Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen von Suizid.

»Mama, hast du mich lieb?«

Flüsternd zogen seine Worte zu ihr heran. Sie blickte nicht auf.

»Warst du denn ein liebes Mädchen?«, fragte sie ihn.

Er nickte. Wunderte sich nicht mal darüber, dass er kein Mädchen war. Weil er es nicht mal zu denken wagte.

Seine Mutter hatte sich eine Tochter gewünscht. Nichts sehnlicher als das.

Sieben Jahre später stand er da und weinte leise. Verzweifelt. Weil er schon wusste, was ihn erwartete.

Zu was sie fähig war. Er schwitzte vor Angst.

Das rosa Kleid klebte an seinem kleinen Körper.
In der Hand seiner Mutter befand sich etwas Schlimmes. Sechsender* nannte sie das Ding.

Jahrzehnte später würde er davon erzählen, bevor er..

Das Knallen der Lederstreifen durchdrang die Luft, verhallte erst auf dem rosa Spitzenstoff seines Kleides. Verstummte auf seiner zarten Haut, auf seiner Seele.
Sie zerfetzten alles. Unwiederbringlich.

Warum liebt sie mich nicht? Oder.. ist das Liebe?

Sie hörte nicht auf. Und sie tat das oft. Weil er ihren Wunsch nicht erfüllt hatte. Den Wunsch. Ein Mädchen zu sein. Weil er eine Enttäuschung für sie war.
In ihrem Blick wütete der Wahn. Der Schmerz kam ihm endlos vor.

Damals war er sechs Jahre alt.

Jetzt ist er sechsundfünfzig. Und er spricht vieles aus. Verhalten. Nicht alles. Doch er bekundet seine Qual. Das Gefühl, dass ihn seit immer peinigt.
Die Gewissheit. Niemals ausreichend zu sein.

Für sie.
Und somit auch für sich.

Er weiß es mittlerweile. Weiß um die Muster, die das innere Kind prägen. Er hat alle Trigger auf dem Schirm. Hat so viel gelernt, wie er konnte.
Er weiß, wann er welche Medikamente in welcher Dosis einnehmen muss. Weiß, wie er sich eine Zeit lang ablenken kann.

Doch wenn alles still ist.. dann kommen sie. Die Dämonen. Sie kommen und sie holen ihn.
Zerren ihn in den Abgrund der Hölle namens KEINE LIEBE.

Wenigstens auf sie.. ist Verlass!
Warum hat sie ihn nicht einfach lieben können?

Was hätte es gebraucht, damit sie ihn angenommen hätte?

Mehr Kleider?
Noch längere Haare? Weniger Jungenhaftigkeit?

Die Therapie.
Das alles.. war ein Plan.

Er hat es ausprobiert. Sein Experiment.

Die Idee.. Mit Hilfe des Wissens über psychologische Konstrukte besser verstehen zu können. Sie verstehen zu können. Die Frau, die seine und keine Mutter war.

Es hat nicht funktioniert..

Die Fliesen unter seinen Fingern sind arktisweiß. Glatt. Meliert. Und kühl.

Das straff gespannte Ladekabel um seinen Hals wird nie wieder ein Handy laden.

Die Plastiktüte über seinem Kopf bläht sich konform zu seiner Atmung auf, um sich in immer kürzer werdenden Intervallen wieder zusammenzuziehen.

Seine Augen haben mittlerweile die Farbe von Château Lafite-Rothschild. Sein Gesicht, die von Tinte.

Er hat nicht erwartet, dass es so lange dauert.

Während er spürt, wie seine Hände sich zu Fäusten ballen und sich schließlich fest verkrampfen, überlegt er kurz, die dünne Tüte zu zerreißen. Eine letzte Welle von Panik erfasst ihn, bevor er sich binnen einer Zehntelsekunde dagegen entscheidet.

Wie lächerlich das hier ist, gegenüber der Höllenqual, die bereits real war..

Ein angenehmes Kribbeln beginnt seinen Körper zu durchströmen. Seine Arme und Beine spürt er nicht mehr. Der schattige Ton seines Teints legt sich bis über sein Bewusstsein.

Und löscht seine Festplatte. Vollständig. Für dieses Leben..

*Eine Peitsche mit sechs Schnüren

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Telefonseelsorge:
(0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222.

Illustration © tarantrullart

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