WARNUNG: Dieser Text enthält Schilderungen von sexualisierter Gewalt.

Sexuell übergriffiges Verhalten an sich selbst zu erkennen, ist oft gar nicht so leicht. Betroffene werden immer mehr empowered, sich mitzuteilen, zum Beispiel durch Kampagnen wie #Metoo. Wodurch awareness geschaffen und aufgezeigt wird, wie und wann Grenzen gesetzt werden sollen oder müssen. Aber was ist mit den Täter:innen? Besonders denen, die keine sein wollen? Oder denen, die nicht verstehen, dass ihr Verhalten übergriffig ist? 

Wir sind sozialisiert mit gängigen Klischees, die in unserem Familien- und Freund:innenkreis reproduziert werden wie „Männer haben immer Bock“ oder „Wenn eine Frau Nein sagt, meint sie eigentlich Ja“. Dies sind nur zwei, von vielen Klischees, die zu übergriffigem Verhalten führen können, das in unserer Gesellschaft eine gefährliche Akzeptanz findet. Männern wird damit ihre Männlichkeit abgesprochen, wenn sie mal keinen Bock haben und Frauen wird unterstellt, dass sie nicht wüssten, was sie wirklich wollten – ich erinnere mich da an meinen Kollegen, der stolz verkündete, dass man eine Frau immer dreimal fragen müsse, wenn man Sex mit ihr haben wolle. Beim dritten Mal sage sie immer Ja.  

Was tun wir also, wenn wir merken, dass wir selbst sexuell übergriffig sind oder waren? Wie gehen wir damit um und vor allem, was können wir tun, damit es nicht wieder passiert?

Ich habe mich mit zwei Männern, die sich selbst als “Täter” bezeichnen, unterhalten. Alexander (27) und Konstantin*(21) erzählen, wie sie selbst merkten, dass sie sexuell übergriffig gehandelt haben, wie sie es bewältigt haben, welche Glaubenssätze dabei eine Rolle spielten und wie sie heute damit umgehen. 

DIEVERPEILTE: Inwieweit seid ihr sexuell übergriffig gewesen und bei wem?
Konstantin: Bei mir ist es häufig so gewesen, dass ich ein Nein wegverhandelt habe oder über die Grenzen der anderen Person hinweggegangen bin. Auch oft körperlich – zum Beispiel, indem ich an den Hals gegangen bin. In Beziehungen, die ich geführt habe, habe ich auch oft einen vermeintlichen Safe Space anderen Personen gegenüber geschaffen. Meistens mit der Absicht, danach Sex zu haben. Meine sexualisierten Übergriffe waren dadurch immer eher verdeckt. Ich habe beispielsweise nie jemanden direkt an den Hintern gegriffen oder Catcalling betrieben. 
Alexander: Bei mir war das so, dass ich eine längere Beziehung hatte. Meine damalige Freundin wurde von drei Männern vergewaltigt, fünf Jahre bevor sie mit mir zusammen war. Die hatten sie mit Alkohol gefügig gemacht und sie dann benutzt. Sie hatte diese Erfahrung zunächst nicht mit mir geteilt, sondern erst, nachdem wir Sex miteinander hatten, bei dem ich ihr an den Hals gefasst hatte. Sie wurde dann ganz still und regungslos und hat das quasi über sich ergehen lassen. Ich hatte nicht gemerkt, dass mein Verhalten sie triggerte und ich da eine Grenze überschritt. Nach dem Sex ist sie weinend weggelaufen. Ich hatte in diesem Moment schon realisiert, dass irgendwas nicht stimmte, aber eher unterbewusst, so nach dem Motto: Eigentlich ist doch alles in Ordnung. Letztendlich mache ich mir dafür auch Vorwürfe, obwohl sie zu mir gesagt hat, dass ich ja nicht wissen konnte, was ihr passiert ist. Aber für mich ist das keine Ausrede. Diese Situation hat mir lange zu denken gegeben, weil sie für mich einem Missbrauch gleicht.

