Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen einer Angststörung.

Liebe Angst,

mann, hast du es mir in meinem Leben schon schwer gemacht. Immer wieder diese Anspannung, das Herzrasen und die Krankheitssymptome. Du begleitest mich schon seit meiner Kindheit. Ich war ein sehr ängstliches und misstrauisches Kind.

Als ich mit circa acht Jahren in einer Mutter-Kind-Reha war und schwimmen gehen sollte, habe ich Ausschlag an den Beinen bekommen, weil ich Angst vor dem Schwimmen beziehungsweise dem Wasser hatte. Das Resultat war, dass ich nicht mitschwimmen durfte. Schwimmen habe ich durch meine Angst vor dem Wasser erst mit 11 Jahren gelernt.

Aber richtig schlimm wurde es nach meinem Trauma. Meine erste Beziehung war geprägt von sexuellem, körperlichem und seelischem Missbrauch, von Manipulation und den Verlust meiner Freund:innen. Ich durfte keinen Kontakt mehr zu ihnen haben, weil mein Ex-Freund sie nicht mochte.

Als die Beziehung begann, war ich gerade mal sechzehn Jahre alt und sehr leicht einzuschüchtern. Außerdem hatte er eine sehr charmante und narzisstische Art, seinen Willen durchzusetzen. Einmal wollte er sich mit einem Freund treffen. Ich habe mich daraufhin mit einer Freundin getroffen. Als er das mitbekam, hat er mich angerufen, mir Druck und ein schlechtes Gewissen gemacht. Er hätte jetzt extra das Treffen mit seinem Freund abgesagt, damit er etwas mit mir unternehmen kann. Damit wollte er mich wieder manipulieren und mich dazu bringen, meine Verabredung sausen zu lassen. Das war in vielen Situationen so.

Wenn ich nicht seiner Meinung war oder nicht einem seiner sexuellen Wünsche nachkommen wollte, hat er immer angedeutet, dass er ja zu der oder der Freundin gehen kann. Oder er hat mich vor seinen Freunden runtergemacht, um gleich darauf wieder der liebste Mensch auf Erden zu sein. Dann wiederum hat er mich aus Spaß die Treppen hoch und runter gejagt.

Mit solchen Aktionen hat er meine Angst immer mehr geschürt. Meine Angst vor ihm, vor dem Verlassen werden, dem alleine sein. Denn ich hatte keinen mehr außer ihm. Er hat ständig unterschwellige Bemerkungen zu mir, meinen Hobbys oder meinen Freunden gemacht, so dass ich hinterher an nichts mehr Freude hatte. Ich meldete mich immer weniger bei meinen Freund:innen und ging meinen Hobbys nicht mehr nach. Schlussendlich stand ich alleine da.

Heute weiß ich, dass ich nichts dafürkonnte. Ich war ihm absolut hörig und mit seiner Art hat er es geschickt geschafft, mich zu isolieren. Aber es hat mich sehr viel gekostet.

Einiges ging daran kaputt.

In meiner zweiten Beziehung, die kurz nach der Trennung von meinem ersten Freund begann, war ich wieder verunsichert und ängstlich. Mein damaliger Freund war irgendwann nur noch genervt von mir, weil ich beim Sex immer öfter weinen musste und meine Unsicherheit in Eifersucht umschlug.

Wir stritten uns sehr oft. Er hat mir nicht geholfen und wollte auch nicht wissen, was in der damaligen Beziehung geschehen ist. Irgendwann wirkten sich meine Symptome, wie Angst vor Nähe, Lärmempfindlichkeit und Krankwerden auf meine Ausbildung aus. Ich wollte immer schon Erzieherin werden und auf einmal bekam ich Angst vor den Kindern, wenn sie auf mich zu gerannt kamen oder in den Arm genommen werden wollten.

Ich weinte immer häufiger und war sehr verzweifelt. Daraufhin musste ich meine Ausbildung abbrechen und kann bis heute nicht mehr mit Kindern arbeiten, sooft ich es auch versuchte. Ich habe vor so vielem Angst, aber nicht immer vor allem gleichzeitig oder in der gleichen Intensität. Meine Ängste betreffen vor allem das Verlassenwerden und das Einsam- beziehungsweise das Alleinsein.

