Warnung: Dieser Text behandelt das Thema Krebs.

„Wir müssen für den Papa jetzt stark sein“, sagt meine Mutter. Das ist das Einzige, was ich in diesem Moment will und was so unmöglich erscheint. Ich möchte meine Mutter auffangen, die auch gerade aus allen Wolken fällt und mich erstaunlich gefasst versucht zu beruhigen.

Ich kann nicht. Es geht nicht. Das kann nicht sein!

Und doch hat sich nichts je so real angefühlt, ich kann nicht ausbrechen. Mein Vater, 56 Jahre alt, wurde ins Krankenhaus geschickt, weil ein Verdacht auf einen akuten Blinddarmdurchbruch bestand, der heute noch operiert werden muss. Dass es doch schlimmer als gedacht ist, wird mir schon klar, als ich neben meiner Mutter sitze, während sie mit dem Arzt spricht. Sie stützt mit ihrer Hand erst ihren Kopf ab, dann drückt sie hilflos und fest meinen Arm. Sie spricht mit dem Arzt über Lymphknoten und wiederholt, dass Papa doch erst morgen operiert werden soll. Das schrecklichste Telefonat meines Lebens, ich führe es nicht einmal selbst, sondern kann nur zuhören.

Die Hilflosigkeit und Ungewissheit überwältigen mich. Ich versuche stark zu bleiben. Die Tränen kann ich aber schon lange nicht mehr zurückhalten. Erst, als sich mein Gesicht überflutet anfühlt, stehe ich auf, um mir ein Taschentuch zu holen. Genau in dem Moment ist das Gespräch beendet, meine Mutter sagt den Satz, der die Zeit stehenbleiben lässt:

„Papa hat Darmkrebs.“

Mein Taschentuch habe ich immer noch nicht. Ich stehe hilflos im Wohnzimmer und weine, wie nie zuvor. Ich kann nicht aufhören. Meine Arme und Beine kribbeln, als würden tausend elektrische Nadelstiche meine Adern unter Strom setzen. Ich möchte schreien, kotzen, wegrennen! Aber ich kann nur weinen, wippe auf und ab, während Mama mich fest in den Arm nimmt. Ein Schmerz, den ich bisher kaum kenne, bei dem es nicht um mich geht, pur, kaum auszuhalten. Die Welt bleibt stehen, bricht über mir zusammen.

Und dann bin ich doch stark. Keine Ahnung, woher diese Kraft kommt. Der Arzt hat gesagt, dass wir uns vor der OP nochmal draußen mit meinem Vater treffen können, durch Corona dürfen Patienten erst am sechsten Tag ihres Aufenthalts Besuch im Zimmer empfangen. Das ist einer der schlimmsten Umstände der nächsten Woche. Dass er alleine mit der Diagnose umgehen muss, ohne dass wir zu ihm dürfen. Wir skypen und schreiben mit ihm, aber das ersetzt natürlich keinen Besuch vor Ort. Ich weiß, dass es das Schlimmste für ihn ist, wenn es uns schlecht geht, also bin ich stark, als wir uns vor dem Krankenhaus treffen. Und bleibe es. Ich bin besser stark als schwach, bin besser darin zu helfen, als Hilfe zu brauchen. Also bleibe ich stark für Papa, für Mama und ein bisschen für Leo und Jan. Und irgendwie auch für mich.

Es ist gut, ihn vor der OP morgen noch mal zu sehen. Er ist sehr positiv, vertraut dem Chirurgen komplett und der Medizin sowieso. Er sagt, die Diagnose sei noch nicht bei ihm angekommen und wird es vielleicht auch nie. Vielleicht ist es auch am besten so.

Der Tag der OP ist fast schlimmer als der Tag der Diagnose. Ich habe richtig Angst vor der OP. Durch Grey’s Anatomy weiß ich, was da alles schief gehen kann. Und vielleicht ist der Krebs noch schlimmer, als sie gedacht haben. Mama geht es richtig schlecht. Das Warten auf Neuigkeiten macht sie verrückt. Wir lenken uns seit gestern schon die ganze Zeit und die nächsten Wochen immer wieder mit Tanzserien ab. Bald gibt es keine Tanzszene auf Streaming Plattformen mehr, die wir nicht geschaut haben. Weil Machen manchmal noch besser hilft als fliegende Tänzer:innen, fangen wir an, das Bücherregal in meinem alten Kinderzimmer zu sortieren. Als wir damit fertig sind gibts immer noch keine News. Also schauen wir weiter, werden immer angespannter. Der Arzt will uns anrufen, wenn die OP beendet ist. Ins Krankenhaus dürfen wir immer noch nicht. Bei jedem Klingeln des Telefons schrecken wir auf. Und dann kommt der ersehnte und so gefürchtete Anruf. Mir ist schlecht. Wieder kann ich nur zuhören, was Mama zum Arzt sagt. Ihre Hand auf meinem Arm entspannt sich nach den ersten Sätzen des Arztes, es scheint alles gut gegangen zu sein. Der Druck an meinem Arm wird wieder größer. Sie sagt nur noch „Hm, hm“. Dann legt sie irgendwann auf. Sie haben zwar alles wegbekommen, der Tumor war größer als gedacht, hat schon mehrere Lymphknoten befallen und könnte in den nächsten Jahren wiederkommen.