Wie würdet ihr sagen, kam dieses Verhalten zustande? Durch welche Glaubenssätze oder Situationen?
Alexander: Durch diese klassische toxische Männlichkeit. So wie einem als Kind oft gesagt wurde, dass man keine Emotionen zeigen darf: Du musst stark sein, du musst die Führung in der Beziehung haben, weil du der Mann bist. Ich glaube auch, dass diese Gefühle getriggert werden aus der Kindheit. Zum Beispiel wurde mir immer eingetrichtert, dass ein Mann nicht zu weinen hat. Und bis zum heutigen Tage fällt es mir schwer, Emotionen zu zeigen. Das wurde mir weniger von meinen Eltern und eher von meinen Großeltern vermittelt. Oder im Freundeskreis, von dem ich mich dann auch distanziert habe. 
Konstantin: Ich kann das nachvollziehen, was Alexander sagt. Ich denke, wir sind da alle drei auf dem gleichen Stand, was Sozialisation und toxische Männlichkeit angehen. Und ich glaube, dass diese Sozialisation auch – in gewisser Weise – Männer, die Täter werden, schützt. Und ich kann das ebenfalls gut nachvollziehen, was Alexander meinte, als „Mann” erzogen worden zu sein. Zum Beispiel wurde mir auch oft gesagt, dass ich ein „Mann“ sein solle. Und was ich persönlich früher mehrmals von meinem Vater gehört habe, war diese perfide Aussage: Wenn eine Frau nachts betrunken in deinem Bett liegt und Nein sagt, wie soll man dann dieses Nein deuten? Im Sinne von: Meint sie wirklich Nein oder will sie eigentlich doch? Das hat bei mir dann dazu geführt, dass ich Alkohol auch oft zum Lockermachen benutzt habe.

Wie habt ihr euch dabei gefühlt? 
Konstantin: Ich würde von mir aus jetzt nicht sagen, dass die sexualisierte Gewalt, die ich ausgeübt habe, in irgendeiner Form meiner Männlichkeit dienen sollte. Sondern eher der Befriedigung meines akuten Sexualverlangens. Ich habe mal gelesen, dass viele Vergewaltigungen aus einem Gefühl der Stärke oder eines Überlegenheitsgefühls heraus resultieren und weniger wegen eines Triebgefühls. Bei mir persönlich war das aber nie so. Bei mir war es einfach, weil ich recht manipulativ sein kann, wenn ich etwas möchte und es eher um mein Triebempfinden ging. 

Wie war es bei dir Alexander? Du hattest ja die ganz spezifische Situation mit deiner Ex-Freundin. Kannst du etwas dazu sagen? Welche Gefühle da involviert waren?
Alexander: Bei mir würde ich sagen, dass es darum ging, eher eine Form von Performance abzuliefern, um leistungsfähig zu sein und die Frau in irgendeiner Form vordergründig zu befriedigen, – um mein eigenes Ego zu befriedigen. Danach hatte ich dann eher ein Unverständnis mir selbst gegenüber, weil ich eigentlich ein sehr sensibler Mann bin und bei meiner Partnerin sehr darauf achte, wie es ihr geht. Aber zu dieser Zeit war ich irgendwie in einem Modus, in dem ich unbedingt performen musste, aus einem total bescheuerten Grund heraus. Sozusagen: „Nur wenn die Frau gekommen ist, dann habe ich es gut gemacht.“ Und ich denke, dass das mein vordergründiger Gedanke in der ganzen Situation war. Dadurch war ich letztendlich nicht mehr auf den Sex konzentriert, sondern nur noch, wie ein Pferd mit Scheuklappen, auf die Performance fokussiert. So wie es sich schon immer durch mein ganzes Leben zieht, dass ich mich nur bestätigt fühlte, wenn ich Leistung erbracht habe. 

