Heute treffe ich Hinnerk Köhn. Hinnerk ist Mitte 20, kommt aus Eckernförde, lebt nun in Hamburg und ist auf den deutschen Poetry Slam Bühnen zuhause. Neben seiner Poetry Slam Karriere macht er einen eigenen Podcast, tritt als Comedien auf und veröffentlicht am 24.02.2022 sein erstes eigenes Buch. Für mich genug Gründe ihn näher kennenlernen zu wollen und zu erfahren, wie er das alles hinbekommen hat, was ihn antreibt und welche Tipps er für jüngere Künstler:innen hat.

DIEVERPEILTE: Hey Hinnerk, danke, dass du dir für uns Zeit nimmst. Du bist 28 Jahre alt, erfolgreicher Poetry Slamer, gehst nächstes Jahr auf Solo-Tour mit deinem Comedy-Programm „Bitter“, du hast dieses Jahr ein Buch geschrieben, was im Februar 2022 erscheinen wird und dich kann man jede Woche im eigenen Podcast „Normale Möwe“ mit deinem Kollegen Max Scharff hören. Mit anderen Worten: Du hältst den Arsch ziemlich in Bewegung, deswegen die Frage: Was treibt dich an?
Hinnerk Köhn: Um ehrlich zu sein: wegen der Anerkennung. Und damit meine ich nicht mal, dass ich geil auf Ruhm bin, sondern dass ich den Leuten beweisen will, die nie an mich geglaubt haben, dass ich es geschafft habe, beziehungsweise noch schaffen werde.

Also ist deine treibende Motivation die Anerkennung?
Ja schon, aber jetzt auch nicht so „Mama ist stolz“-mäßig wie bei Sido. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich nicht der typische „Arbeitnehmer“ werde, sondern irgendwas Ausgefallenes machen wollte. Und genauso wie es mich runterzieht, wenn Leute meine Texte oder Witze nicht feiern, hebt es mich extrem hoch, wenn ich andere zum Lachen bringe und das ist ein Gefühl, auf das ich nicht mehr verzichten kann.

Das ist eine sehr ehrliche Antwort. Machst du dein Selbstwertgefühl davon abhängig, dass andere Menschen deine Kunst mögen? 
Ich habe angefangen mit Poetry Slam als ich achtzehn war und hatte eigentlich ein ganz gesundes Selbstwertgefühl damals, aber beim Poetry Slam werden die eigenen Texte genauso wie die der anderen Teilnehmer:innen bewertet und auch wenn man sich das nicht zu sehr zu Herzen nehmen sollte, habe ich es damals getan und wurde immer komparativer. Das hat meinem Selbstwert natürlich nicht gutgetan. 

Ist es denn heute besser geworden?
Klar, mit der Zeit wurde das besser, aber diese Anfangszeit hat schon ihre Spuren hinterlassen. Und grade in einer freien kreativen Szene sollte man nicht neidisch sein, aber es wäre eine Lüge, wenn ich behaupten würde, ich hätte daran nicht zu knappern. Ich meine, jede:r schielt doch nach oben und wünscht sich, das auch zu erreichen, was andere schon haben. Ich glaube, das ist irgendwo auch normal. 

Das stimmt. Eine deiner ersten Stationen deiner bisherigen Karriere ist das Poetry Slamen gewesen, was war dein erster Auftritt und wie sehr warst du auf einer Skala von null bis „scheiße aufgeregt“ davor nervös?
Also wie alle, die irgendwie auf eine Bühne wollen, war ich während der Schulzeit in der Theater-AG, aber mit einem ersten eigenen Text bin ich 2012 auf einem Slam im Haus der Jugend in Eckernförde aufgetreten. 

Die besten Karrieren starten immer in Jugendhäusern.
Richtig und da gab es natürlich kein Backstage und alle Künstler:innen mussten mit im Publikum sitzen. Ich war so aufgeregt, dass sich das Blatt mit dem Text drauf so in meinen Händen gezittert hat, dass ich den Text kaum erkennen konnte. Ich war auch gut angetrunken, was ich echt niemanden empfehlen kann. Trinkt nicht vor euren ersten Auftritten!

Klingt nach einem holprigen Start, war danach aber für dich klar, dass das dein Weg ist, dass du auf Bühnen gehörst?
Ja, es war für mich schon klar, dass ich das weitermachen wollte, aber mehr als Hobby. Dass ich irgendwann auch mal hauptberuflich auf einer Bühnenstehen könnte, war mir damals gar nicht klar.

Deine Texte sind immer witzig und kommen beim Publikum klasse an. Du erzählst von deiner Jugend in der schleswig-holsteinischen Provinz, von Alkohol und stolprigen Liebesversuchen und versiehst alles mit einer ordentlichen Spur Zynismus und schwarzem Humor war es da für dich logisch mit Stand-up anzufangen?
Moritz Neumeier und Jasper Diedrichsen hatten damals 2013 im alten Grünen Jäger (ein Club zwischen Kiez und Sternschanze in Hamburg, a.d.R.) eine Stand-up-Show gehabt, wo ich ein Mal zum Zuschauen war und dachte mir, das probiere ich auch. Und bin natürlich kläglich gescheitert beim ersten Mal. 

