Ich habe jetzt wieder Tinder.

Erst seit einem Tag, aber was solls. Dieser eine Tag hat schon gereicht, um mich schlecht zu fühlen.
Und das war auch noch meine eigene Schuld.

Aus einem mir unerfindlichen Grund lenkte ich eine Konversation mit einem Match auf das Fernsehformat der Bachelor und ziemlich genau da fing mein innerer Konflikt an, mit der simplen Frage, weshalb ich meine Mittwochabende damit verbringe. Ja, und da muss ich sagen, fühlte ich mich ertappt, vor allem vor mir selber. Denn ich gehöre nicht zu den Zuschauern, die die Sendung sehen, weil es mich ernsthaft interessiert oder bewegt, sondern viel mehr zur Belustigung. Eine Erheiterung auf die Kosten der Teilnehmerinnen.

Jetzt bin ich eine Frau, die den Feminismus nicht nur unterstützt, sondern auch lebt. Sich für Frauenrechte einsetzt und sich seit Jahren für Frauen starkmacht. Und dann sitze ich Mittwochabend vor meinem Laptop, im blauen Licht des Bildschirms, schmunzle in mich hinein und denke mir „ach wie gut, dass ich nicht so eine bin“.

Autsch.

Gut, ich denke, das erklärt dann auch meinen inneren Konflikt mit mir selber, aber das wirkliche Dilemma dahinter ist, ich bin nicht allein. Deshalb hier und jetzt die Frage, wie kommt es dazu?

Ist es Arroganz? Liegt es am Selbstbewusstsein oder am Neid? Ist es eine Frage des Egos oder doch nur die Auswirkung der falschen Ideale, die uns Frauen tagtäglich vorgeführt werden? Tatsächlich denke ich, dass das ein Zusammenspiel von all diesen Dingen ist. Gerade dann, wenn Frauen ständig das Gefühl vermittelt wird, irgendwelchen Idealen von der perfekten Frau gerecht werden zu müssen und dadurch das Gefühl bekommen, mithalten zu müssen. Dass dadurch eine Art Konkurrenzdenken unter den Frauen selbst stattfindet, ist deshalb auch nicht wirklich weit hergeholt. Aber bei was müssen wir denn mithalten?

Einer Illusion, die irgendwann einfach so erschaffen wurde, über unsere Köpfe hinweg entschieden wurde, ohne uns eine Mitsprache dabei zu geben. In welcher uns immer wieder gesagt wird, wir dürfen nicht zu eitel sein, müssen aber auf unser Erscheinungsbild achten. Müssen lustig sein, intelligent sein, aufgeschlossen, fürsorglich, liebevoll und umgänglich. Alles aber in einem gewissen Rahmen, damit wir nicht zu viel werden. Ich kann schon nicht mehr mitzählen bei all den Gesprächen, die ich mit Männern hatte, in denen es darum ging, wer diesem Ideal entspricht und wer nicht. Wer zu aufgeschlossen war und damit zu einer „Stadtmatratze“ wurde. Bei wem die liebevolle Art zum Klammern wurde, wer zu laut die Stimme erhob und für sich selbst einstand.

Ich kann auch nicht mehr sagen, wie oft ich bei diesen Gesprächen gegen eine Wand redete, wie oft ich mir meine Haare raufte und einfach nicht verstehen konnte, weshalb Männer nicht einfach mal die andere Sicht sehen können.

Und dann wurde mir heute bewusst, dass auch ich Teil des Problems bin. Indem ich mich von diesen Negativbeispielen einer Frau abhebe, mich über diese Frauen stelle mit Worten und Gedanken wie „Nein so eine bin ich nicht.“

Anstatt dieses Bild zu zerschlagen und mich dagegen aufzulehnen. Und das beschämt mich sehr.
Habe ich dann auch meinem Tinder-Match erklärt und das Date dahingehen abgesagt.

War sowieso ne ungünstige Zeit, da es Mittwochabend war.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Foto: Max Abrosimov

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