizsystem läuft.

Am nächsten Tag, welcher beinahe ohne Schlaf angefangen hatte, wurde ich nach 23 Stunden Bunkerzelle dem Haftrichter vorgeführt – die gesetzlich vorgeschriebenen 24 Stunden hat man also gebührend ausgekostet. Geistlich zermürbt, unfähig, klar zu denken, in dreckige Arbeitskleidung und Hand- und Fußfesseln gehüllt, saß ich also im Büro des Richters. Der Staatsanwalt trug seine Inhaftierungsgründe vor und der kontaktierte Anwalt noch am Telefon „Er meldet sich die nächsten Tage“. Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich da nicht alleine durch muss.

Das Knarzen, als mein Zellenkamerad die Treppe des Stockbettes heruntersteigt, holt mich aus den Gedanken. Doch das Gefühl der Einsamkeit, des „da muss ich alleine durch“ ist geblieben.

Ich denke an das, was er gerade durchmacht und frage mich, wie es mir wohl nach der Verhandlung gehen wird. Vor zwei Wochen wurde er wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Ich weiß, meine Lage ist bei Weitem nicht so schwer wie seine, aber die Angst vor der Zukunft, vor dem, was kommen wird, ist trotzdem eine große Last. Er schaut mich an mit dem Blick eines Freundes, nicht mit dem eines Mörders und sagt: „Lass den Kopf nicht hängen Junge, denk an deine Familie und daran, dass du nach der Verhandlung Gewissheit hast, wann du wieder bei Ihnen sein kannst“ – gewichtige Worte, wenn man bedenkt, dass er diese Mauern erst wieder jenseits der 70 verlassen wird. Er, ein netter und einfühlsamer Mensch mit viel Lebenserfahrung. Einer, von dem man viel erwarten würde, außer etwas Böses. Auch gute Menschen sind zu schrecklichen Taten fähig, wenn die Umstände es zulassen.

Mein Blick wandert durch unsere Doppelzelle. Sie ist klein, hat einen Tisch mit Stühlen, ein Waschbecken und eine Toilette, die nur von einem Vorhang getrennt wird, und zwei kleine Schränke neben dem Stockbett. Jedes Zimmer hier sieht so aus. Ich frage mich, ob es das wert war. „Du alleine bist für dein Versagen verantwortlich, du hattest zu viel Stolz, um dir rechtzeitig Helfen zu lassen“, beginnt ein Monolog in meinem Kopf. „Du hattest alles, was ein normaler Mensch zum Leben braucht. Familie, Freunde, Arbeit, eine schöne Wohnung und doch reichte es nicht. Du wurdest gierig, wolltest mehr und am besten alles noch schneller. Wie dumm muss man sein? Wie blind kann man durchs Leben gehen, um zu denken; es wird schon nichts passieren?“ Der Versuch, die immer lauter werdenden Vorwürfe auszuschalten, scheitert kläglich, aber mittlerweile habe ich gelernt, sie auszuhalten.

Über Monate hatte ich mehr als genug Zeit für meine Gedanken. Oftmals lieferten sie neue Erkenntnisse, doch wenn man es nicht schafft, sie zu verarbeiten, sie auszuhalten, treiben sie dich in den Abgrund. Neben Depressionen und Suizid lösen nicht verarbeitete Gedanken und Sorgen auch Aggressionen aus, was ich selbst habe erfahren müssen. Es war 14 Tage vor dem errechneten Geburtstermin, an dem meine Tochter auf die Welt kommen sollte. Nachdem ich alles beantragt hatte, um am Entbindungstermin eine Ausführung zu bekommen, erhielt ich eine Absage von der Vollzugsanstalt. Grund: Personalmangel.

Die vorherigen Tage waren sehr Gedankenbeladen. Nebst Vorwürfen machten mir zunehmend die Sorgen um meine Frau und Kinder sowie die Ungewissheit der gesamten Situation zu schaffen. Was wird kommen, was wird passieren – im Verlauf der Haft, bei meinen Angehörigen und auch mit mir selbst. Verlustängste breiteten sich aus. Man hält Ausschau, mit wem man über so persönliche Dinge reden kann und will. Immerhin handelt es sich um eine Zwangsgemeinschaft in der es schwer ist, Vertrauen aufzubauen. Daher kreisen Ängste, Sorgen und Gedanken den ganzen Tag, die ganze Nacht durch den Kopf. Bis zu einem Punkt, an dem man die Kontrolle verliert und in diesem Moment auch die Angst vor den Konsequenzen. So war es bei mir an besagten Tag.

