Ich habe das Privileg, in einem internationalen Master-Programm zu sitzen. Seit Oktober 2019 studiere in mit jungen Menschen aus der ganzen Welt. Wir alle brennen für dasselbe Thema: Journalismus. Bereits in den ersten Seminaren tauschten wir uns über unsere Erfahrungen aus. Auch wenn ich zu Beginn bereits wusste, dass sich unsere Lebensrealitäten unterscheiden, war ich geschockt, als ich manche Erzählungen hörte. Eine meiner Kommiliton:innen ist Alejandra Santamaría (29). Bevor sie nach Berlin zog, lebte sie in Bogotá. Oft sprachen wir darüber, wie die aktuellen Lebenssituationen in den Regionen aussieht, in denen wir aufwachsen sind. Sie erklärte mir, warum sie sich nicht vorstellen kann, als Journalistin in Kolumbien zu arbeiten. Wie gefährlich es ist. Auch sprach sie mit mir über den derzeitigen Präsidenten Iván Duque und all die Probleme, die mit seiner Präsidentschaft einhergehen. Als sie mir allerdings erzählte, was gerade in Kolumbien passiert, war ich sprachlos. Auch, weil ich bis dato nichts über die Proteste wusste. Daher habe ich mit Alejandra über den Streik und den allgemeinen Unmut der kolumbianischen Bevölkerung gesprochen.

DIEVERPEILTE: Was genau passiert gerade in Kolumbien?
Alejandra: Long Story short: Seit dem 28. April gehen Kolumbianer:innen jeden Tag zu friedlichen Demonstrationen auf die Straße und die Regierung antwortet mit brutaler Polizeirepression. Die Proteste begannen gegen eine von Präsident Iván Duque vorgeschlagene Steuerreform. Diese wurde nach fünf Tagen der Proteste wieder zurückgezogen, um Änderungen vorzunehmen. Aufgrund der extremen Polizeibrutalität habe ich das Gefühl, dass das, was als Ausübung des Bürgerrechts begann, zu einer Krise der Menschenrechte geworden ist.

Wie meinst du das?
Die NGO Temblores berichtet, dass bis zum 10. Mai um 23 Uhr 40 Menschen mutmaßlich durch Polizeikräfte ermordet und 12 Menschen Opfer sexueller Gewalt wurden. Insgesamt gab es 1956 Fälle von Polizeigewalt. Eine weitere erschreckende Zahl ist die Zahl der vermissten Personen. Bis zum 12. Mai waren es bereit 168 Personen. Viele Videos zeigen, wie die Polizei völlig friedliche Kundgebungen wie Mahnwachen auflöst. Wie sie Tränengas und Schüsse in Wohneinheiten, Nachbarschaften oder auf Menschen abfeuert, die gar nicht an den Protesten teilnehmen.

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Foto: Alejandra Santamaría

Was hätte die Reform für die Bevölkerung bedeutet?
Vereinfacht ausgedrückt hätte die Reform mehr Steuern für die Mittelschicht und für Menschen mit niedrigeren Einkommen bedeutet. Ebenfalls hätte es Bestattungsdienste getroffen und das inmitten einer Pandemie, die bis heute fast 80.000 Tote zählt. Die Regierung wollte zusätzliches Geld der Bürger eintreiben, wobei die großen Unternehmen von einem Großteil der Verantwortung verschont geblieben wären.

Gibt es diese Probleme erst jetzt?
Nein, Kolumbien hat viele komplexe Probleme, die Jahrzehnte zurückreichen. Das ist eine der Ursachen, die den Dialog zwischen der Regierung und den Streikenden so schwierig machen. Im Fall von Duque gab es verschiedene Momente ziviler Unruhen und massiver Proteste. Auf diese reagierte er immer mit polizeilicher Repression und Brutalität. Die Menschen haben es satt, zu sehen, dass die Regierung das Leben der Bürger:innen nicht wertschätzt. Sie sind müde von der Regierung. Kürzlich hat das nationale Verwaltungsamt für Statistik enthüllt, dass 21 Millionen Kolumbianer:innen jetzt in Armut leben. 21 von 50,3 Millionen haben nicht genug Mittel, um ihre Grundbedürfnisse zu decken. Das ist fast die Hälfte der Bevölkerung!