Wir müssen jetzt noch auf die pathologischen Ergebnisse warten, um die Lage einschätzen zu können. Ich muss das Positive sehen, sonst werde ich wahnsinnig. Ich bin so erleichtert, dass die OP gut verlaufen ist. Und sie haben den Tumor komplett entfernt, auch die befallenen Lymphknoten. Und es waren keine weiteren Organe befallen. In ein paar Wochen kommt dann die Chemo. Das sind doch erst einmal gute Nachrichten. Und alles andere kann man medizinisch behandeln. Selbst wenn der Krebs wiederkommt, gibt es Behandlungsmöglichkeiten. Krebs ist kein Todesurteil, auch wenn es sich im ersten Moment so anfühlt. Ich muss auf die Medizin vertrauen.

Die Aussichten auf eine erfolgreiche Behandlung sind hoch, die Forschungen zu Darmkrebs sind sehr ausgereift. Denn Darmkrebs gehört zu den am häufigsten auftretenden Krebsvarianten in Deutschland. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass jedes Jahr ca. 58.800 Menschen die Diagnose erhalten. Die Ursachen für die Krankheit sind, wie bei den meisten Krebsarten, nicht vollständig geklärt. Ein gesunder Lebensstil soll einer Erkrankung vorbeugen können, allerdings erhalten auch Menschen, die immer auf einen ausgewogenen Lebensstil geachtet haben, die Diagnose.

Der größte Risikofaktor, Darmkrebs zu bekommen, ist das Alter. Die meisten Patient:innen erkranken ab einem Alter mit über 70 Jahren. Für Menschen im Alter meines Vaters ist die Erkrankung eher ungewöhnlich. Ich hoffe, dass genau das aber positiv für ihn sein kann. Mit Mitte 50 hat er wahrscheinlich noch mehr Kraft und Lebenswillen, die Krankheit zu bekämpfen als mit Mitte 70.

Was mich wundert, ist, dass dieser Moment ausbleibt. Dieser Moment nach Katastrophen, den man aus Filmen kennt, in dem auf einmal alles klar ist, in dem die Protagonist:innen klar vor Augen sehen, dass sie ihr Leben um 180 Grad wenden müssen, weil sie durch die Katastrophe plötzlich erkennen, worauf es im Leben ankommt. Das habe ich nicht. Mir ist schmerzlich bewusst geworden, wie fucking kurz das Leben sein kann. Ein Gedanke, den ich so gut es geht versuche von mir fern zu halten, der aber so wahnsinnig nah und überwältigend ist, wenn ich das mal nicht schaffe.

Doch den Sinn des Lebens habe ich dadurch nicht erkannt. In einem philosophischen Moment erzählt Papa mir von seinen Gedanken, dass das eigene Überleben nur durch die Nachkommen gesichert ist, da wir alle mit dem Zeitpunkt unserer Zeugung dem Tode geweiht sind. Recht hat er, dennoch kann man den Tod ja solange es geht, hinauszögern. Er hat eine Variante dieses Moments auf jeden Fall gehabt. Er denkt, dass man jetzt nicht jeden Tag unnötig mit Bedeutung füllen muss. Aber, dass man in seinem Leben eine Balance aus den drei Säulen soziale Kontakte (Freundschaften, Familie etc.), Arbeit und Finanzen sowie Gesundheit finden sollte. Und vielleicht ist genau das die Antwort. Nicht jeder Tag muss der beste und bedeutendste deines Lebens sein, aber die Chance, dass das Leben aus vielen guten Tagen besteht, ist größer, wenn die Balance stimmt.

Wenn sich die Welt wieder dreht, werde ich an dieser Balance arbeiten. Durch Corona bin ich sehr aus dem Gleichgewicht geraten und möchte es unbedingt wiederfinden.

Auch wundert es mich, dass das Lachen so schnell wieder so einfach ist. Schon am gleichen Abend können Mama, Leo, Jan und ich zusammen lachen und für ein paar Sekunden ist diese Schwere ein wenig leichter geworden, kaum merklich. Aber das sind die Momente, die uns diese schwerste aller Wochen durchhalten lassen. Wir rücken zusammen.

