Warnung: Dieser Text enthält Schilderungen einer Essstörung.

Auf meiner Schulter sitzt ein Teufel. Es gibt Tage, da hält er das Engelchen fest im Würgegriff. Zeitgleich hämmert er mir irrationale Fehlvorstellungen ins Gehirn. Ich stehe vor dem Spiegel und quetsche mir eine größere Thigh Gap zwischen meinen Oberschenkeln zurecht. Lasse los. Top, die waren schon mal dünner, denke ich. Und zack, erwische ich mich selbst, wie ich schon wieder einen Ist-Zustand bewerte, der sich in den nächsten Minuten sicher nicht ändern wird. Morgen auch nicht. Mein Körper im Spiegel – materialisiert und objektifiziert. Gelöst von Empfindungen und Bedürfnissen. Meine größte Kritikerin, die Essstörung neben mir. 

Ich weiß nicht genau, wann sie bei mir einzog, aber sie muss gewusst haben, dass ich eine Schulter zum Weinen brauchte. Oder eine Regentonne. Sie brachte mir Regeln bei, denen ich blind vertraut habe. Was ich essen kann, was nicht. Wann ich Hunger habe und wie viel ich essen sollte. Oder auch: Selbstkontrolle und Disziplin. Welches Ziel diese Regeln verfolgten, hat sie mir nicht verraten. Aber wenn Komplimente für meine schönen Beine oder meinen flachen Bauch eine Begleiterscheinung sind, dann wird sie schon recht haben.

Leider hielt die Anfangseuphorie über meine großartige Figur bei Freund:innen und Familie nur so lange an, wie es in ihr Schönheitsbild passte. Je dünner ich wurde, desto mehr verwandelten sich Komplimente in Sorgen.

„Geht es dir gut? Du bist echt dünn geworden. Wenn du reden möchtest, bin ich für dich da.“

Einer von vielen Sätzen, die ich als Magersüchtige zu hören bekam. Meine Chance Stärke zu beweisen:

„Ja, alles gut. Ich weiß, dass ich dünn bin. Ich will auch nicht weiter abnehmen. So fühle ich mich wohl, aber danke.“

Ich hatte alles im Griff – konnte steuern, wie viel ich abnehmen möchte. Dachte ich. In jeder wachen Minute umgarnte die Essstörung mein Gehirn. Kalorientabellen und Safe-Foods als Kompass in meinem Kopf. Als Schutzschild vor mir selbst. Vor dem, was mir Angst machte oder ich nicht kontrollieren konnte.

Stichwort.

Regel Nummer eins: absolute Kontrolle. Kontrolle bedeutet Macht. Macht haben, ist eine Stärke. Regel Nummer zwei: Selbstdisziplin. Dünn sein wird belohnt wie eine Note in der Schule. Nur mit Worten. Es ist eine Leistung. Wenn ich leiste, passe ich ins System. Also weiter so.

Ich fühlte mich bestärkt. Ein Gefühl, das mir an anderer Stelle fehlte. Mittlerweile weiß ich, dass ich alles andere als Kontrolle hatte. Mein Körper schrie, während ich mit Ohrstöpseln brav meine tägliche Checkliste abhakte. Er war erschöpft. 

Irgendwann beschloss ich mir einen Therapieplatz zu suchen. Darauf bin ich immer noch stolz. Ich habe gelernt, die Fassade meiner Emotionen aufzudecken. Genervt sein galt nicht als Gefühl. Dahinter steckte Angst und Wut, ausgelöst durch Gründe, denen ich an dieser Stelle keinen Raum schenken möchte. Fakt ist, dass mir das Reden im Nachhinein richtig gutgetan hat. Trotzdem plagt mich ein Gedanke, während ich diesen Text hier schreibe:

Bin ich krank genug, um mich als Essgestörte zu bezeichnen? Habe ich das Recht, einen Text über meine psychische Krankheit zu schreiben, obwohl andere viel kränker sind als ich?

Wenn man von Magersüchtigen oder Essgestörten spricht, kommt häufig das Bild von knochigen Körpern, Kliniken und Zwangsernährung auf. In meiner Welt war das zumindest so. Eine Vorstellung, die mich an der Validität meiner eigenen Essstörung zweifeln lässt. Nicht, weil ich noch an dieses Bild glaube, sondern weil die Thematik im Jahr 2021 immer noch viel zu selten Raum in den Medien findet. Betroffenen wird Selbstverschuldung angelastet. Dazu reichlich triggernde Kommentare und unnütze Hilfestellungen. Oder überhaupt keine. Das ist scheiße. Dabei gibt es im Internet mittlerweile sehr viele Ratgeber, wie man mit Essgestörten umgehen kann – und sollte. 

That being said: Magersucht (Anorexie) ist eine Essstörung. Aber nicht alle Essstörungen sind automatisch Magersucht. Es gibt viele Formen und nicht jede ist von außen sichtbar. Noch was: Streicht das Bild des kleinen jugendlichen weißen dürren Mädchens aus euren Köpfen. Ja, Jugendliche neigen dazu, schneller daran zu erkranken. Aber nicht jede essgestörte Person ist jung, weiblich, cis und weiß.

Aber noch mal zurück zu meiner Frage: Bin ich eigentlich „krank genug“, um meine Erfahrungen hier zu teilen?

Ganz klar, ja! Es gibt keine klare Grenze, wann Gesundheit aufhört und Krankheit anfängt. Außerdem weiß ich, dass es viele Leute gibt, die mit diesem Nicht-Krank-Genug-Sein kämpfen. Jede (!) Essstörung ist es wert, zum Tee eingeladen zu werden. Egal welcher Form und Intensität. Ich will mich nicht dafür schämen müssen, beim gemeinsamen Abendessen Extrawünsche über den Fettgehalt des Essens zu äußern. Ich will Verständnis. Dafür, dass der Teufel auf meiner Schulter darüber bestimmt, wie viel Öl ich zum Anbraten nehme. Dafür, dass ich Eis über alles Liebe, aber pure Schokolade nur selten esse. Aus Angst, dass sie mich dick macht. Ich will Verständnis. Auch wenn das bedeutet, den Mund aufmachen zu müssen und auf Gegenwind der Unwissenheit zu stoßen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Foto: Paula Schür

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