Ein – Aus. Ein – Aus. Ein – Aus. In seinem Bett am anderen Ende des Raumes, höre ich meinen Kollegen langsam und gleichmäßig atmen. Das Flurlicht kriecht durch den Türspalt in unser Zimmer. Es ist Nacht. Ich drehe mich um, die Decke über der Nase. Sie riecht nach meinem Waschmittel und Schrank. Ein – Aus. Ein – Aus. Ein – Aus. Meine Augen fallen langsam zu und ich schlafe ein. Grelles Licht, Lärm. Schnell, Aufstehen! Rein in die Hose. Schuhe zumachen nicht vergessen, runter zum Auto. Leitstelle, Einsatz übernommen. Wir haben Nachtschicht auf dem Rettungswagen und früh um halb drei werden mein Kollege und ich alarmiert. „Akute Atemnot“ ist das Alarmstichwort. Zusatzinfo: Kein Notarzt verfügbar. Naja, erst mal hinfahren, erst mal gucken. Mein Kollege setzt sich ans Steuer und ich beobachte die Bäume. Wusch, wusch, wusch, fliegen sie an uns vorbei. Die Straße vor uns, eingerahmt von dunklen Häusern. Die ganze Welt getaucht in das flackernde Blaulicht des Rettungswagens.

In einer engen Sackgasse suchen wir das alte Fachwerkhaus mit der Nummer 17. Gefunden! Ein schmaler Gang mit niedriger Decke, dahinter ein Wohnzimmer. Die Couch ist braun, geschmückt mit Decken und Kissen. Darauf liegt: Sie, 80 Jahre alt, das Gesicht verwittert, schwer atmend aber gefasst begrüßt sie uns. Hineingelassen hat uns ihre erwachsene Tochter. Die beobachtet uns jetzt zusammen mit ihrem Vater. Die Patientin hat Krebs, schon lange. Gesund werden wird sie nicht mehr. Nur die Schmerzen und die Atemnot kann man ihr noch nehmen. Die Aufgaben sind klar verteilt: Mein Kollege macht die Anamnese. Wsteht in den Arztbriefen? Wie ist die Vorgeschichte? Ich lege ihr einen Venenzugang, gebe Flüssigkeit, Sauerstoff und spreche mit der Frau. Wie geht es ihr? Hat sie Schmerzen? Weiß sie, wo sie ist? Als wir fertig sind, besprechen wir uns: Wie schätzen wir die Situation ein? Wie machen wir jetzt weiter? Mein Bauchgefühl: beschissen. Mein Kollege: Die Ruhe selbst, tiefenentspannt. Wie kann das sein? Er macht den Job länger als ich. Ist das diese Erfahrung, von der alle reden?

Er will die ruhige Kugel fahren. Keine Eile, kleines Krankenhaus, alles entspannt. Ich schaue ihn entgeistert an. Sieht er nicht, wie es der Patientin geht? Nein, das tut er nicht, wie auch. Seine Aufgabe war es, ihre Vorgeschichte kennenzulernen. Das Jetzt, wie es ihr heute Abend geht, damit hab ja in erster Linie ich mich beschäftigt. Also fasse ich kurz meinen Eindruck zusammen und jetzt lässt auch mein Kollege sich auf meinen Fahrplan ein: Die Patientin macht einen schwerkranken Eindruck. Also schnell in den Rettungswagen, schnell den Notarzt nachfordern, schnell ins nächste Uniklinikum, 20 Minuten entfernt.

Wieder die Welt in Blau, die Bäume zischen vorbei. Wusch, wusch, wusch. Ich fahre. Mein Kollege kümmert sich um die Patientin. Zwei Minuten geht das. Da ruft er mich aus dem Patientenraum: „Tom komm her, wir müssen reanimieren“. Anhalten, Funken „Leitstelle, einen Notarzt für laufende Reanimation“, Warnblinker an und runter vom Fahrersitz, rein in den Patientenraum und reanimieren. Für mich das erste Mal. Ich knie mich neben die Trage, lege die Hände übereinander auf ihr Brustbein und drücke mit meinem Körpergewicht nach unten und entlastet den Körper wieder.