Dazu kommt Angst vor Menschen, vor Nähe und vor Keimen. Das sind so die Hauptängste. Sie gehen bei mir einher mit den unterschiedlichsten Symptomen. Mal habe ich Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, oft Bauchschmerzen oder ein Augenlid zuckt unkontrolliert. Dazu kommt immer eine extrem hohe Anspannung und (Katastrophen-) Gedanken.

Ich werde sehr oft krank. Durch meine Ängste und die dazugehörigen Symptome hat sich bei mir eine Somatisierungsstörung entwickelt. Das bedeutet, dass ich bei zu viel Stress, Ängsten oder Panikattacken direkt krank werde. Allerdings variieren diese „Stress-Erkrankungen“. Ich hatte dadurch schon Neurodermitis, Kehlkopfentzündungen („Ich habe einen Kloß im Hals“), Zungenentzündungen und ein Reizdarmsyndrom, was über Jahre angehalten hat. Momentan sind Nasennebenhöhlen- und/oder Kieferhöhlenentzündungen und eine Magenschleimhautentzündung aktuell.

Ein krasses Beispiel: Mich hat die Hochwasserkatastrophe so mitgenommen, obwohl ich nicht selbst betroffen war, dass ich wieder eine akute Magenschleimhautentzündung bekommen habe, dazu eine Sinusitis. Und das „nur“, weil mich das Schicksal der vielen Familien, Tiere und der Umwelt so mitgenommen haben. Ich saß zu Hause und habe vor Verzweiflung und Angst geweint.

Gleichzeitig habe ich aber auch vor eigentlich schönen Dingen Angst, weil mir die eigene Erwartungshaltung und der vermeintlich gesellschaftliche Druck zu schaffen machen.

Mein Lebensgefährte und ich möchten endlich heiraten.

Aber kaum waren wir bei der Planung, waren Gedanken in meinem Kopf, die mir gesagt haben, dass das alles keinen Sinn mehr hätte und ich am besten Schluss machen sollte. Irgendwann sagte dann jemand zu mir:

„Ricarda, kann es sein, dass du Angst hast? Dass dich irgendwas unter Druck setzt und du deshalb diese Gedanken hast?“.

Tja, was soll ich sagen… So war es dann auch. Ich hatte wieder „nur“ Angst. So massive Angst, dass ich alles aufgegeben hätte. Dabei liebe ich meinen Lebensgefährten mehr als alles andere. Er macht mich einfach glücklich und dieses Glück habe ich nach den ganzen Jahren auch verdient!

Als ich wusste, dass meine Gedanken durch die Angst ausgelöst wurden, wurde es auch besser. Ich konnte mir bewusst machen, was mir genau zu schaffen macht und diese Faktoren ändern. Jetzt habe ich schon viel über meine Angst erzählt.

Meine Ängste sind aber nicht die von anderen.

Es gibt viele Arten von Ängsten. Um einige zu nennen, es gibt zum Beispiel die generalisierte Angststörung oder die PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung). Bekannt sind auch die Zwangsstörung, Hypochondrie, Panikstörung und die sozialen Ängste. Wichtig ist dabei aber, wie bei allem anderen auch, keine Angststörung gleicht der anderen und auch nicht alle Symptome sind bei jedem gleich!

Ich habe zum Beispiel eine generalisierte Angststörung und eine PTBS. Die generalisierte Angststörung bedeutet, dass ich Angst vor Ereignissen habe, die eventuell eintreten könnten, mich übermäßig sorge – und das in einzelnen Lebensbereichen wie Sorgen um meine Familie (nachdem viele gestorben sind) und die Zukunft. Die PTBS entwickelt sich oft nach traumatischen Ereignissen, wie Kriegserfahrungen oder – in meinem Fall – sexuelle Übergriffe und Gewalterfahrungen. Die PTBS tritt oft auf, weil Traumata nicht verarbeitet werden konnten und diese oft in Form von Bildern, Vorstellungen oder Albträumen wieder erlebt werden.

