Mit jedem Tag begebe ich mich auf die Suche. In meinem Studium, durch ein Projekt, beim Sport und wenn ich Freund:innen treffe. Jeden Tag tapse ich voran und versuche, mir den Weg durch das Gestrüpp zu bahnen. Meinen Weg. Den, der mich zu meinem Selbst führen soll. In meiner Vorstellung ist es wie eine Wanderung durch einen Urwald, die mich irgendwann zu einer Lichtung bringt, auf einen Hügel, von dem ich dann alles überblicken kann.

Diese Suche führt mich vorbei an Möglichkeiten, Initiativen und Projekten. Ich sehe sie mir an und frage sie: „Bringst du mich zu mir?“ Sie antworten aber nicht, weil sie ja nicht sprechen können. Sie blicken mich nur provokant an und warten, ob ich mich an ihnen versuche oder nicht. Am Abend betrachte ich dann mein Bündel an Ich, das ich vorweisen kann, und frage mich, wer das eigentlich ist. Mit kritischem Auge sehe ich in den Spiegel und stelle mir Fragen. Wo führt das alles hin? Sollte ich anders sein? Bin ich genug?

Die Welt um mich herum scheint so entschlossen und determiniert. Ich sitze im Kaffeehaus und lasse meinen Blick über die Umgebung schweifen. Der Tisch vor mir hat es leicht. Er hat vier Beine, eine Platte und ist aus Holz. Ich hingegen fühle mich überhaupt nicht definiert. Ich habe zwei Beine und zehn Finger, aber meine Ränder sind unscharf und ich franse aus.

Früher war alles anders. Unsere Eltern und Großeltern wurden der Geburt auf Gleise gesetzt, die sie entlang fahren mussten. Gelenkt von Ver- und Geboten war klar, wer man ist und wo die Reise hingehen kann. Genauso, wohin nicht. Man wurde stets in der einen Stufe für die nächste diszipliniert und vorbereitet. In der Schule für die Universität, an der Universität für den Arbeitsplatz und das war die Endstation. Vorausgesetzt, man konnte und durfte studieren. Die Möglichkeiten waren vorgegeben und das Wort Selbstbestimmung hätte damals wohl kaum jemand verstanden. Klarheit statt Freiheit.

Uns stehen nun alle Türen offen. Wenn ich möchte, kann ich Präsidentin werden, sofern ich mich nur genug anstrenge. Es ist Fluch und Segen zugleich. Niemand sagt mir mehr, wer ich bin und werden kann. Die höchste Instanz bin nun ich, als einzige Verantwortliche. Und ich soll ich selbst sein, aber mit Ausrufezeichen. Ich soll das meiste aus mir herausholen, meinen eigenen Weg gehen, das beste Ich werden. 

Und wer ist schuld, wenn es nicht klappt? Ich.

Ich nehme einen Schluck von meinem Kaffee und denke einen Schritt weiter. Diese Ideologie hat sich in unser System gut bewährt. Jeden Tag werde ich aufs Neue unter Druck gesetzt zu leisten, vermeintlich um meiner selbst willen. Carpe diem, was du heute kannst besorgen ... Es braucht nicht mal eine Autorität, die Leute von oben herab zur Leistung zwingt. Nein, sie machen es von alleine. Gleichzeitig ist es eine politische Taktik, um die Probleme unserer Gesellschaft auf die Individuen zurückzuwerfen, anstatt auf das System. Arbeitslose sind faul und mein Kellner hat sich bestimmt selbst ausgesucht, für einen Niedriglohn zu arbeiten. Er könnte schließlich genauso Consultant werden. Die Politik muss sich nicht mehr für uns verantworten, wenn jede:r für sich steht. So bleibt mir nur an mir selbst zu arbeiten. Ich grabe weiter nach meinem Kern, getrieben von vermeintlichem Glück und Erfolg — und höhle mich dabei aus. 

Was bleibt übrig? Wer damit nicht klar kommt, ist depressiv oder Loser. Es ist kein Zufall, dass Burnout die Krankheit unserer Gesellschaft ist. Jeden Tag werde ich konfrontiert mit unendlichen Möglichkeiten. Hier ein Studiengang, dort ein Praktikum, ein neues Projekt, ehrenamtliches Engagement, Fitnessprogramme und Weiterbildungen. Ich bin überfordert von all den Dingen, die ich machen kann. Weil sie nie enden, bekomme ich das Gefühl, nie genug zu sein. Es erschöpft mich. Ich erschöpfe mich selbst. Bis ich nicht mehr kann.

An Tagen wie diesen fühle ich mich richtungslos und verloren. Ich verspüre den Druck, etwas zu sein, das ich nicht finden kann. Bis ich an Siddhartha denke: Wenn jemand sucht, dann geschieht es leicht, dass er nichts zu finden vermag, weil er immer nur an das Gesuchte denkt, vom Ziel besessen ist. Finden aber heißt: frei sein, offen stehen, kein Ziel haben. 

Beim Gedanken, diesen Druck einfach loszulassen, wird mir sofort leichter ums Herz. Mir fällt auf, dass er gar nicht von mir ausgeht. Mir aufgesetzt wurde, von Leuten, die mich auch nicht kennen. Sowie ich das infrage stelle, scheint das ganze Konstrukt zu schwanken. Was soll das Ziel der Selbstfindung überhaupt sein? Wie sieht es aus? Woher weiß ich dann, dass ich ich selbst bin? Und wer bin ich bis dahin? Die Sache wird immer paradoxer und widerspricht sich schließlich selbst. Ich leere meine Tasse und verwerfe das Konzept.

Vielleicht muss ich mich gar nicht finden, vielleicht kann ich das auch gar nicht. Vielleicht ist das auch gut so und vielleicht lebe ich besser in dem Vertrauen, dass ich bereits ich bin.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: @tarantrullart

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