Vor einiger Zeit fragte mich jemand, was meine Meinung zu „Super Straight“ sei. Eigentlich halte ich mich für eine Person, die viele Internet-Trends mitbekommt, oft und gerne auf Social Media aktiv ist und dementsprechend fast alles über fast alles weiß – und noch dazu zu fast allem eine Meinung hat. Ob das positiv oder negativ ist, ist vermutlich situationsabhängig. Ausnahmsweise hielt ich mich zu dieser Zeit einige Tage von TikTok fern und schon waren meine schlimmsten FOMO-Fantasien zur Wirklichkeit geworden: Der Terminus „Super Straight“ war in mein Leben getreten und ich wusste absolut nichts damit anzufangen.

Ich tat also das, was vermutlich alle Zillennials in meiner Situation getan hätten: Ich gab in dem Gespräch vor, total Bescheid zu wissen und googelte mir parallel die Finger wund. Auf welches Ausmaß an (unter anderem) Trans*feindlichkeit ich während meiner Nachforschungen stoßen würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

„Super Straight“ – die offizielle Abkürzung lautet „SS“ (doch, wirklich) – beschreibt eine sog. „sexuelle Orientierung“ heterosexueller Personen, die sich laut eigener Aussage nur zu cis Personen hingezogen fühlen. Bei der Partner:innenwahl achten Personen, die sich als „Super Straight“ bezeichnen, also explizit auf die Kategorie Sex einer Person, während sie die Kategorie Gender systematisch ignorieren. Sie berufen sich in ihren Argumentationsstrukturen häufig auf ein angebliches biologisches Geschlecht und ordnen trans* und nicht-binäre Personen aufgrund dessen in geschlechtliche Kategorien ein, die sie als für diese Personen angebracht empfinden. Hierdurch werden trans* und nicht-binäre Personen nicht nur misgendert und diskreditiert, schlussendlich werden ihnen ihre Identität, ihr Recht auf Selbstbestimmung und ihre Menschenwürde vollkommen abgesprochen.

Neben der „Super Straight“-Bewegung haben sich weitere Subgruppen mit ähnlichen Argumentationsgrundlagen gebildet: Super Gay, Super Lesbian, Super Bisexual. Der Oberbegriff für diese Gruppierungen lautet „Supersexual“. Alle zielen darauf ab, trans* und nicht-binäre Personen kategorisch aus ihrem Dating-Pool auszuschließen. Es ist elementar wichtig zu verstehen, dass alle „Supersexual“-Gruppierungen (unter anderem) trans*feindliche Überzeugungen vertreten und diese willentlich befeuern. Diese Ideologien als sexuelle Orientierungen anzuerkennen oder zu bezeichnen ist einer aktiven Teilhabe an Trans*feindlichkeit gleichzusetzen.

Woher die Bewegung kommt, ist, wie bei vielen Social-Media-Phänomenen, kaum nachvollziehbar. Im Februar 2021 erlangte der Terminus durch einen TikTok-User, der angibt, der Urheber zu sein, Aufmerksamkeit. Der Begriff tauchte allerdings schon früher im Internetforum 4chan auf, das unter anderem dafür bekannt ist, häufig Quelle und Vernetzungsinstrumentarium problematischer Bewegungen und Ideologien zu sein. Noch früher nutzte Robin Tran, Comedian und trans* Frau, den Begriff, um Männer zu beschreiben, die so heterosexuell seien, dass sie sich ganz einfach zu jeder Frau der Welt hingezogen fühlen würden, sie seien also „super straight“. Robin Tran äußerte sich auf Twitter schockiert darüber, dass ihre Comedy-Show, die sich für die Akzeptanz von trans* Personen und insbesondere trans* Frauen ausspricht, auf diese Weise von der „Super Straight“-Bewegung missbraucht und verdreht wird.

