Ich bin in der dritten Klasse und sitze im Sexualkundeunterricht. Mit Handpuppen und einem absurden Aufklärungsvideo versucht unsere Lehrerin einem Haufen kichernder Kinder zu erklären, wie Babys gemacht werden. Ich erinnere mich noch an das Video: ein Zeichentrickfilm über Sex und Fortpflanzung. Woran ich mich vor allem erinnere, ist, dass der Fokus des kleinen Filmchens auf einer Schwangerschaft und dem Verhüten lag – nicht aber auf dem Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten.

Das war nicht nur in der dritten Klasse so. Sowohl bei meiner Gynäkologin als auch im privaten Umfeld war der Hauptgrund, warum ich verhüten sollte: Schutz vor unerwünschter Schwangerschaft. Dass ich mir aber ebenfalls heimtückische und gefährliche Geschlechtskrankheiten einfangen könnte, vor denen ich mich mindestens genauso schützen sollte, war eher Nebensache. Tatsächlich war das auch immer meine größte Angst: Bloß nicht schwanger werden – das wäre der Weltuntergang! Klar gibt es sexuell übertragbare Krankheiten, die einen lebenslang begleiten und/oder beeinträchtigen können. Aber Hauptsache, ich bekomme kein Baby.

Glücklicherweise hatte ich bis dato noch nie mit Geschlechtskrankheiten zu kämpfen. Im Nachhinein betrachtet war das allerdings mehr Glück als Verstand – zumindest teilweise. Durch Unterhaltungen mit Bekannten und Freund:innen merkte ich schnell, dass ich damit nicht die Einzige bin. Vor allem Personen mit Uterus wird suggeriert, dass sie sich eher vor einer Schwangerschaft, als vor Geschlechtskrankheiten schützen sollten. Daher habe ich zwei Freundinnen von mir gefragt, wann sie angefangen haben zu verhüten und was ihre ursprünglichen Beweggründe dafür waren.

Alejandra Santamaría, 29:
„Mit 18 hatte ich meinen ersten richtigen Freund und zu Beginn haben wir mit einem Kondom verhütet. Irgendwann bekam ich dann Panik, dass ich schwanger sein könnte und von da an verhütete ich mit der Pille. Hauptsächlich wollte ich mich auch eher vor Schwangerschaften schützen. Mir war natürlich klar, dass sexuell übertragbare Krankheiten existieren, aber ich wusste nur, dass AIDS schlimm ist. Ich hatte gar keine Ahnung von den ganzen anderen Krankheiten, die es außerdem noch gibt. Ich hatte also keine Angst davor, weil ich gar nicht wusste, was alles passieren kann.“

Nette Nöstlinger, 25:
„Ich habe mit 17 angefangen, die Pille zu nehmen, da ich zu dem Zeitpunkt meine ersten sexuellen Erfahrungen gesammelt habe. Der Hauptgrund, warum ich angefangen habe zu verhüten, war, um mich vor einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen. Ich hatte keine Angst davor, eine sexuell übertragbare Krankheit zu bekommen, da ich in einer festen Beziehung war und nur Sex mit dieser einen Person hatte.“

Es kann natürlich ein Zufall sein, dass es in meinem Bekanntenkreis ähnlich ablief wie bei mir. Bei einer kleinen Umfrage mit 119 Teilnehmenden aus unserer Community zeichnete sich allerdings ein ähnliches Bild ab. Knapp zwei Drittel (64 Prozent) gaben an, dass der Schwerpunkt bei ihrer sexuellen Aufklärung der Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft war. Nur 27 Prozent antworteten, dass auch sexuell übertragbare Krankheiten eine wichtige Rolle spielten – und wenn dem so war, dann ging es hauptsächlich um die Gefährlichkeit von HIV/AIDS.

Es ist dadurch auch kein Wunder, dass über 80 Prozent der Personen, die an unserer kleinen Umfrage teilnahmen, unzufrieden mit der Art und Weise ihrer sexuellen Aufklärung waren. Wie auch, wenn nur ein Bruchteil behandelt wird?

Mal ganz davon abgesehen, dass durch den Fokus auf dem Schutz vor Schwangerschaften ein hetero-normatives Bild von Sex und Sexualität gefestigt wird, zeigt es ebenfalls auf, dass erst einmal davon ausgegangen wird, dass Verhütung die Aufgabe von Menschen mit Uterus ist. Sidenote: ist sie nicht! Außerdem ist es dadurch auch nicht sonderlich überraschend, dass STIs aktueller denn je sind. Die Syphilis-Zahlen haben sich zum Beispiel innerhalb von 10 Jahren (2009-2019) verdoppelt.

Daher sollten wir anfangen, mehr über sexuell übertragbare Krankheiten zu reden. Und dabei nicht nur über HIV. Viele STIs können lange Zeit beinahe symptomlos verlaufen und einen großen, teilweise irreversiblen Schaden anrichten. Und wenn es euch wirklich darum geht, dass junge Menschen nicht ungewollt Eltern werden sollen und sich dadurch ihr “Leben verbauen”, dann setzt euch für einen einfacheren Zugang zu sicheren und legalen Schwangerschaftsabbrüchen ein – nur so als Idee.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Foto: Leona B. Adjaye / Edit: Teresa Vollmuth

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