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Foto: Alejandra Santamaría

Sind die kolumbianischen Narcos darin verwickelt?
Ich bin keine Expertin. Ich weiß aber, dass der Drogenhandel ein Problem ist, welches viele Teile der Gesellschaft Kolumbiens betrifft. Auf internationaler Ebene wird ein Bild der Kokainproduktion gemalt, welches die Droge als etwas darstellt, das die meisten Kolumbianer:innen genießen. Das ist weit von der Realität entfernt. Paramilitärische Gruppen, die unglaublich gewalttätig und grausam sind, werden durch Drogen finanziert. Dazu kommt, dass Politiker:innen nachweislich Verbindungen zu diesen Gruppen haben. Es ist ein Problem, das tief in unserer Gesellschaft verwoben ist. Es ist traurig, dass Koks nach außen hin etwas ist, wofür wir am meisten bekannt sind. Die Leute tun so, als ob der Drogenhandel genauso viel Spaß macht wie der Konsum.

Wie geht es deiner Familie und Freunden vor Ort?
Meine enge Familie ist im Moment nicht in Kolumbien. Das macht die ganze Erfahrung extrem komisch. Dadurch sind sie aber auch sicher. Bei meinen Freunden ist es ähnlich.

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Foto: Camila Curiel

Du bist gerade in Berlin, während eine solche Ausnahmesituation mehrere tausend Kilometer entfernt ist. Wie geht es dir dabei?
Es ist seltsam, all das durch einen Bildschirm und das Internet zu erleben. Ich fühle mich schuldig, verängstigt und hoffnungslos. Manchmal erfüllt es mich aber auch mit Freude, wenn ich Akte der Menschlichkeit sehe. Gleichzeitig ist mir durch das Hiersein bewusst geworden, wie unglaublich privilegiert ich bin. Welche Anstrengungen meine Eltern unternommen haben, um mir Bildung, Essen, Gesundheit und all das, was mich letztendlich nach Berlin gebracht hat, zu ermöglichen. Insgesamt hat mir das Leben in Deutschland – in einer Demokratie – gezeigt, dass andere Realitäten möglich sind. Das Regierungen im Sinne ihrer Bürger:innen arbeiten. Das macht mich mit noch trauriger.

Gehst du hier zu Demonstrationen?
Ja! Das ist das Mindeste. Zu Demos zu gehen, gibt einem auch das Gefühl, von anderen begleitet zu werden, die den gleichen Schmerz empfinden. Denen die Situation auch wehtut. Es zeigt – zumindest hoffe ich das – den Menschen zu Hause, dass sie nicht allein sind und dass sich andere Landsleute außerhalb Kolumbiens um sie kümmern.

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Foto: Alejandra Santamaría

Was denkst du: wie wird es weitergehen?
Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung. Am 10. Mai starteten die Gespräche zwischen Duque und dem Streikkomitee. Es gab allerdings viele Beschwerden, dass das Streikkomitee die Demonstrant:innen auf der Straße nicht repräsentiert. Gruppen wie Primera Línea (erste Linie), die direkt vor der Polizei stehen, haben ihre Bitten an die Regierung gerichtet. Ein direkter Dialog zwischen ihnen existiert im Moment aber nicht. Die Regierung muss den exzessiven Einsatz von Polizeigewalt erkennen und stoppen! Ich befürchte mehr Tote, Menschenrechtsverletzungen und ein noch stärker gespaltenes Land. Ich bewundere die Demonstrant:innen und werde ihnen nie ganz dafür danken können. Danken für die Veränderungen, die der Streik bringen wird. Ich hoffe, dass Duque auf ihre Forderungen hört. Auch hoffe ich, dass die Menschen die schrecklichen Taten nicht vergessen. Dass das Internet nicht vergisst, wer die aktuellen Politiker:innen sind und wie sie sich bei dem Streik verhalten. Das sollte uns ermutigen, unser Land zu verändern und Politiker:innen zu wählen, die nicht bereit sind, ihre Bürger:innen zu massakrieren.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Foto: Alejandra Santamaría

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