Die Strafhaft begann ungefähr sechs Wochen nach meiner Verhandlung. Mit der Ankunft eines gelben Briefes, der mein Urteil beinhaltete, war ich nun rechtskräftig verurteilt. Der diensthabende Vollzugsbeamte eröffnete mir, dass ich in drei Tagen auf Schub gehen werde. Transport in die Strafvollzugsanstalt. Dazu wurde mir eine Liste mit Informationen gegeben, was ich zum Beispiel mitnehmen darf und Sonstiges. Dies war das erste Zeichen, im Strafvollzug laufen die Dinge anders. Kaum eigene Kleidung, nur ein paar Schuhe und weniger finanzielle Möglichkeiten. So fing ich also an, meine Sachen in unterschiedliche Kartons zu packen, denn alles, was man nicht haben darf, wird bis zur Entlassung in einem Lager verstaut.

Ich war nervös und hatte großen Respekt davor, was mich in der JVA erwarten wird. Ein Bild, geprägt von Knast-Dokus und Hollywood-Streifen, vermischt mit Erzählungen von Mitinsassen, die diese Erfahrungen bereits gemacht haben, herrscht in meinem Kopf. Ich wusste lediglich, dass man öfter die Zelle offen hat, als in U-Haft und einem mehr Freizeitmöglichkeiten geboten werden. Daher war auch eine gewisse Freude mit dabei. Am Tag des Transportes verabschiedete ich mich von meinem Zellenkameraden und den anderen, mit denen ich etwas zu tun hatte. Dabei herrschte ein Wechselbad der Gefühle. Über Monate hat man unter gleichen Bedingungen oder sogar in derselben Zelle gelebt. Hat sich zu schätzen gelernt. Hat teilweise Vertrauen aufgebaut. Wiederum bei anderen ist man froh, sie nicht mehr sehen zu müssen. 

Der silber-blaue Bus mit seinem kleinen Fahrzeuggestell, Blaulicht und bewaffneten Beamten holte mich ab. Fünf Stunden Fahrt in einer Transportzelle und vier Tage später weiter in die zugewiesene Anstalt. Das ist der unangenehmste Teil von Transporten innerhalb der Justiz. Transportzelle heißt zwei Mann auf engsten Raum, 23 Stunden eingeschlossen ohne Gepäck. Etwas Schreibzeug, Tabak und Kaffee. Kein TV und keine Dusche. Auf dem Weg zum Zielort war mein Blick aus dem Fenster gerichtet. Ich sah die große, mit Stacheldraht besetzte Mauer. Ein schweres Tor wurde geöffnet und der Bus passierte die Schleuse, die mit einem weiteren schweren Stahltor begrenzt war. Beklemmung machte sich breit. Die Mauern brüllten, als das schwere Tor sich Schloss fiel und signalisierten: „Hier gibt es keinen Weg mehr raus!“

Das Empfangskommando, bestehend aus sechs Beamt:innen, stellte sich vor die Bustür und führte den Weg bis zum Eingang der Zugangsabteilung. Nach Stunden des Wartens in einem leeren Raum wurde ich in die Kammer gerufen. Kurz ein Foto von einer weißen Wand im Flur, dann ausziehen und Kontrolle der Körperöffnungen. Zuletzt wurden die verplombten Kartons mit meinem Hab und Gut geöffnet, akribisch jedes Teil kontrolliert und so blieben nur noch eine Tüte Privateigentum übrig, die ich mitnehmen durfte. Weiter ging es zum Gefängnislager, wo man Alltagskleidung bzw. -wäsche bekommt. Der Zustand der Sachen mehr schlecht als recht. Auf der Wolldecke steht „JUSTIZ 1995“. Sehr angenehm beim Gedanken, wie viele Häftlinge wohl schon darin geschlafen haben. Dann bekam ich meinen Ausweis. Von nun an bin ich GEFANGENER NR. 1004/19. Öfter Zahl als Mensch mit Name. 

Nach dem ersten Tagen der Zugangsabteilung wird man von der Vollzugsleitung, einem Arbeitsbetrieb und einem der Hafthäuser zugeteilt. In Begleitung von zwei Beamt:innen und bepackt mit einem Sack voll Kleidung wird man über das Gelände bis zum jeweiligen Haus gebracht. Nach gefühlten 20 Türen, die auf und direkt wieder abgeschlossen werden, betrat ich dann den Zellenblock. Schon das Gelände war ziemlich runtergekommen und alles schien baufällig zu sein. 200 Jahre alte Häuser. Doch das war nun mein neues Zuhause auf Zeit.

Im Hafthaus selbst strahlt alles eine gewisse Kälte aus. Nackter Beton, nackte Steine und Metall, bis wohin das Auge reicht. Türen, so viele, dass man sie kaum zu zählen vermag und ein offener Flur über vier Etagen. Ähnlich wie ein Balkon, der die jeweiligen Etagen komplett umspannt und die Türen miteinander verbindet. Zwischen den Etagen Gitterböden. Der vergitterte Aufzugsschacht gegenüber der schmalen Treppe ist das prägnanteste und mit Abstand modernste hier. Eine erdrückende, lieblose Atmosphäre, grau in grau. Der Geruch: unvergesslich. Eine Mischung aus Ruch, Kaffee, Toilette und feuchter Luft. 

Die erste Nacht verbrachte ich alleine in einer Doppelzelle und habe kaum ein Auge zugemacht. Es wird weder ganz hell, noch ganz dunkel in einem Haftraum. Die Gitter halten Licht ab und die dünnen Vorhänge lassen das Licht der Strahler, die auf das Gebäude gerichtet sind, durch. Ebenso ist es nie wirklich ruhig, denn die 180 Zellen des Hauses schallen durch den Flur. Das Essen … mehr als bescheiden. 

Der erste Hofgang:

Die Mischung aus Stahl und Holztüren, aus Schlüsseln und Hunderter verschiedener Stimmen wurde lauter, als der Beamte die Tür zum Hofgang öffnete. Ernst bleiben, nicht einschüchtern lassen, sofort zuschlagen, wenn es eng wird und Ähnliches ging mir durch den Kopf. Das klassische Knastbild eben. Ich war absolut nervös und angespannt. Doch mein Bild vom Knast sollte sich schon bald ändern. Man wächst in die Rolle des Strafgefangenen rein und wird zum Teil der Zwangsgemeinschaft. Feste, immer gleiche Tagesabläufe mit wenig Platz für Individualität bestimmen die Wochen/Monate bzw. Jahre. Es gibt „stabile“ Männer und „Opfer“, Gruppierungen und Einzelgänger, Mitläufer und Macher, Verräter und aus der Gefangencommunity ausgestoßene und nicht zuletzt Zusammenhalt ebenso wie Intrigen.

Um ehrlich zu sein, scheint es wie ein Spiegelbild der Gesellschaft zu sein. Mit dem Unterschied: Hier drin ist keiner normal oder unschuldig. Man muss sich bewusst werden, dass man unter Kriminellen lebt.

Justizvollzugsanstalt
21. Februar 2021
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Anmerkung der Redaktion: Bei “Notizen aus der JVA” handelt es sich um eine Reihe, die von einem anonymen Gastautor verfasst wird. Wie der Titel bereits verrät, befindet sich dieser in der Justizvollzugsanstalt, wo er seit 2019 seine Strafe wegen Betrugs absitzt. Weil er seine Zeit im Gefängnis sinnvoll verbringen möchte und im Besitz eines Smartphones ist, bewarb er sich bei uns, um sein Können als Autor unter Beweis zu stellen. Weitere Teile folgen. 

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Illustration: Moritz Grunewald

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