Es ist Sommer 2021. Ich sitze in einem stickigen Bus irgendwo in Italien zwischen gefühlt hundert schwitzenden Menschen. Aus dem Radio des Busfahrers plärrt blechern irgendein Pop-Lied, das ich nicht kenne und während ich versuche einzuordnen, zu welchem oder welcher schnöden 0815-Musiker:in dieses Stück passen könnte, habe ich plötzlich die winkende Hand meiner kleinen Schwester vor den Augen.

He Sophie, hörst du mir eigentlich zu?”

“Ne sorry! Erzähl noch mal!”, entgegne ich ihr ehrlich beschämt, als in dem Moment der Busfahrer auf einen Klassik-Sender umschaltet. Meine Gedanken kreisen sich nun um Chopins „Nocturne Op. 9 No. 2„.

“He Mäx kannst du dich an das Klavierspiel erinnern, dass du immer am iPad spielen wolltest? Da hast du doch auch immer dieses Lied gespielt, oder?”, unterbreche ich erneut die Geschichte meiner kleinen Schwester, die mich dafür mit einem genervten Blick bestraft, um sich im Anschluss von mir abzuwenden und die restliche Busfahrt aus dem Fenster starrt.

Dass ich dazu neige, mich von Hintergrundberieselungen ablenken zu lassen, war mir auch schon vor dieser Geschichte bewusst. Doch es ärgert mich noch immer nicht zu wissen, was mir meine Schwester eigentlich erzählen wollte. Was mitunter dazu führte, dass ich mich im Zuge eines Selbstexperimentes eine Woche auf meinen Lieblingszeitvertreib verzichtete. Schluss, aus, Ende – keine Ablenkung mehr durch Netflix und Co.!

Als Kinder durften meine Schwestern und ich uns in Absprache mit unseren Eltern mit fester Zeitbegrenzung auf die Couch schmeißen und fernsehen. Das Highlight der Woche.
Ob wir nun die erlaubten zwanzig Minuten mit Heidi oder in späteren Jahren mit K11 – Kommissare im Einsatz verbrachten, war im Grunde egal. Hauptsache, wir konnten die paar Minuten gemeinsam vor dem kleinen Fernseher sitzen, uns über die Lautstärkenregulierung streiten und uns ohne weitere Anstrengung berieseln lassen.

Auch wenn ich nun älter geworden bin, blieb der Grund meines Serienkonsums gleich: Kein Nachdenken, kein Hinterfragen, keine körperliche Anstrengung – ich gebe mir einfach die komplette Dröhnung und kann abschalten. Das war zumindest das, was ich dachte.

Die Wahrheit ist, dass ich mich irrte. Die Berieselung mit Musik, Podcasts oder Netflix und das “Abschalten” des Geistes und des Körpers sind zwei grundsätzliche Gegensätze. Denn ohne dass wir es bewusst wahrnehmen, müssen unsere Sinnes- und Nervenzellen ständig die Außeneinflüsse verarbeiten, was unseren Körper wiederum anstrengt und erschöpft, anstatt ihn zu entspannen. Natürlich muss hier unterschieden werden, inwieweit der Körper der Hintergrundberieselung ausgesetzt wird. Hält sich das Ganze in einem Rahmen wie dem, den wir aus unserer Kindheit kennen, dann ist diese Art der Ablenkung per se nicht schlecht oder gar schädlich.

Allerdings wurden wir irgendwann erwachsen und wie wir selbst wuchs auch das Internet mit uns. So müssen wir mittlerweile weder unsere Eltern noch das Fernsehprogramm fragen, ob und was wir uns zu allen möglichen Situationen oder Tageszeiten ansehen oder anhören dürfen. Ein Privileg, das ich in meinem Fall maßlos ausnutzte.

Und in den meisten Fällen bleibt es dann auch nicht nur bei einem Reiz. Denn jetzt mal Hand aufs Herz, wie viele von euch sitzen mit dem Handy in der Hand vor dem Laptop oder dem Fernseher und scrollen sich neben einer Serie oder einem Film durch Instagram? Läuft im Hintergrund der Fernseher oder das Radio, während du im eigentlichen Moment etwas ganz anderes machst, spricht man von Medien-Multitasking. Ein Prozess, zu dem das menschliche Gehirn überhaupt nicht in der Lage ist. Denn entgegen aller Erwartung kann es sich nur auf eine Aktivität konzentrieren. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass wir nicht parallel Instagram und K11 – Kommissare im Einsatz sehen, sondern unser Gehirn ständig von einem Reiz zum andern hin- und herschalten muss. Das ständige Umschalten des Fokus beeinträchtigt nicht nur unsere Konzentration, sondern saugt auch enorm viel Energie, was uns im Endeffekt nur noch mehr schwächt, anstatt uns zu helfen, unsere Batterien wieder aufzuladen.

Doch wie bin ich nun mit meiner berieselungsfreien Zeit umgegangen und was konnte ich daraus mitnehmen?

Die erste Erkenntnis, die ich hatte, war, wie unfassbar kreativ ich sein kann, wenn es darum geht, Schlupflöcher zu finden. Im Grunde genommen geht es darum, mich selbst zu verarschen. So stillte ich meinen Netflixentzug mit Podcasts und verbrachte die darauffolgenden vier Tage unzählige Stunden damit, den Gedanken fremder Menschen zuzuhören, anstatt meinen eigenen nachzugehen. Nach dem dritten angefangenen Podcast war ich es dann doch leid und beschloss auch Spotify auf meine “Blacklist” zu setzen.

Seit Langem war ich nicht mehr so gelangweilt wie zu Beginn der letzten drei Tage meines ersten Miniprojekts. Dennoch bemerkte ich recht schnell, wie viel produktiver ich in diesen Tagen arbeitete. Ich schloss ein Uniprojekt nach dem anderen ab, schlenderte zum Ausgleich stundenlang durch die Straßen Wiens, begann wieder öfter nur für mich zu schreiben und ging zufriedener und wesentlich entspannter ins Bett.

Umso klarer wird mir nun, während ich darüber schreibe, wie viel besser es mir ging, ohne diese wahnwitzige Bildschirmzeit oder die ständige Angst auf meinem Laptop einzuschlafen. Doch leider hielt meine Motivation nicht an. Mittlerweile stecke ich wieder bis zum Anschlag in meinem routinierten Sog fest.

Um dem entgegenzuwirken und mein schlechtes Gewissen zu stillen, beschloss ich anstatt zum hundertsten Mal Friends anzuschauen, meine kleine Schwester anzurufen und mir endlich das Ende ihrer Story anzuhören. Nach ein paar Minuten des gegenseitigen Austauschs fiel ihr ein, über was sie vor Monaten in der blechernen Sauna reden wollte: Es ging um die Folge des True Crime-Podcasts, den wir am Abend zuvor zum Einschlafen gehört hatten.

Illustration © Laura Sistig

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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