Würdest du sagen, dass dein Anspruch an dich selbst auch von der Mainstream-Pornoindustrie mitgeprägt war?
Alexander: Witzigerweise wurde ich auch von meiner Ex-Freundin in unserer Beziehung darauf angesprochen: Je mehr Pornos man schaut, desto verwaschener ist der Blick auf Sexualität. Davon wurde ich getriggert und dachte, dass das ein riesiger Schwachsinn sei. Aber wenn ich mich jetzt selbst reflektiere, dann hatte ich schon bis vor zwei Jahren die Erwartung an mich selbst, wie ein Pornostar zu performen. Das hört sich natürlich total bescheuert an, aber das, was in den Filmen passiert, habe ich auch in meinem Sexleben überproduziert. Seit ich das verstanden habe, schaue ich mir jetzt, vielleicht zwei Mal die Woche, eher sinnliche Pornos an. Früher habe ich auch Pornos geschaut, in denen Gewalt elementar war und habe mich rückblickend  gefragt, was mich in der Situation erregt hat. Mittlerweile fühle ich mich danach eher schlecht.  
Konstantin: Ich finde es sehr interessant, was du sagst Alexander. Die erste Abwehrhaltung, die kenne ich von mir und auch von anderen Männern – besonders in Bezug auf sexuelles Fehlverhalten. Wenn ich beispielsweise jemandem sage, dass das, was er sagt Rape Culture sei oder auch, als mir gesagt wurde, dass mein Verhalten übergriffig war, bin ich eher sauer geworden. Und ich glaube diese Abwehrhaltung resultiert daraus, dass man insgeheim weiß, dass es eben nicht okay ist. 

Ab wann bzw. welchem Punkt habt ihr gemerkt, dass euer Verhalten nicht okay ist/war? Was oder wer hat euch darauf aufmerksam gemacht?
Alexander: Bei mir war es, als meine Ex-Freundin mir von der Vergewaltigung erzählte, was für mich extrem schlimm war. Das hatte mich tief getroffen, weil ich auch immer der Meinung war, dass ich einer Frau niemals etwas Schlimmes antun könnte. Genauso wenig, wie ich eine Frau niemals schlagen wollen würde oder könnte. In der Situation war ich von mir selbst sehr enttäuscht. Für mich persönlich war mein Verhalten eigentlich wie eine Vergewaltigung, weil ich eine Grenze überschritten hatte und sie es in diesem Moment nicht kommunizieren konnte. Ich konnte mich selbst nicht mehr im Spiegel angucken und habe mich angeekelt und wütend gefühlt und mich selbst verachtet, weil ich ihr etwas angetan hatte, was sie nicht wollte. 

Und in dieser Situation hast du auch entschieden, dass du dich verändern und mehr reflektieren möchtest?
Alexander: Ja, genau. Das war natürlich ein Prozess, der jetzt über Jahre ging. Es war ein großer Punkt, mit dem ich mich sehr reflektiert befasst habe. Danach hatte ich auch für eine kurze Zeit Probleme, mit meiner damaligen Freundin zu schlafen, weil ich Angst hatte, dass ich noch etwas falsch machen könnte. Das hat sich aber durch offene Gespräche über unsere Gefühle geklärt. Dadurch, dass ich ehrlich über meine Gefühle reden konnte, ging es mir natürlich dann viel besser. Außerdem habe ich verstanden, dass das alles meinem extremen Wunsch nach Leistung und der Erwartung an mich selbst zu Grunde liegt und deshalb habe ich diesbezüglich zu mir selbst gesagt: „Jetzt ist auch mal gut.“ 
Ich habe viel mit meiner Ex-Freundin über das, was sie erlebt hat, gesprochen und darüber, wie sie sich bei unserem Sex gefühlt hat. Und auch wenn sie mir sagte, dass ich es nicht wissen konnte und dass es okay sei, war das für mich keine Entschuldigung für mein Verhalten, sondern mir war klar, dass das nicht geht und ich etwas verändern möchte. Es ist für mich auch heute noch nicht einfach darüber zu reden, weil es für mich auch mit Scham besetzt ist.

Wie war es bei dir, Konstantin?
Konstantin: Ich komme selbst aus einem sehr linken Freund:innenkreis und war auch immer in meiner Selbstidentität sehr feministisch eingestellt. Dennoch war ich Frauen gegenüber in meinem Freund:innenkreis und in meinen Beziehungen emotional sowie körperlich übergriffig. Von den Frauen wurde ich dann outgecalled bzw. damit konfrontiert. Zunächst wollte ich das gar nicht wahrhaben, dass mein Verhalten übergriffig war. Aber in einer Beziehung, die ich mit einem Mann hatte, der mir gegenüber übergriffig war, habe ich es dann verstehen können. Vor dieser Situation habe ich oft gedacht: Wenn eine Frau Nein sagt, warum steht sie dann nicht auf und geht einfach. Aber als ich plötzlich in der Situation war, in der mein Nein nicht respektiert wurde, habe ich gemerkt, dass das nicht so einfach ist. 

