Samstagmorgen. Es ist früh, zu früh. Genauer gesagt ist es 05:30, als ich mit dem Fahrrad nach einer halben Stunde Fahrt eine Rettungswache irgendwo in Deutschland erreiche. Der Himmel hängt in Lila-Gold getaucht über mir. Wach, das bin ich nicht, aber gemütlich ist das Sofa, auf dem ich mittlerweile in Dienstkleidung sitze. Für die nächsten Stunden bin ich mit einem Kollegen als Team unterwegs. Und genau dieser Kollege leistet mir zusammen mit einer Tasse Kaffee Gesellschaft. Behutsam lasse ich mich auf die Realität ein. Die Morgennachrichten rieseln auf mich hernieder. Joe Biden hat gestern Kamala Harris als seine Vizekandidatin vorgestellt. Also wird heute früh über Frau Harris und ihr Engagement für die BLM-Bewegung berichtet. Und jetzt werde ich das erste Mal an diesem Tag richtig wach.

Denn mein Kollege (ein 30-jähriger weißer Mann) beginnt die Nachrichten und die BLM– Bewegung zu kommentieren: „Diese verdammten N., was wollen diese N. denn jetzt schon wieder, die müssen sich doch über gar nichts mehr wundern, wenn die sich so benehmen! Dies gewaltsamen Aufstände, wofür denn das? Diese N. Haben doch nicht auszustehen. Die sollen sich benehmen wie normale Menschen.“ Liebe:r Leser:in, ja, du hast das richtig gelesen.

Mein Kollege hat das N.-Wort innerhalb der letzten Minute bestimmt fünf Mal benutzt und in diesem Text soll es um Rassismus gehen. Das schreckt dich jetzt vielleicht ab. Ist ja auch ein unangenehmes Thema. Wenn du weiß bist, könntest du diesen Artikel beiseitelegen, als wäre nichts gewesen. Das ist dein Privileg als weißer Mensch. Gleichzeitig hast du jetzt aber auch die Chance, dich mit der Sache auseinanderzusetzen und nachzudenken, du entscheidest.

Oh schön, du liest weiter! Ich denke jedenfalls zuerst: „Puh, Scheiße, Fuck! Was jetzt. Okay, durchatmen, es ist früh, aber du schaffst das … hoffentlich.“ Und ich erinnere mich. Es ist Sommer, eine Wiese, viele Menschen. Eine regionale Demonstration der BLM-Bewegung, auf der eine Rednerin mich wirklich berührt hat. Nachdem sie ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus geteilt hat, appelliert sie an die weißen Menschen im Publikum. An Menschen, wie mich. Sie spricht von ihrer Wut und dass sie versteht, dass auch wir (weißen) wütend sind. Aber es ist wichtig, sagt sie, dass wir uns mit unserer Wut zurücknehmen.

Denn wir sind es nicht, deren Vorfahren versklavt und deren Namen noch heute möglichst von innerstädtischen Klingelschildern ferngehalten werden. Wir sollen unsere Ablehnung gegenüber Rassist:innen zurückhalten, denn wir sind kein Teil der unterdrückten Gruppe. Wir sind privilegiert. Auch in dem Sinn, dass weiße Rassist:innen uns als Teil der eigenen Gruppe wahrnehmen. Ohne Wut und ohne (berechtigte) Anschuldigen können wir so ein ruhiges Gespräch beginnen. Die weißen, sagt die Rednerin, sollen die versöhnliche Stimme sein, sollen aufklären, sollen deeskalieren.

Na gut. Ruhig, ohne Angriff, aufklärend. Na, dann mal los:

Ich frage: „Wie meinst du das?“
Er, heftig: „Diese N. Sind doch nur auf Randale und Vandalismus aus! Von diesem Rassismus kann mir doch keiner was erzählen, so ein Quatsch!“

Och nö, ehrlich, da müssen wir anfangen? Fuck, der lebt ja echt hinterm Mond. Tragische Unbildung.

Ich, also ruhig: „Hm, das sehe ich aber deutlich anders. Neulich habe ich gelesen, dass Kinder mit nicht-weißer Hautfarbe in deutschen Grundschulen häufiger bestraft werden als Kinder mit weißer Hautfarbe. Das wird wohl kaum an den Kindern, viel mehr an einer unbewusst rassistischen Einstellung der Lehrer:innen“

Ob das angekommen ist?