Wie das bei solchen Internet-Phänomenen ist, entwickelte sich auch diese Bewegung seit dem ersten TikTok-Video schnell weiter: Bald hatte die „Super Straight“-Bewegung ihre eigene Flagge. Sie zeigt das sog. „Marssymbol“ verschlungen mit dem sog. „Venussymbol“ auf schwarz-goldenem Hintergrund. Schnell wurden Stimmen laut, die sich über einen offensichtlichen Fauxpas der Bewegung amüsierten: Die Flagge erinnert nicht nur an das Logo der Website Pornhub, sondern gleichermaßen an das Logo der Gay-Dating-App Grindr. Zudem wurde der Song „Super Straight“ des Rappers Robert Charles aus dem Jahr 2012 zur Hymne der Bewegung erklärt.

Während die Bewegung voranschritt, schaltete schließlich sich die Plattform TikTok selbst ein. Sie bannte den angeblichen Urheber des Terminus und den Hashtag #superstraight, durch welchen die Anhänger:innen der Bewegung sich miteinander vernetzten. Auch auf der Foren-Seite Reddit wurden die entsprechenden Kanäle blockiert. Glücklicherweise gab es bspw. auf TikTok viele Stimmen, die sich gegen die Bewegung aussprachen, so beispielsweise die Podcasterin Devyn Jaide, die selbst in einem Video sagte:

„Have y’all ever thought that trans people have our own preferences? Honestly cishet people are not really doing it for trans people either. You’re not really a prize. And why would a trans person want to date a cis person who has to do a whole bunch of mental Olympics to validate them wanting to date them or have sex with them?“

Auch Model und YouTuberin Eden Estrada aka Eden the Doll meldete sich zu Wort:

„Your entire sexuality is based off of trans women, and yet I believe not a single one has ever paid attention to you. If my existence devalues your masculinity this much then maybe you weren’t so masculine after all?“

super straight tiff lang
ALLE ILLUSTRATIONEN: MANUEL LAMBERTZ @vonbertz

Die Vernetzung der Bewegung fand und findet allerdings nicht nur über die Plattformen TikTok und Reddit statt, sondern auch über das bereits genannte Forum 4chan, auf dem unter anderem auch die Verschwörungsideologie um QAnon ihren Lauf nahm. Insbesondere erschreckend ist im Kontext der „Super Straight“-Bewegung nicht nur die offensichtliche biologistische Trans*feindlichkeit der Anhänger:innen der Ideologie, sondern auch die bereits angedeutete Nazi-Symbolik, auf die die Gruppierung dabei zurückgreift. Neben dem erwähnten Akronym „SS“, das für „Super Straight“ verwendet wird – vielen Personen aber vor allem als Bezeichnung der nationalsozialistischen Schutzstaffel bekannt ist –, bedient sich die Bewegung insbesondere auf 4chan an weiteren entsprechenden Parallelen: So kreierte ein User des Forums bspw. eine alternative „Super Straight“ Flagge, auf der das „SS-Abzeichen“, zwei sog. „Sieg-Runen“, zu sehen sind, die heute in Deutschland als verfassungsfeindliches Propagandamittel gelten. Anhänger:innen der Bewegungen bezeichneten die Flagge mit der entsprechenden Symbolik unter anderem als „a bit spicy“ oder schrieben „Hail SuperStraight Victory“ unter das Bild. Generell lässt sich die Bewegung mit der alternativen Rechten in den USA in Verbindung bringen, die beispielsweise auch für wiederholte Meldungen einer „Straight Pride“ aus dem Jahr 2019 verantwortlich war.

Die von der „Super Straight“-Bewegung vertretene Ideologie ist, wie in diesem Artikel dargestellt, aus verschiedenen Gründen problematisch. Es handelt sich um cishet Personen, die aufgrund einer scheinbaren Genitalpräferenz bei der Partner:innen-Wahl auch einen Teil von einem imaginierten “Unterdrückungs-Kuchen” abhaben wollen, weswegen sie mit dem „Born this way“-Argument eine vermeintliche sexuelle Orientierung erfinden, die nichts weiter als eine trans* exklusive Ideologie ist.