Und wie kommt es, dass du heute trotzdem Stand-up machst? 
Ich sollte dann vier Jahre später die Duo-Show „Schund und Asche“ von Moritz Neumeier und Till Reiners im Politbüro in Hamburg moderieren und auch ein kleines Special machen, also selber etwas Programm „füllen“. Doch als ich bei den beiden mit meinen Poetry-Slam-Texten ankam, sagten Till und Moritz, dass ich Stand-up zu machen habe und da war ich natürlich genauso aufgeregt wie beim ersten Poetry-Slam Auftritt. 

Merkst du einen Unterschied in diesen beiden Bereichen? Wo glaubst du, ist es einfacher, sich einen Namen zu machen und Hand aufs Herz: Was macht dir mehr Spaß? Slamen oder Stand-up?
Aktuell macht mir Stand-up mehr Spaß. Stand-up hat eine andere Fallhöhe als Poetry-Slams. Wenn bei einem Slam dein Text nicht gut ankommt, dann bist du raus. Wenn ich bei einem Stand-up am Anfang merke, das Publikum hat kein Bock, dann habe ich immer noch die Möglichkeit, das Publikum für mich zu gewinnen oder wenn mal ein Witz bombt (nicht ankommt, a.d.R.) es auch zurückzuholen. Das geht bei einem Slam nicht. 

Und wo kann man besser reinstarten?
Also beim Stand-up sind die Bühnen „rougher“, die Künstler:innen sind mehr für sich. Im Poetry-Slam-Bereich gibt es den Begriff der „Slamily“, weil alle unfassbar vernetzt sind miteinander. Wer dann gut auf der Bühne ist, hat es in diesem Bereich einfacher.

Du warst dieses Jahr als Vorprogramm von Moritz Neumeier mit auf seiner Tour unterwegs. Wie sehr helfen solche Chancen und konntest du was von der Tour mitnehmen für deine eigene Solo-Tour im nächsten Jahr?
Ich muss sagen, dass ich Moritz und Till unfassbar dankbar bin. Die beiden haben mich nicht nur karrieretechnisch gepusht, sondern geben mir auch immer gute Tipps. Durch die Tour mit Moritz konnte ich neue Sachen ausprobieren und mich natürlich einem breiteren Publikum vorstellen. Wer mich bei Moritz Tour mochte, kauft sich vielleicht dann auch Karten für meine Tour. 

Du gehst dieses Jahr mit deinem ersten eigenen Solo-Programm „Bitter“ auf Tour. Magst du uns etwas darüber erzählen? 
Es heißt „Bitter“, weil ich zeigen will, wie bitter das Leben sein kann und das man trotzdem über alles lachen kann. Inhaltlich geht es viel um meine Jugend, Alkohol, Depressionen und die Liebe, mehr will ich nicht verraten. Wer’s sehen will, muss halt rumkommen.

Du hast während der Pandemie auch ein Buch geschrieben: Worum gehts und wie kam die Idee? 
Ich habe am Anfang 2021 begonnen, öffentlich Tagebuch zu führen und das immer bei Instagram veröffentlicht. Da war natürlich viel witziges Zeug dabei, aber auch viele Beobachtungen darüber, wie beschissen das Leben sein kann. Irgendwann wurde ein Verlag auf mich aufmerksam und hat mich gefragt, ob wir das nicht rausbringen wollen. Seitdem habe ich das Tagebuch privat weitergeschrieben und das alles kommt demnächst raus.

Eine letzte Frage, die wir allen stellen: Welchen Tipp kannst du jüngeren Künstler:innen geben, die vielleicht jetzt erst mit Poetry Slam oder Comedy anfangen?
Wenn ihr merkt auf der Bühne stehen ist was für euch: Einfach machen! Und noch ein Ratschlag: Nehmt Ratschläge auch an. 

Tilmann: Danke Hinnerk für das Gespräch.

Wenn ihr Hinnerk Köhn live erleben wollt, bestellt euch Karten hier. Und wenn ihr Hinnerks Buch „Mein Leben ist ein Kissen in das man schreit“ bald lesen wollt, bestellt es doch bei einer kleinen Buchhandlung in eurer Nähe vor und unterstützt damit nicht nur Hinnerk, sondern auch euren Buchladen.

*Bei „Tilmann trifft…“ treffe ich kreative Künstler:innen aus allen Genres und Disziplinen um mich mit ihnen über ihren Werdegang, ihre Anfänge und ihre Einstellung zur Kunst und Kunstszene zu unterhalten.

Foto: Simon Nancekievill

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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War bis 2022 Redakteur bei DIEVERPEILTE. Hat Brandmanagement im Master
studiert. Seine Themenschwerpunkte sind Gesellschaftpolitik, Kultur- und
Arbeitsthemen.

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