Es ist gut, nicht alleine zu sein.

Nach einer Woche kommt Papa aus dem Krankenhaus. Er ist sehr müde, hat abgenommen, aber er ist immer noch optimistisch und versprüht Lebenswillen. Er sieht nicht krank aus. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass dieser kräftige, starke Mann so krank ist. Und das ist echt gut so. Es beruhigt, ihn in seinem Sessel sitzen zu sehen, als wäre nichts. Es lässt mich vergessen und hoffen. Wir haben keine Alternative, als positiv zu bleiben und auf die Medizin zu vertrauen. Dieses Vertrauen ist sehr anstrengend. Meine beste Freundin sagt: „Wenn das einer schafft, dann der Papsi, denn der schafft doch alles.“ Und daran glaube ich so fest.

Besonders, wenn ich nicht bei meiner Familie bin, kommen mir unkontrolliert und zu den unpassendsten Zeitpunkten die Tränen. Meistens, wenn ich unterwegs bin. Besonders schlimm ist das in Zügen. Ich hasse es, in der Öffentlichkeit zu weinen und versuche es so gut es geht, zu unterdrücken. Wenn ich wieder zuhause bin, wollen die Tränen dann nur sehr angestrengt und vereinzelt raus.

Am Tag der OP feiere ich mit meiner besten Freundin in ihren 25. Geburtstag. Ich dachte ein bisschen Ablenkung tut gut. Das ist wahrscheinlich auch so, aber dieses schwere Hintergrundgefühl, diese riesige Kugel im Magen verschwindet weder an dem Abend, noch zu einem anderen Zeitpunkt. Als wir auf ihrem Balkon sitzen, Pizza essen und Wein trinken, kommt die erste Nachricht nach der OP. Sofort kommen die Tränen, die schon den ganzen Tag darauf gewartet haben, endlich rausgelassen zu werden. Ein Selfie aus dem Krankenhaus, mit dem Schlauch der Magensonde in der Nase und die Schleusen öffnen sich.

Auch als ich meinem Therapeuten davon erzähle, dass meine beste Freundin auch weinen musste, als sie die Nachricht „Der Papsi hat Darmkrebs“ gelesen hat und mich so lieb aufgefangen hat, muss ich weinen. Und immer wieder einfach so. Ich merke, es tut auch gut, mal nicht nur stark zu sein. Aber ich kann die Schwäche nur selten zulassen. Richtig weitergedreht hat sich die Welt immer noch nicht. Die Zeit vergeht seither anders. Zwei Tage fühlen sich an wie zwei Wochen und zwei Wochen wie ein paar Stunden. Aber meine Beine und Arme kribbeln nicht mehr. Seit der Diagnose sind zweieinhalb Wochen vergangen. Schlecht ist mir immer noch. Und laufen hilft dagegen auch nicht, das Gefühl bleibt. Aber es hilft, die Welt wieder ein bisschen anzuschubsen und macht den Kopf etwas frei.

Reden dagegen hilft und macht es gleichzeitig schlimmer, weil es die Situation so präsent macht. Das Gleiche gilt fürs Schreiben, aber weil ich so schlecht nach Hilfe fragen kann (sorry Herr Therapeut, versuche echt daran zu arbeiten) und nicht gerne über meine Gefühle rede, habe ich das Schreiben als Bewältigungsstrategie wiederentdeckt.

Ich fühle mich allein und hilflos. So, als könne niemand meine Gefühle nachvollziehen, nicht der Freund, dessen Mutter selbst Krebs hatte, nicht mein Therapeut und vielleicht nicht einmal meine Familie. Es ist ein Schmerz, den ich nicht erklären und den mir niemand nehmen kann. Ich kann diese Gefühle selbst kaum greifen, obwohl sie so überwältigend und allgegenwärtig sind. Trotzdem weiß ich, dass die Schwere leichter wird, wenn ich mich mitteile. Dafür ist es nicht notwendig, dass andere sie genauso empfinden wie ich. Ich muss die Welt weiter anschubsen, solange bis sie sich wieder von alleine dreht, trotz und mit diesem Schmerz. Der Schmerz, bei dem es nicht um mich geht, hat nun Seiten mit meinen Gedanken gefüllt. Jetzt ist alles einmal draußen. Auch wenn es im Moment echt schwer ist, bleibe ich optimistisch.

Ich glaube verdammt noch mal an dich, Papsi!

Die Diagnose Krebs ist für die gesamte Familie eine große Belastung und betrifft alle. Nicht nur der/die Patient/Patientin ist extrem belastet, sondern auch die Angehörigen stehen unter großem Druck.

Hier gibt es Infos und Hilfe: www.aok.de

Autorin: Alina Bremer
Illustration © Lena Zitzler

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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