Es kracht und knirscht unter meiner Handfläche. Ihre Rippen brechen unter dem Druck. Das ist richtig so. Das habe ich so gelernt. Sogar ein gutes Zeichen für die Qualität der Reanimation. Hundert Mal davon gehört nie gemacht. Jetzt ekelt mich das Geräusch. Jetzt ekelt mich das Gefühl, wie die Rippen auseinandergehen. Aber das muss jetzt beiseite. Es gibt klare Regeln für diese Sorte Notfall. Wir beide kennen sie, wir arbeiten sie Schritt für Schritt ab, wir suchen Struktur darin. Zwischen den Regeln fühle ich mich leer, unendlich leer. Gleichmäßig komprimiere ich den Brustkorb, entlaste, komprimiere, entlaste. Mein Drücken überträgt sich auf den leblosen Körper, er wackelt jedes Mal ein wenig. Jetzt muss ich mich disziplinieren, nicht aufzuhören. Nicht, weil es zu schwer wäre, sondern weil der leblose Körper mir ein Gefühl von Sinnlosigkeit gibt.

Die Seitentür des Rettungswagens öffnet sich und hineinkommt ein junger Notarzt. Puh, endlich ist Hilfe da. Ach ne, warte, die Hilfe war ja ich! Er übernimmt die Einsatzleitung und binnen zehn Minuten hat er seine Arbeit getan. Auf in die Klinik. Ich steige wieder auf den Fahrersitz und konzentriere mich auf die Straße, die Bäume, die Häuser, das blaue Licht. 20 Minuten. Das ist genau die Zeit, die wir brauchen. Die Schiebetür der Intensivstation gleitet auseinander. Der Notarzt übergibt die Patientin genauso routiniert und professionell, wie das Stationsteam sich entscheidet: Die Reanimation soll eingestellt werden. Wir treten wieder auf den Flur hinaus. Die Tochter wartet schon. Und sie sieht es uns ganz sicher an.

Jetzt sauber machen, Material auffüllen, zurück auf die Wache. Halb fünf ist es mittlerweile, die Schicht gleich vorbei. Nachbesprechung, was war gut, was war schlecht, Feierabend. Ich ziehe mich um, steige auf mein Fahrrad und treffe meine Freundin. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit, als ich ihr die Erlebnisse der letzten Nacht viel zu kurz umreiße, bevor ich mich dusche, endlich in mein eigenes Bett falle. Es ist 08:30 Uhr in der Früh. Und da ist sie wieder. Die Leere von vor 5 Stunden, als man hören konnte, wie die Rippen brechen. Leer fühlt sich das an, wie ausgesaugt. Na gut, ich bin ja auch müde, später sieht die Welt bestimmt anders aus.

„Hey, wie war die Schicht?“, „Wie hast du geschlafen?“, „Wollen wir was essen? 17:00 Uhr, meine Freundin ist nach der Arbeit zu mir gefahren. Wir kochen, meine Mitbewohner füllen die Küche mit Geschnatter und ich behalte die Ereignisse für mich. Ich, ich fühle mich immer noch leer. Und das bleibt so. Am nächsten Tag – in der nächsten Woche – den nächsten Monat. Meiner Freundin sage ich nichts, niemandem sage ich etwas.

„Ich habe das Gefühl, du hast mich nicht mehr gern“. Das sagt sie einige Wochen später zu mir. In der letzten Zeit hat meine Freundin das Gefühl, ich sei wie ein Eisblock. Ich habe dazu keine Empfindung. Eigentlich habe ich zu nichts mehr eine wirkliche Empfindung. Meine Gefühlswelt wie weggepustet. Bei der nächsten Gelegenheit spreche ich meine Emotionen mit meine Psychologen an. Wir unterhalten uns über die letzte Zeit und kommen schnell zu dieser Nacht mit den Rippen. Wir sprechen, ich versuche zu verstehen und mein Psychologe erklärt. Es sei ganz normal, dass nach intensiven Erlebnissen man sich emotional entfernt, um das „zu viel“ an Eindrücken zu kompensieren sagt er. Dissoziation heißt das. Und es ist gut, dass ich versteh, was mit mir los ist. In den nächsten Wochen spreche ich mit ihm und mit meiner Freundin über meine Gefühle und langsam werde ich weniger eisig.

Warum erzähle ich dir von all dem? Warum geht dich das was an? Meine psychischen Probleme, der Tod einer Frau, die du überhaupt nicht kennst. Beides ist eigentlich nicht ganz dein Bier. Aber es ist trotzdem wichtig. Weil ich nicht geredet habe über mein Bauchgefühl, wusste mein Kollege nicht, wie es unserer Patientin geht. Weil ich nicht geredet habe über meine Leere, wusste meine Freundin nicht, dass es mir schlecht geht. Einfach reden. Ist ganz einfach eigentlich. Und es hilft. Also mach deinen Mund auf! Sag, wie du dich fühlst, irgendjemandem. Sag, wenn du mit einer Situation ein schlechtes Bauchgefühlt hast, sag, wenn es dir scheiße geht, sag, wenn du Hilfe brauchst. Ich hätte das fast zu spät gemacht.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

FOTO: OSAYDON

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