Zu den Angststörungen gesellen sich sogenannte Angst- oder Panikattacken. Diese treten oft überraschend und sehr schnell auf und bestehen aus einer extremen körperlichen Angstreaktion. Dazu reichen manchmal schon kleinste Trigger („Auslöser“). Die sind bei jedem verschieden. Bei mir reicht es momentan schon, wenn ich im Bus sitze und eine fremde Person mir zu nah kommt. Dann rast mein Herz. Ich habe das Gefühl, dass ich keine Luft mehr bekomme und alles dreht sich. Irgendwann werden meine Beine ganz weich und wackelig und ich habe das Gefühl, dass ich umkippe. In solchen Momenten muss ich mich zwingen, ganz ruhig ein- und auszuatmen. Ein

Trigger kann alles sein – ein bestimmtes Geräusch, ein Geruch, eine Stimme, ein ähnliches Gesicht, wie dessen, der einem weh getan hat. Ein Kleidungsstück, das mit Erinnerungen verknüpft ist. Wichtig ist, herauszufinden was einen triggert. Nur dann kann man sich dagegen wappnen und daran arbeiten. Angst hat evolutionsmäßig einen wichtigen Sinn. Bei Gefahr gewarnt zu werden und agieren zu können. Bei einer Panikattacke gaukelt der Körper eine mögliche Gefahr vor und wir erleben dann einen schlagartigen Kontrollverlust, der auch einige Minuten und teilweise noch länger anhalten kann.

Das Schwierige daran ist, die Kontrolle wieder zu erlangen. Wie man diesen Zustand auflöst, muss jede:r für sich herausfinden. Wichtig ist es, Strategien und Skills („Fertigkeiten“) zu erarbeiten, die dabei helfen. Mir helfen Atemübungen, telefonieren, Reize wie einen Stein mit einer Kante berühren (darf aber nicht verletzten!). Andere arbeiten mit Gerüchen, Geräuschen oder ähnlichem. Außerdem hat es mir sehr geholfen, Situationen wie das Busfahren zu wiederholen. Das mache ich heute noch. Solange, bis ich mich wieder an die – für mich – neue und überfordernde Situation gewöhne. Ich muss mir bewusst machen, dass gerade keine wirkliche Gefahr droht und die Situation aushaltbarer wird, wenn ich sie „trainiere“.

Zusätzlich mache ich eine Therapie und werde von meinem Psychiater mit Medikamenten unterstützt. Diese helfen mir, meine Anspannung zu drosseln und die Situation wieder klarer zu sehen. Ich bin wieder handlungsfähiger und kann meine anderen Skills einsetzen. Aber auch hier ist, wie schon mehrmals erwähnt, wichtig, dass mein Weg nicht unbedingt euer Weg ist.

Alles in allem bin ich durch meine Erkrankungen und damit auch durch die Angststörung viel sensibler für meine Umwelt geworden. Ich war schon immer sehr emotional und empathisch, aber seit einigen Jahren ist es noch stärker geworden. Ich nehme Lärm oder auch kleinste Geräusche, wie ein vibrierendes Telefon in der Wohnung neben uns viel mehr wahr als früher. Auch bei Gerüchen reagiere ich empfindlicher als vorher. Es geht schon fast in den Bereich hochsensibel – eine offizielle Diagnose steht noch aus.

Das könnte ich jetzt natürlich negativ auffassen, mich darüber ärgern, dass ich so vieles wahrnehme und mich nicht richtig davor schützen kann. Auf der anderen Seite habe ich ein sehr gutes Gespür dafür entwickelt, was ich möchte und was nicht. Weil ich viel mehr auf mich und meine Gefühle höre als früher. Es hat alles seinen Vor- und Nachteil. Und seien wir mal ehrlich, ohne diese extreme Empathie wäre ich auch nicht ich.

Also lasst euch gesagt sein, ihr könnt eure Angst in den Griff bekommen. Es erfordert manchmal Medikamente, Therapie und Hilfe, aber auch das ist keine Schande. Die Ängste können auch durch erneute Erlebnisse oder Trigger wieder auftreten, aber auch da ist gesagt: Ihr schafft das!

Ich hatte zwei, drei Jahre keine Ängste mehr, keine Panikattacken. Und dann waren erneute Auslöser da. Also muss ich erneut umdenken und wieder daran arbeiten. Das ist meine aktuelle Aufgabe. Wichtig ist es, nicht aufzugeben, auch nicht bei Rückschlägen. Das ist nicht leicht und erfordert manchmal alle Kraft, die man hat. Ich glaube daran, dass meine Ängste wieder weniger werden und ich endlich mein Leben leben kann. Weil ich es mir wünsche und es möchte. Setzt ihr euch auch Ziele, immer wieder kleine Ziele.

Dann werdet ihr es schaffen, dass ihr eure Angst kontrolliert und nicht eure Angst euch.

Alles Liebe,
Ricarda

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Autorin: Ricarda Buntrock
Illustration: Teresa Vollmuth

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