Männliche Anhänger der Bewegung suggerieren, dass sie sich nur zu „real women“, also „echten Frauen“ hingezogen fühlen würden, wodurch sie trans* Frauen zeitgleich als „unechte Frauen“ markieren und ihnen ihr Frausein absprechen. Dies unterstützt das Bild von Cis-Menschen als „normal“, während alle anderen Personen „unnormal“ seien – eine Argumentationsstruktur, die beispielsweise auch bei TERFs (Trans Exclusive Radical Feminists) wie J. K. Rowling zu finden ist. Hierdurch lässt sich leicht erklären, warum viele TERFs mit der “Super Straight”-Ideologie sympathisieren.

Weiterhin suggerieren Anhänger:innen besagter Ideologie, dass sie sich natürlicherweise nicht zu trans* und nicht-binären Personen hingezogen fühlen würden, und dass sie sich auch gar nicht zu ihnen hingezogen fühlen könnten. Es wird das Bild vermittelt, dass trans* und nicht-binäre Menschen auf eine bestimmte Weise aussehen würden, die sie von Cis-Personen abhebt und sie deutlich markiert. „Super Straight“-Anhänger:innen sind einerseits der Meinung, trans* und nicht-binäre Menschen sofort erkennen zu können und verlangen gleichermaßen, dass trans* und nicht-binäre Personen sich in Dating-Kontexten immer sofort outen. Hierdurch soll vermieden werden, dass Menschen, die sich angeblich nicht zu trans* und nicht-binären Personen hingezogen fühlen (wollen), „versehentlich“ romantisches und/oder sexuelles Interesse an diesen äußern. Dass trans* und nicht-binäre Personen auch nicht an allen Menschen interessiert sind, wird kategorisch übergangen, denn unsere Perspektive scheint unwichtig. Dieses Denken mutet an, wie das verbreitete schwulenfeindliche Bild, dass jede schwule Person automatisch mit jeder männlichen Person in einem 1-km-Radius schlafen will.

Letztendlich drücken Menschen, die sich selbst als „Super Straight“ bezeichnen, aus, dass sie sich angeblich lediglich zu Cis-Personen hingezogen fühlen und dadurch trans* und nicht-binäre Personen kategorisch aus ihrem Dating-Pool ausschließen. 

Elementar wichtig zu verstehen ist, dass es sich hierbei nicht um eine Sexualität oder gar eine erdachte Marginalisierung der “armen Person” handelt, die Angst davor hat, von feindlichen trans* und nicht-binären Personen gegen ihren Willen verführt zu werden. Stattdessen handelt es sich um eine erlernte Überzeugung. Eine „super straighte“ Person hat das binäre Zwei-Geschlechter-System, in dem sie sozialisiert wurde, so sehr internalisiert, dass es ihr unmöglich scheint, bspw. trans* Frauen bzw. Männer anziehend zu finden, wodurch sie Diskriminierungen reproduziert. Sobald dies angesprochen wird, versucht die Person womöglich, sich dagegen zu wehren, indem sie sich selbst in die diskriminierte Position begibt und eine Pseudo-Sexualität wie „Super Straight“ erfindet, die sie zum Teil einer „Randgruppe“ macht, die bekämpft, teilweise sogar (aufgrund von Hassrede, nationalsozialistischen und antisemitischen Symbolen) auf Internet-Seiten und Apps verboten wird. Hierdurch kann sie sich wie eine Art Märtyrer fühlen, die aufgrund ihrer „sexuellen Orientierung“ diskreditiert und zum Schweigen gebracht wird. Sie begibt sich also in die Opferrolle. Ganz ähnliche Vorgehensweisen sehen wir vergleichsweise auch bei Querdenker:innen.

Die Person in diesem Beispiel ist leider kein Gedankenexperiment, sondern bittere Realität, mit der trans* und nicht-binäre Personen im alltäglichen Dating-Leben immer wieder konfrontiert werden. Zum Glück sind wir trans* und nicht-binären Personen sowie alle anderen queeren Menschen aber auch kein Gedankenexperiment. Wir erheben unsere Stimmen. Wir lassen Trans*feindlichkeit nicht mehr zu.

Autor: Casjen Griesel
Illustration: Manuel Lambertz

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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