Ich habe mir Gedanken über die Auslöser meiner schlechten Laune gemacht.

Ich sehe lächelnde Gesichter, aufmunternde Blicke, Schulterklopfer, „Stay positive“- und „Good vibes only“-Captions auf Instagram oder werbende Motivationscoaches für ein besseres Leben auf YouTube. Haufenweise gute Laune und Tipps zur Selbstoptimierung, die ich nicht zu Händeln weiß.

Wohin damit? Sorry, mir scheint die Sonne heute einfach mal nicht aus dem Arsch.

Was soll diese ganze überschwängliche, zwanghafte Positivität? Wo ist die Verletzlichkeit, der ehrliche Umgang mit Emotionen? Welche inhaltliche Tiefe steckt hinter diesem oberflächlichen Umgang mit Worten? Diese Worte und Gesichter injizieren ihre Positivität in meine Venen, vergiften mich, schwächen mich und geben meinen Empfindungen keinen Raum. Das Gift breitet sich aus und sticht in mein Herz – grün und schwarz getrübt ist es durch die toxische Positivität.

Erfüllt mit Wut und Unverständnis begegne ich meiner Oma, wenn sie mir mit einem Lächeln „Alles ist gut, so wie es ist“ ins Gesicht strahlt.

„NEIN!“, erwidere ich trotzig. „Es ist eben nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen.“

„Das meine ich ja auch gar nicht so. Du musst dir einfach sagen, dass alles glatt laufen wird. Dann wird es das auch“, sagt sie.

Ich bin enttäuscht und fühle mich nicht gehört. Was gut gemeint ist und helfen soll, verletzt mich. Meine Traurigkeit und Ängste werden unterdrückt oder zumindest beiseitegeschoben und einfach übermalt, mit einer großen dicken Sonne. Was hat sie nur gegen meine Regenwolke, warum flüchtet sie? Hat sie Angst, nass zu werden? Eine Pflanze wächst doch nicht nur unter Sonnenschein. Um zu wachsen, braucht sie gelegentlich auch Regen. Fakt ist jedenfalls, dass diese Sonne alles bestrahlt, und zwar so heiß, dass der Boden, in dem meine Wurzeln haften, austrocknet. Ich verliere an Halt.

Toxische Positivität vereinfacht den Umgang mit Erlebnissen, Erfahrungen und negativen emotionalen Zuständen. Nicht nur das, sie negiert psychische Krankheiten und strukturelle Probleme. Sie entzieht sich der komplexen, vielfältigen Betrachtung der Welt, wie sie tatsächlich ist. Die Welt ist gefüllt mit Emotionen – Freude, Wut, Angst, Trauer – jeden Tag und überall. Die Welt ist auch gefüllt mit Problemen, solchen, die eben nicht nur auf individueller Ebene mithilfe eines hyperpositiven Mindsets gelöst werden können. Strukturelle Probleme erfordern grundlegende, strukturelle Veränderungen. Psychische Krankheiten erfordern ein offenes Ohr, einen offenen und ehrlichen Umgang und (professionelle) Hilfe.

Ein Löffel Optimismus ist gesund – auch zwei – solange er die anderen Löffel, die uns füttern, nicht verdrängt. Denn die wartenden Löffel werden weiter befüllt und der Rand ist nicht unendlich groß. Wenn sie nicht regelmäßig geleert werden, laufen sie über.

Wie wäre es, wenn wir einander zuhören, statt unsere natürlichen menschlichen Eigenschaften kleinzureden und zu überhören. Ich möchte meine Gefühle zulassen dürfen. Ich möchte weinen und schreien, wenn mir danach ist und mich zurückziehen, wenn ich erschöpft bin. Genauso wie mir lachen auch immer erlaubt ist. Es geht nicht darum, für alles direkt eine passende Lösung parat zu haben, sondern Probleme anzuerkennen und sie gemeinsam konstruktiv zu bearbeiten, damit wir lernen, mit ihnen umzugehen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Illustration: @paansch

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