Es ist jedes Mal das Gleiche.
Zuhause sage ich mir noch; „heute bin ich gesellig.
Doch angekommen wird mir bewusst; ich habe mich getäuscht.
Ich war darauf eingestellt, aber das ändert nichts.
Die Musik ist laut, die Leute locker – es wird gelacht.
Ich befinde mich in meiner persönlichen Hölle.

Man sieht es mir nicht an, aber ich mache mich klein wie ein Kind.
Ich bin so unsicher, dass selbst meine Hände sich verstecken.
Um ihnen die Angst zu nehmen, gebe ich ihnen abwechselnd
eine Zigarette und ein Bier zum Halten.

Wenn die erste Person mich anspricht,
verkrampfen meine Hände und zerdrücken den Filter meiner Zigarette.
Augenblicklich fühle ich mich überfordert.
Ich begreife nicht, was andere von mir erwarten.
Also zeige ich erst mal bei allem, was sie sagen, unaufrichtiges Interesse.
Währenddessen lächel ich und verleugne mein Innenleben.
Das strengt irrsinnig an.

Das Gespräch ist in Gange, aber ich bin woanders.
Smalltalk macht keinen Sinn, denke ich,
und ich verstehen nicht, was das alles soll, was das anderen gibt.
Ich für meinen Teil will nur, dass es aufhört.

Das Schlimmste an Partys ist;
Alle geben sich äußerst wichtig und ausgesprochen interessant.
Wer keinen bedeutsamen Beruf hat,
zählt Semester auf oder berichtet von anstehenden Prüfungen.
Wer sich nicht durch Beruf oder Studium definieren kann,
der bleibt stumm.

Minute für Minute leert sich meine Batterie,
und mir wird deutlich, wie sehr ich mich von den anderen unterscheide.
Ich fühle mich getrennt und alleine unter Menschen.
Ich schaue zu, nehme aber nicht teil,
obwohl ich genauso wie sie den Mund öffne und schließe.
Spaß am Zusammensein habe ich noch nie so richtig verstanden.
Es erschöpft,
raubt sämtliche Energie.
Von mir aus könnte die ganze Welt stumm sein.

Nach drei Gesprächen schalte ich auf Sparflamme.
Mein Maximum ist erreicht.
Die Batterie leer.
Ich werde schweigsam.
Ich fühle mich nur einsam,
und das möchte ich nicht fühlen,
also trinke ich noch fünf Bier.
Danach verlasse ich die Party – früh,
wie immer.

Foto: Sofia

Dieser Text erschien zuerst auf dieverpeilte.

Reingeguckt! Jetzt musst du auch die anderen Werke lesen:
Kummerspeck
Mein inneres Kind, der Wal und ich
Ein gut gemeinter Ratschlag an alle, die auch so böse schauen können wie ich.

 

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4 Comments on “Smalltalk auf Partys”

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