Welche Gefühle waren da im Spiel?
Konstantin: Ich hatte Angst, einfach aufzustehen und zu gehen. Wegen meiner Abhängigkeit war ich eine Zeit lang obdachlos und war dadurch von der Person finanziell abhängig und hatte auch bei ihr gelebt. Dennoch glaube ich persönlich jetzt noch, dass ich potenzieller Täter bin, obwohl ich diese Reflexion durchlebt habe. 

Wie meinst du das genau?
Konstantin: Weil bei mir zum Beispiel Drogenkonsum eine sehr große Rolle spielt und ich auch zunächst nicht in sexuelle Situationen gehen konnte, ohne betrunken zu sein. Und heute ist es immer noch so, dass ich Alkohol relativ häufig als Selbstbewusstseins-Booster und enthemmendes Mittel nehme. Gleichzeitig weiß ich, dass in vielen dieser Situationen, wenn ich enthemmt bin, meine eigene Überzeugung, kein Täter mehr sein zu wollen, im Vollrausch, wie viele andere Hemmungen auch, untergehen kann – und leider auch schon mal untergegangen ist. Und da ich verstanden habe, dass es mir auch wieder passieren kann, übergriffig zu werden, sage ich Menschen in meinem Umfeld, dass sie vorsichtig mit mir sein sollten, besonders, wenn ich unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehe.

Wie geht ihr heute mit Sex und Consent um? Wie besprecht ihr es mit euren Sexualpartner:innen und wie hat sich seit dem euer Sexleben verändert?
Alexander: Mein Sexualleben war nach dieser Erfahrung und Reflexion um einiges schöner. Ich habe jetzt eine neue Frau kennengelernt und bin wieder an dem Punkt, an dem sich zeigt, dass man sich, wenn man offen über Sexualität und Wünsche reden kann, schneller fallen lassen kann. Natürlich ist es ganz normal, sich nach dem Neu-Kennenlernen, erstmal einzugrooven, aber mir ist es jetzt wichtig, dass ich die Frau nicht nur zum Orgasmus bringe, sondern, dass ich auch die Intimität genieße und zulasse und auch zulassen kann. Und mich auch fallenlasse. Dieses Gefühl projiziert sich immer auf die andere Person. Das habe ich selbst auch beobachten können. 
Konstantin: Ja, ich würde auch sagen, dass emanzipierter Sex eigentlich voll geil ist (lacht). Mit Konsens gehe ich so um, dass ich verstanden habe, dass er nicht verhandelbar ist. Und das wusste ich natürlich auch vorher, weil ich vorher auch schon auf kritischen Männlichkeitssitzungen dabei war. Doch mittlerweile habe ich wirklich geschnallt, dass Konsens nicht verhandelbar ist. 

Vielen Dank an Alexander und Konstantin für das offene und nette Interview.

*Name von Redaktion geändert.

Wenn du das Gefühl hast, übergriffig zu sein oder gewesen zu sein und Hilfe brauchst, um dein Verhalten zu reflektieren und zu verarbeiten, kannst du dich an Straffälligen und Opferhilfe e.V. oder Gewalt überwinden e.V. wenden. Über Männerberatungsnetz.de finden Männer in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschiedenen Beratungsstellen, an die sie sich mit verschiedenen Problemen wenden können. Für Betroffene gibt es verschiedene Beratungsstellen, die hier zu finden sind. Kinder und Jugendliche können immer unter der 116111 anrufen, um direkt telefonische Hilfe zu bekommen.

Illustration: Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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Autor:innen

Anna T.
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Seit 2021 Redakteurin bei DIEVERPEILTE. Hat Geisteswissenschaften mit Fokus auf Indien an der Universität Hamburg studiert. Themenschwerpunkte sind Gesellschaftspolitik und feministische Themen.

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