Die Beine auf dem Foto über diesem Beitrag, das sind meine. Ich bin ein Mann, ich bin 20 Jahre alt und ich sehe hervorragend aus in diesem Rock meiner Freundin (Beweis: siehe oben). Aber in der Öffentlichkeit oder zur nächsten Feier werde ich ihn bestimmt nicht anziehen. Und woran liegt das? Dazu ein Beispiel: Ich besitze eine hellblau-glitzernde Brusttasche. Eine Frau, die ich eigentlich sehr schätze, fand zu der Tasche nur (bitte in einem sächsischen Dialekt vorstellen) „Sowas tragen doch nur Weiber“. Wegen solcher Sätze gibt es nur dieses eine Foto von mir in einem Rock. Seit ich ein kleiner Junge war bis heute, umgibt mich ein Männlichkeitsideal, dass weiblich markierte Dinge ablehnt und bestenfalls in sexualisierten Kontexten zulässt. Was ich hier beschreibe, kenne ich unter dem Sammelbegriff toxische Männlichkeit.

Was ist das, toxische Männlichkeit? Was damit schon mal nicht beschrieben wird, ist, dass Männer an sich giftig seien. Toxische Männlichkeit ist ein Teil des patriarchalen Gesellschaftssystems. Der Begriff fasst einige männlich assoziierte Verhaltensweisen zusammen, die schädlich für die Gesellschaft und die handelnden Männer selbst sind. Frau Salam umreißt in der New York Times toxische Männlichkeit mit drei wesentlichen Verhaltensweisen:

Ein hartes Auftreten sei aufrechtzuerhalten

Gewalt sei ein Zeichen von Macht und Stärke

Emotionen oder prekäre Situationen seien zu verstecken

Als ich mich gefragt habe, wie ich als Mann sein soll, da hat mir die Gesellschaft ziemlich genau das geantwortet. Ein Mann soll hart sein, stark, bloß keine Gefühle zeigen. In Konflikten sind seine Werkzeuge Gewalt und Aggression. Ein Mann, der ein Problem hat, der Hilfe braucht, der ist schwach und kein richtiger Mann, minderwertig. Etwas nicht zu können, das macht einen Mann zum halben Mann. Und vor allem lässt ein echter Mann die Finger von Schminke und Röcken. Das war die Antwort. Und das habe ich versucht zu sein. Und manchmal versuche ich es auch noch heute. Wie die meisten anderen habe ich dieses Gift aufgenommen und gebe es jetzt wieder ab. An meine Freunde, an junge Menschen, in meine Beziehungen.

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FOTO: SHIRIN AZIZI GHANBARI

Wer darunter leidet, das sind meist Menschen mit typisch weiblich-assoziierten Eigenschaften. Und in unserer Gesellschaft sind das in erster Linie Frauen. So unterstützt das Konzept der toxischen Männlichkeit das Patriarchat und fördert die systematische Diskriminierung von Frauen. 
 Aber auch Männer können typisch weiblich assoziiertes Verhalten zeigen und das ist normal. Die toxische Männlichkeit sieht das anders. So wurde ich, ein Mann mit femininen Zügen, schon als P*ssy, Schwächling oder halber Mann tituliert. Warum? Weil ich Gewalt schlecht kann, weil ich nicht dominant bin oder weil ich versuche, meine Gefühle kennenzulernen. Nice Move, oder? Wie ihr schon gelesen habt, ist es jetzt aber nicht so, dass ich das nur von Männern gehört hätte. Genau wie Frauen Opfer dieses Systems sind, nehmen sie auch die Rolle der Täterinnen ein und erhalten es mit aufrecht.

Soll das jetzt Täter-Opfer-Umkehr sein? Nein, sicher nicht. Das Patriarchat diskriminiert systematisch Frauen und nicht Männer. Aber toxische Männlichkeit ist als Teil dieses Problems eben nicht ausschließlich für Männer reserviert. Ob es um meine glitzernde Bauchtasche geht, darum, dass ich auch manchmal weine oder meine Friseurin, die mir erklärt, ich solle mich benehmen wie ein richtiger Mann. Das Problem giftiger Männlichkeitsideale funktioniert anscheinend nicht nur im binären Geschlechtersystem. Das fluide Spektrum der Geschlechtsidentität zwischen männlichen und weiblichen Attributen löst uns von klassischen- hetero-normativen Zuordnungen. Also ist es nicht nur die Frage, was am Verhalten von Männern problematisch ist, sondern welche Männlichkeit zeitgemäß und progressiv sein kann.

Wie diese Männlichkeit aussehen kann, das müssen wir Männer selbst herausfinden, jeder für sich. Und wir dürfen uns dabei nicht gegenseitig im Wege stehen. Ich verstehe, dass jeder bestimmte Erwartungen an unsere Umwelt hat, habe ich auch. Und ich bin jedes Mal überrascht, wenn jemand diese Erwartungen bricht. Aber es ist wichtig und fordert manchmal Disziplin ab. Sich dann zurückzuhalten mit dummen Kommentaren oder wertenden Blicken. Und daran müssen auch Frauen ihren Beitrag leisten, indem sie mich zum Beispiel meine verfickte Brusttasche unkommentiert tragen lassen. So viel Bullshit habe ich gehört, wie unmännlich ich doch sei, weil ich diesem antiquierten Bild eines Mannes nicht entspreche. Und mir reicht es. Denn das System, das mir schadet, das schadet ausnahmslos Allen.

Also, liebe toxische Männlichkeit. Tschüss, ich verabschiede mich hiermit von dir. War scheiße deine Gesellschaft, also fuck off. Unsere Zeit ist vorbei. Ich bin ein Mensch mit einem Penis und trotzdem bin ich emotional, sensibel und brauche manchmal Hilfe. Ich finde es nicht geil, in Konflikten den aggressiven Macho heraushängen zu lassen. Und das macht mich nicht zu einem halben Mann. Im Gegenteil. Ich finde, dass mich das sehr männlich macht. Und meine weibliche Seite, die macht mich auch männlich. Genau wie Mascara und Röcke.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE. 

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