Er, bockig: „Ach erzähl mir doch nichts, dieser Rassismus, das ist doch eh nur so eine Erfindung von Leuten, die irgendwas studiert haben.“

LOL, wie einfallsreich, gegen Akademiker:innen pöbeln.

Ich, um Fassung bemüht: „Wieso glaubst du denn das? Es gibt viele Menschen in unserer Gesellschaft, die wegen ihrer Hautfarbe oder wegen ihres Namens anders behandelt werden als wir beide. Wir beide erleben das halt nicht selbst, weil wir eine weiße Hautfarbe haben“
Er schweigt nachdenklich.

Oha! Denkt er nach? Ja! Er sieht aus, als würde er verstehen, was ich sage! Schnell weiterreden!

Ich, etwas aufgeregt: „Meine Freundin hat einen Namen, der nicht deutsch klingt und auf unserer gemeinsamen Wohnungssuche war das definitiv ein wichtiger Faktor!“
Er, vorsichtiger: „Aber das ist doch kein Grund, sich so zu benehmen!“
Ich, beharrlich: „Doch, es gibt Menschen, die wesentlich schlechter behandelt werde, eben weil sie die vermeintlich falsche Hautfarbe haben. Da steht doch derselbe Wunsch dahinter, den du auch hast! Ein glückliches Leben führen, einfach deinen Scheiß machen und in Ruhe gelassen werden.“
Er, wirkt wieder nachdenklich: „Ja, das kann ich verstehen aber … “

Ok, jetzt nur noch ein starkes Argument!

Ich, hoffnungsvoll: „Ich glaube, du verstehst, was ich sagen will. Bei der anti-rassistischen Bewegung geht es am Ende nur darum, das alle gut leben können. Oder hat das irgendjemandem nicht verdient?“
Er, verständnisvoll: „Ne, natürlich nicht! Weißte, du hast schon recht. Das ist auf jeden Fall interessant, lass uns da noch mal drüber sprechen.“

Ok, was ist grade passiert? Dieser fucking ungebildete Rassist hat seinen Fehler eingesehen. Nice! Zugegeben, das ist das bare minimum und wirklich so ganz einsichtig war er auch nicht. Trotzdem ist das mehr, als ich erwartet hätte. Denn in den letzten zehn Minuten ist aus inakzeptabler Ignoranz gegenüber dem Problem Einsicht und ein wenig Empathie geworden. Und was hat geholfen? Ruhig bleiben, sachlich sein. Leider klappt das nicht immer.

Ob einer meiner Kollegen einen schwarzen Schauspieler wiederholt als Quoten-N. bezeichnet, einer Teetassen mit Erwin-Rommel und Afrika Corps Aufdruck puscht, oder ein anderer mir erklärt, warum Hitler vielleicht doch gar nicht so falsch lag mit seiner Ideologie. All das habe ich mir angehört und mit all diesen Leuten habe ich kein gutes Gespräch auf die Beine gestellt bekommen. Ob es an der grenzenlosen Dummheit dieser Männer lag oder an meiner tiefen Abscheu ihnen gegenüber? Keine Ahnung, vielleicht eine Mischung aus beidem. Aber trotzdem, diese Ficker sind Teil unserer Gesellschaft. Und vermutlich waren sie es, die 2017 die ersten Nazis seit 1945 in den Bundestag gewählt haben: die AFD. Und sie werden es wieder tun.

Was bleibt uns also? Wahrscheinlich genau das, was die Rednerin auf der Demo im Sommer gesagt hat. Wenn du liebe:r Leser:in weiß sein solltest, dann bleib das nächste Mal ruhig, wenn du mit einer:m Rassist:in sprichst. Die Wut runterschlucken, die Beleidigung weglassen (oder auch nicht?) und sachlich diskutieren. Vielleicht kannst du dieses Mal ein bisschen Einsicht erwirken und irgendetwas erreichen. Vielleicht auch nicht, aber der Versuch, der ist es allemal wert. Und auch du liebe*r Rassist*in, hat dich das Gespräch zum Nachdenken gebracht? Wenn ja, dann ist das sehr gut, weiter so! Hinterfrag deine Position denke empathisch. So hören wir alle auf, ein Teil des Problems zu sein und beginnen, ein Teil der Lösung zu werden.

FOTO: Scherl, Wellnhofer Designs / stock.adobe.com

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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One Comment on “Rassismus auf Arbeit: So redest du richtig mit Nazis”

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