Nach der Absage, als ich bei der Arbeit in der JVA saß, stieg in mir plötzlich eine unglaubliche Wut auf. Mein Puls erhöhte sich schlagartig, die Muskeln waren angespannt und ich bekam einen Tunnelblick, während sich meine Atmung beschleunigte. Mir war klar, ein unpassender Kommentar oder ein falscher Blick würden ausreichen, um die Fassung zu verlieren. Daher sprang ich von meinem Platz auf, um alleine zu sein – ab ins Raucherzimmer. Da das Ganze natürlich nicht unbemerkt blieb, folgte mir ein Insasse, welchen ich mit einem Brüller aus dem Raum verbarrikadierte. Das war wohl der Anlass dafür, dass sich innerhalb kürzester Zeit eine kleine Schar von Beamten vor und im Raucherkämmerchen positionierten. „Verpisst euch und lasst mich verdammt noch mal alleine!“, rief ich ihnen gereizt entgegen.

Erstaunt von der plötzlichen Aggressivität schauten mich die Beamten an, denn eigentlich bin ich ein anständiger und sehr höflicher Häftling. Während sich manch ein Beamter auf größeren Stress einstellte, traten ein älterer und eine Auszubildende gemeinsam vor: „Geht es Ihnen gut? Brauchen Sie etwas?“. Ich erwiderte nur schroff: „Lasst mich einfach alleine“. Der Ältere von ihnen drehte sie mit den Worten „Lassen wir ihn in Ruhe“ um. Dank seiner Erfahrung im Umgang mit Situationen wie diesen wurde vermutlich Schlimmeres vermieden. Nach einer guten halben Stunde kam die Psychologin und bat mich, in ihr Büro zu gehen, zum Reden.

Ich musste lernen, meine Gedanken zu differenzieren und zu verarbeiten. Haft ist nun mal eine Ausnahmesituation, in der es umso wichtiger ist, Strategien für den Umgang mit Stress, Langeweile und Rückschlägen zu finden. So kam ich letztendlich zum Schreiben. Es ist mein Ventil und mittlerweile sogar meine Leidenschaft. Angefangen mit Briefen, die beinahe als einziges Kommunikationsmittel in U-Haft dienen. Durch sie erschafft man Nähe zu seinen Angehörigen und schüttet darin seine Emotionen sowie Hoffnungen aus. Geschriebene Worte sind etwas, das bleibt und kein Vergleich zu dem zehnminütigen Telefonat einmal im Monat. Manchmal sind sie sogar persönlicher als die monatliche Stunde Besuch.

So liege ich im Bett, am Abend vor der Verhandlung. Voller Ängste und Sorgen klammere mich an Hoffnungen und möchte einfach nur verurteilt werden, um endlich Gewissheit zu haben. Ich habe die Geburt meiner Tochter verpasst und meine Familie, die an der Situation zu zerbrechen droht, im Stich gelassen. Wie es weitergehen wird, weiß ich nicht, doch eine Erkenntnis habe ich aus der ganzen Sache ziehen können: Ich trage die Verantwortung dafür!

Justizvollzugsanstalt, 27.01.2021
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Anmerkung der Redaktion: Bei “Notizen aus der JVA” handelt es sich um eine Reihe, die von einem anonymen Gastautor verfasst wird. Wie der Titel bereits verrät, befindet sich dieser in der Justizvollzugsanstalt, wo er seit 2019 seine Strafe wegen Betrugs absitzt. Weil er seine Zeit im Gefängnis sinnvoll verbringen möchte, bewarb er sich bei uns, um sein Können als Autor unter Beweis zu stellen. Weitere Teile folgen. 

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE. 

ILLUSTRATION: MORITZ GRUNEWALD

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Notizen aus der JVA: Die Festnahme – Teil 1

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2 Comments on “Notizen aus der JVA: Tage der Ungewissheit”

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