Bässe, die einem bis ins Mark gehen, verschwitzte Körper und viele spannende Geschichten von neuen Gesichtern bei zu viel Alkohol und Zigaretten. Eine Erinnerung, die jetzt wie aus einem anderen Leben zu sein scheint. Was für manche nur ein Club sein mag, war für mich viel mehr. Ja, ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass es mein Tempel war. Andere gehen sonntags in die Kirche, ich war im Sisyphos. “Bist du Promoterin fürs Sisyphos?” wurde ich ab und zu gefragt. Neben meinem Studium und der Arbeit verbrachte ich jede freie Minute dort. Sogar meine Dates habe ich dorthin zitiert. Wenn er oder sie nicht ins Sisyphos passen, dann passen sie auch nicht zu mir. Für Besuch aus Österreich gab es statt Brandenburger Tor und Checkpoint Charlie das Sisyphos zu sehen. Tickets dazu hätte ich vermutlich auch bei getyourguide.com verkaufen können. Ein besonderes Erlebnis aus der Zeit vor Corona zu beschreiben fällt mir schwer, da sie alle auf ihre eigene Art einmalig waren. Meistens erzähle ich von meinem ersten Mal. Die Nacht, in der ich zum ersten Mal Musik hörte. 

Ich war neu in Berlin und schon bei meinen anfänglichen Clubbesuchen haben mir Partygäste immer wieder vom Sisyphos erzählt. „Da musst du hin. Wenn ich dich so ansehe, glaube ich, das ist genau deins.” Was sie damit meinten, habe ich erst viel später verstanden. Es brauchte nicht lange, bis mich meine WG-Mitbewohnerin dann mal mitnahm. Schon vom Taxi aus sah ich die endlos lange Schlange. Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich Lisa an: „Fuck, wie lange wird es dauern, bis wir drinnen sind?” „Circa zwei Stunden”, lachte sie und zog aus ihrer Tasche eine Flasche Berliner Luft heraus. “Trink, sonst überlebst du die Kälte nicht.” Alice gelangte durch Träumen ins Wunderland. Mein Ticket dorthin war der Stempel, der mir bei der Kasse aufgedrückt wurde. 

Selbst in dieser Nacht hatte ich dort eine Verabredung. Um meine Unsicherheiten zu überspielen, kam mir die glorreiche Idee, ein bisschen an Alice Wunderpille zu knabbern. Dass das ein eher suboptimaler Einfall war, wurde mir in weniger als 30 Minuten bewusst, als Lisa, mein Date und ich für die nächsten fünf Stunden auf der größten Couch, die ich je gesehen hatte, festgeklebt waren. Aufstehen war keine Option. Es war gegen 06:00 morgens, ich hatte noch fast nichts vom Club gesehen, als mir Lisa unter einem Gähnen sagte, dass sie einen Schuh machen würde. Mein Prinz für die Nacht schloss sich ihr an. Ich guckte sie jedoch nur entgeistert an: „Ich bleib hier. Angestanden bin ich ja schließlich auch.” 

Nein, meine Zeit war ganz sicher noch nicht gekommen. Ich schaute den beiden noch hinterher, als sie sich durch die Menschen in Richtung Ausgang schlängelten und als ich ihre Rücken nicht mehr sehen konnte, wanderte mein Blick zum Raum vor mir. Die Leute um mich herum strömten hungrig nach Musik hinein und nach zwei tiefen Atemzügen hatte auch ich mich aufgerafft und ließ mich von der Masse in den Raum hineintreiben. Ich war mitten auf der Tanzfläche und bei der Musik, die aus der Anlage dröhnte, schoss es mir plötzlich alle Lichter. Oder gingen sie da erst richtig an? Was ich da hörte, hatte ich noch in keinem Club erfahren und ich gehe seit meinem 13. Lebensjahr feiern. Keine Typen, die einen unangenehm angrabschen, keine Influencer, die Snapchat und Instagram als Clubbegleitung mitnehmen. Nur ich, die Musik und angenehme Menschen, die mich anlächeln.

Die Ängste, die ich zuvor hatte, wie etwa nicht gut genug zu sein, waren wie weggeblasen. Ich schloss meine Augen und ließ mich von der Musik leiten. Die Melodie streichelte meinen Körper und ich gab mich ihr vollkommen hin. Die Zeit stand still. Wie ein Silvesterkuss. Ich hatte mich verloren und wiedergefunden. Es war alles ruhig und gleichzeitig laut, dunkel und doch klar – ich ganz allein, zur selben Zeit mit jedem verbunden. Ich verschmolz mit der Musik. Und tanzte. Ich tanzte, als gäbe es kein danach und ganz bestimmt kein Morgen. Meine Gedanken waren weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft gefangen. Ich war im Hier und Jetzt und frei. Ich war ich und das war genug. 

Selbst als es mit meinem Geld zu Ende ging, wollte ich nicht gehen. Aus der Not heraus sammelte ich leere Flaschen vom Boden, wusch sie, um sie im Anschluss mit Wasser zu befüllen. Nur für ein paar Momente mehr mit der Musik. Normalerweise zähle ich zu jenen, die ständig am Plaudern ist, auch wenn ich alleine feiern gehe. In dieser Nacht redete ich mit niemanden. Es gab nur mich und den Dampfer. „Krasse Performance” war das einzige, was mir ein Typ während der Nacht sagte. Mit einem riesen Lächeln, extrem geerdet und zugegebenermaßen gleichermaßen erledigt, verließ ich gegen späten Nachmittag den Club und fühlte mich wie nach einer Tiefenmeditation. „Hier will ich wieder her.” 

Bevor ich zurück nach Österreich zog, wollte ich mir noch ein Tattoo als Andenken an Berlin stechen lassen. Statt der Berliner Skyline und dem Fernsehturm entschied ich mich für das Sisyphos.

www.sisyphos-berlin.net

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