Mit elf Jahren hatte ich einen schlimmen Unfall. Es waren die letzten warmen Tage der Sommerferien und ich verbrachte sie mit meinem Bruder bei unserem Vater. Eigentlich geht es mir wirklich zu gut, dachte ich damals, denn mir war bis dahin noch nie etwas zugestoßen. Heute weiß ich, wie schnell sich das Blatt wenden kann.

Mein Vater lebte in einem Neubaugebiet und gegenüber von seinem Haus befand sich ein Stückchen Natur in Form eines kleinen Hügels. Ein Mini-Wald, der schon bald Geschichte sein sollte, da der Platz für ein neues Zuhause benötigt wurde und genau darauf lebte unter anderem mein Lieblingsbaum. Die Nachbarskinder waren jünger als ich, aber genauso neugierig, lebendig und abenteuerlustig. Am liebsten spielten wir draußen auf und mit dem Hügel und all seinen Bewohner:innen. Ich fand das toll, die Älteste zu sein und hatte die besondere Gabe, meine Freund:innen dazu zu animieren, meinen verrückten Geistesblitzen zu folgen. An diesem Tag im September hielt ich es für ein cooles Projekt, eine selbst gebastelte Schaukel an dem Ast zu befestigen, auf dem ich immer saß. Wie gefährlich das war, begriff ich erst, als es schon zu spät war.

Wenn ich darüber nachdenke, spüre ich nicht viel. Das Einzige, was mir neben der Erinnerung geblieben ist, ist die Narbe, die meinen Bauch verunstaltet. Die Narbe, die ich habe, weil der Ast morsch war und beim ersten Schwung abgebrochen ist. Die Narbe, die ich nun habe, weil ich auf eine dicke rostige Eisenstange gefallen bin – die sich von meiner linken Pobacke durch meinen Oberkörper bohrte, ein bisschen so wie bei einem Dönerspieß. Aus mir rausgekommen ist sie nicht, sie war einfach in mir drin. Wie sich das angefühlt hat? Es hat weh getan. Noch mehr, als ich mich selbst davon befreite. Doch besonders schmerzhaft war die Nachricht meiner Ärzt:innen, die mir mitteilten, dass ein künstlicher Darmausgang unabdingbar sei, wenn ich meinen Darm behalten möchte. Nach einigen Heulkrämpfen und einer weiteren Operation klebte der hautfarbene Beutel unter meinem Shirt. Zwei Monate lang. Ich hätte Tod sein können, aber alles, was ich heute sehe, ist die Narbe auf meiner rechten Bauchhälfte.

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Foto: Fenja Schulz

Ich bin 28. Seit mehr als 17 Jahren ist sie schon ein Teil von mir. Ich bin eine selbstbewusste Frau, stehe da drüber, denke ich, zumindest manchmal. Doch wenn es darauf ankommt, mich selbst schön fühlen zu können, verstecke ich sie hinter meiner Kleidung. Dabei war ich schon immer das schöne Mädchen. Seit ich denken kann, erhalte ich Komplimente für mein Aussehen oder das, was ich trage. Eigentlich kenne ich es nicht anders. Aber um zu erkennen, dass das eigene Wohlbefinden keine Frage von Außenstehenden, sondern eine Sache der Selbstwahrnehmung ist, brauchte ich Reflexion.

Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Wo möchte ich hin? Welche Menschen sind mir wichtig? Wieso sind mir diese Menschen wichtig? Was finde ich gut an mir? Wieso finde ich das gut an mir?

Es kann unendlich viele Fragen geben. Wichtig ist, dass wir uns Fragen wie diese stellen. Wir brauchen sie, um mehr Klarheit zu erlangen und um uns selbst besser kennenzulernen.

Eine häufige Ursache für meine Unzufriedenheit ist zum Beispiel, dass es Situationen gibt, in denen ich mich selbst nicht richtig einschätzen kann und nicht weiß, wie ich bei anderen ankomme. Im Alltag frage ich mich immer wieder, wie ich auf andere wirke. Meistens mache ich das an Äußerlichkeiten fest, an meiner Figur oder meiner Kleidung, aber auch an Gesagtem und Taten – das macht jedoch nur einen Teil meiner Wirkung auf andere aus.

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Foto: Fenja Schulz

Wenn ich herausfinden möchte, wieso ich gerade unsicher bin, frage ich mich: Wieso bin ich unsicher? Was oder wer löst dieses Gefühl in mir aus? Und wieso interessiert mich das überhaupt, was andere von mir denken?

Noch bevor ich mich auf mein Innenleben konzentrierte, lag ich meistens ziemlich daneben, was mich selbst anging: Ich hielt mich für dick, obwohl ich kaum noch was auf den Rippen hatte, hässlich und unattraktiv, wenn andere Frauen mehr Aufmerksamkeit erhielten und dachte, das Leben ist scheiße und hat etwas gegen mich.

Ich habe viel darüber nachgedacht, warum mir der Zuspruch der anderen so wichtig war. Mein Körper veränderte sich, als ich in der Pubertät war. In dieser Zeit brauchen wir werdenden Erwachsenen seelische Unterstützung. Indem man das Gespräch mit uns sucht, uns bestärkt und auch mal gemeinsame Schönheitsideale hinterfragt. Das wäre schön gewesen. Gereicht hätte es aber auch, wenn meine Schönheit oder Nicht-Schönheit überhaupt nicht kommentiert worden wäre. Stattdessen wurde ich auf das Erwachsenenleben nicht vorbereitet. Niemand erklärte mir, wie wichtig es sei, das eigene Denken und Handeln zu hinterfragen. In meiner Familie hieß es stets, ein gepflegtes Äußeres sei wichtig, ungepflegte Menschen will niemand um sich haben.

