WARNUNG: Dieser Text enthält Schilderungen von sexualisierter Gewalt.

Ein schrilles Dröhnen zieht durch meine Ohren. Meine Knie werden weich und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass nicht nur mein Körper aufgibt, sondern auch der Boden unter mir nachgibt. Meine Mutter muss am Telefon ihre Tränen zurückhalten. Ich höre es und habe das Gefühl, dass ich träume. Doch es ist kein Traum, den ich weiterträumen möchte. Keine Sandstrände, Sonne und Partys. Nein, es ist der schlimmste Albtraum, den ich je hatte – und aus dem ich einfach nicht aufwachen kann.

Spätsommer 2020. Vielleicht war es auch schon früher Herbst. So genau kann ich es nicht mehr sagen, da Zeit und Raum seit der Pandemie für mich nicht mehr existent sind. Meine Mutter hatte mehrfach versucht, mich anzurufen. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“, dachte ich mir, als ich sie genervt zurückrief. „Hast du gerade mal einen Moment?“, sagte sie direkt als sie den Anruf annahm. „Ja, klar.“, entgegnete ich und ahnte bereits, dass es sich um nichts Gutes handeln konnte. „Es geht um deine kleine Schwester.“

Noch bevor ich fragen konnte, was sie für Mist verzapft hat, stellte meine Mutter direkt klar: „Sie wurde Opfer eines sexuellen Übergriffs.“ 

Stille. Unangenehm laute Stille. Ich konnte nur schweigen. Mir wurde schwindelig und mein Kopf dröhnte. Ich wusste partout nicht, was ich sagen sollte. Wie ich überhaupt noch etwas sagen konnte. Durch meinen Kopf schossen unzählige Gedanken, während ich gleichzeitig an nichts denken konnte. 

Im weiteren Verlauf des Gesprächs erzählte mir meine Mutter, was genau passiert ist. Obwohl ich wissen wollte, was vorgefallen war, mochte ich eigentlich gar nichts davon hören. Jedes Wort schmerzte und ich fühlte mich wie gelähmt. 

Man denkt oftmals, dass man selbst nie betroffen sein wird. Auch wenn kein Tag vergeht, an dem ich nicht das Haus verlassen kann, ohne, dass ein dummer Spruch oder eine sexistische Bemerkung kommt, fühlte ich mich immer sicher vor “schlimmeren” Übergriffen. Wie auch immer man „schlimm“ in diesem Fall definieren kann, denn das entscheidet jede:r für sich selbst. Auch wähnte ich meine Schwester unterbewusst in Sicherheit. 1400 Seelen-Dorf, jede:r kennt jede:n – da kann ja nichts passieren. Dass es aber auch der gute Freund sein kann, der einen nicht nach Hause, sondern in ein abgelegenes Waldstück fahren könnte, darüber habe ich nie nachgedacht – beziehungsweise wollte ich es nicht. 

Und das, obwohl sexuelle Übergriffe alles andere als eine Seltenheit sind. Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erleben zwei von drei Frauen in ihrem Leben sexuelle Belästigung. Schwere sexualisierte Gewalt erlebt jede siebte Frau.

Außerdem sind die Täter:innen dabei oftmals keine Fremden. Im Gegenteil: Sie kommen meist aus dem näheren Umfeld, wie eine EU-Studie aus dem Jahr 2014 belegte. In der Umfrage gaben 77 Prozent der von sexualisierter Gewalt betroffenen Frauen an, dass sie die übergriffige Person kannten. Nicht selten sind es sogar die eigenen Lebens- oder Ehepartner:innen. Das ist ebenfalls ein Grund, warum viele Betroffene das Erlebte nicht zur Anzeige bringen. 

Auch ich selbst gehöre zu den zwei Drittel der Frauen, die schon zu oft Betroffene von Catcalling und ungefragten Berührungen wurden. Ebenfalls musste ich bereits häufiger ein „Nein“ wiederholen, weil es beim ersten Mal nicht gereicht hat – oder schlichtweg nicht respektiert wurde. Auch wenn diese Situationen nie mit schönen Gefühlen verbunden waren, hatte ich weiterhin die Kontrolle. Zumindest redete ich mir das ein. Als Angehörige dagegen fühlte ich mich macht- und hilflos. Laut dem Verein “gegen-missbrauch” ist diese Hilflosigkeit und Verzweiflung eine typische Reaktion von Angehörigen. Sie wissen einfach nicht mit der Situation umzugehen.

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Foto:  Monika Jia Rui Scherer Cover: Shannon Tomasik

Meine Schwester wollte weder mit mir, noch mit meinen Eltern darüber reden. Auch ihre Freund:innen erfuhren nur Bruchteile. Und wer kann ihr das schon verübeln? Aber trotzdem wollte ich mehr tun. Mehr für sie da sein. Vielleicht wollte ich es auch einfach nur ungeschehen machen. Aber das geht nicht. So etwas kann man nicht ungeschehen machen, egal wie sehr ich es mir wünschte. 

Auch die mehrmaligen Versuche mit meiner Schwester zu reden, scheiterten. Die Balance zu finden zwischen „keinen Druck machen“ und der Option „Bitte rede mit mir!“ war sehr schwierig. Um nicht zu sagen unmöglich. Auf der einen Seite möchte ich sie nicht zwingen, mir etwas zu erzählen, wobei sie sich nicht wohl fühlt. Auf der anderen Seite weiß ich, dass das Reinfressen von negativen Gefühlen nicht dabei hilft, das Geschehen zu verarbeiten. 

Es war ein Drahtseilakt, den meine Familie und ich versuchten zu meisterten. Und das beste Hilfsmittel dabei war schlussendlich die Zeit. Nach einem Jahr öffnete sich meine Schwester dann. Sie redete offener darüber, öffnete sich vor allem meiner Mutter, und stellte für sich fest, dass sie es alleine nicht schafft. Dass sie Therapie machen möchte, um über all das sprechen zu können. Um die Hilfe zu bekommen, die sie benötigt. 

Auch wenn es mir und meinen Eltern schwerfiel, nicht ständig nachzufragen, ob denn alles okay sei, auch wenn wir ihr am liebsten täglich gesagt hätten, dass sie vielleicht professionelle Hilfe in Anspruch nehmen sollte, da dies ein sehr traumatisches Ereignis war, gaben wir ihr den Raum und die Zeit. Und das war das Beste – und vielleicht auch Einzige – was wir in dem Moment machen konnten. Da sein, wenn wir gebraucht wurden.

Wenn du selbst von sexualisierter Gewalt betroffen bist, findest du hier Hilfe und Unterstützung. Für Angehörige gibt es ebenfalls Hilfsangebote. Diese findet du hier.

Du bist nicht allein!

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Autor:innen

Anne Sophie Lange
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Seit 2020 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Kommunikationswissenschaften studiert und machte 2022 ihren Master in Journalismus. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik, Mental Health und Musik.

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