Wenn ich mit Menschen über meine Probleme gesprochen habe, habe ich nicht zu hören bekommen, dass dies an meiner eigenen Unsicherheit liegen könnte. Und inzwischen denke ich: Wieso eigentlich nicht? Um einen gesunden Zugang zu mir selbst finden zu können, musste ich mich meinen Selbstzweifeln stellen. Doch wie soll man das tun, wenn man sich darüber nicht bewusst ist? Doch auch hier komme ich wieder zu dem Punkt, dass sich die eigene Wahrnehmung von der der anderen unterscheidet.

Als ich in die Pubertät kam, mochte ich meinen Körper und die Veränderungen, die er mit sich zog, nicht: die Brüste, die ich nie haben wollte, erweckten Aufmerksamkeit, die mich unsicher machte, der Po, den ich in immer enger werdende Jeans quetschte, wurde mit dem ungebetenen Spitznamen „Elefantenarsch“ zum Gesprächsthema und meine Augen sehnten sich nach Zeiten, in denen mich das endlich nicht mehr verletzen würde. So also fühlte sich das an, eine richtige Frau zu werden. Um darauf klar zu kommen, stürzte mich in ein Meer aus materiellen Aufputschern, Alkohol, Selbsthass und die nie enden wollende Sucht nach Anerkennung.

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Foto: Fenja Schulz

Es gab in der Schule ältere, aber auch gleichaltrige Mädchen, die ich toll fand, und es gab Freundinnen, die mich mit ihren scheinbar makellosen Körpern in Minderwertigkeitskomplexe trieben. So schlank und straff zu sein wie sie, das wünschte ich mir. Perfekt wie die Frauen aus der Werbung, den Zeitschriften und die, die mir auf der Straße selbstbewusst entgegenliefen, die denen die Jungs hinterherrannten und die, die keine Cellulite an ihren Oberschenkeln hatten. In der Pubertät suchte ich danach, wer ich sein könnte als nunmehr starke Frau, als eine, die eigentlich alles hat. Als ein Mädchen, dass schon immer als schön galt, aber nur das Hässliche an sich sehen konnte.

Wer ich bin als Mensch, fragte ich mich damals natürlich nicht, sondern wie ich dorthin komme, dass ich genauso beliebt werde wie die anderen, zu denen ich aufschaute. Aber genau das machte mich unglücklich. Die Erkenntnis darüber, niemals jemand anderes sein zu können und immer in einer Gegenwart gefangen zu sein, die seelisches Leid für mich bereithielt. Doch das Streben nach Bestätigung zahlte sich aus, gesellschaftlich zumindest. Minikleider, enge Tops, Jeans und High Heels. Kleider machen Leute und diese Kleider waren lange Zeit ein Teil von mir. Sie gaben mir Sicherheit: Ich trage schöne Kleidung, also bin ich jemand.

Seit ich kapiert habe, dass mich die Leute für meine Offenheit, meine direkte Art und viele andere Eigenschaften lieben, ist meine Selbstwahrnehmung einfach ein entspanntes Verhältnis zu mir selbst. Ich finde dieses Wissen wichtig. Aber man muss sich selbst vor Augen halten, dass Cellulite und Narben okay sind, nicht nur einmal, sondern wirklich immer wieder. Die Masse an Bildern von perfekten Körpern, die wir konsumieren, macht etwas mit uns. So richtig gemerkt, dass sich meine Körperwahrnehmung verändert hat, habe ich vor drei Jahren, als ich aufgehört habe, Fernsehen zu schauen und Zeitschriften zu lesen.

Wenn ich heute auf Reklame oder die Bilder aus den sozialen Netzwerken blicke, gibt es kaum noch Neid, weil ich selbstbewusst mein Ding mache und weil die Vorbilder, die ich nun habe, sich nicht über ihr Aussehen profilieren, sondern mich auf meinem Weg begleiten, der sich Persönlichkeitsentwicklung nennt. Die Menschen können noch so schön sein, noch so viel Geld auf dem Konto haben und damit angeben, wie geil alles ist, aber das wirklich gestaltete, von häuslichen Pflichten unabhängige Leben führe hier immer noch ich.

Wenn ich auf meine bisherige Laufbahn schaue, bin ich froh, es mir selbst wert zu sein, an mir zu arbeiten. Dazu gehört auch, die Narben des Lebens anzunehmen. Akzeptieren und weiter machen, etwas anderes bleibt uns nicht übrig. Neben den schönen Lachfalten, die heute mein Gesicht schmücken, hat sich mein Körper in den einer erwachsenen Frau verwandelt, mit Stellen, die ich mehr mag, und manche eben weniger, mit Narben, die Erinnerungen in mir aufwecken und Narben, die mir zeigen, wie stark ich bin. Schönheitsideale sind da, das kann ich nicht ändern. Aber wie ich mich fühle, liegt ganz allein bei mir. Und dafür brauche ich mir eigentlich auch nur eine Frage stellen: Ist ein narbenfreier Bauch gerade wichtig?

Ich liebe mich, was ich tue, wie ich dort hinkomme, unverborgen. Und wenn das bedeutet, dass meine Narbe dazu gehört, dann finde ich die Narbe eigentlich ganz schön.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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One Comment on “Selbstzweifel oder Selbstverwirklichung?”

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