Es ist der 19. Februar 2014. Übermüdet und mit schrecklichen Kopfschmerzen werde ich langsam wach. Ich habe gerade Winterferien und war am Abend zuvor mit Freundinnen feiern. Mit gequältem und vor Schmerz verzogenen Gesicht schlurfe ich in die Küche und versuche irgendwas herunterzubekommen und mich zu hydrieren. Nachdem ich mich um die bloßen Notwendigkeiten des Überlebens gekümmert habe, vergrabe ich mich wieder in dem Decken- und Kissenhaufen in meinem Kinderzimmer. Das Nächste, woran ich mich wieder ganz klar erinnern kann, ist, dass meine Mutter nach Hause kommt. Bereits in dem Moment habe ich gespürt, dass etwas nicht wie immer ist. Das Parkett knackt unter ihren Füßen, während sie die Treppen nach oben läuft. Wortkarg kommt sie in mein Zimmer, legt sich zu mir ins Bett und noch bevor sie die Worte aussprechen konnte, wusste ich, was los ist. „Es geht um die Omi. Sie ist gestern nicht mehr aufgewacht.“

Vermutlich hast du schon mal von den fünf Phasen der Trauer gehört. Das ist eines der Konzepte der Trauerbewältigung, welches in der Popkultur wohl am häufigsten aufgearbeitet wurde. Letztendlich sagt es aus, dass Menschen beim Verlust von geliebten Menschen verschiedene Stufen durchlaufen: Leugnen, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Worüber dabei nicht gesprochen wird, ist, wie lange diese Zeitperioden andauern und dass Rückfälligkeit möglich ist. Das wurde mir dieses Jahr schmerzlich bewusst. Nach der Akzeptanz kam erneut die Depression. 

Meine Uroma war für mich die Inkarnation des Guten. Meine Mutter und mein Vater studierten noch, als ich geboren wurde und meine Großeltern gingen noch arbeiten. Meine Uroma war die einzige Person aus meiner Familie, die bereits in Rente war. Daher passte sie so oft es ging auf mich auf und war somit fast so verantwortlich für meine Entwicklung wie meine Eltern. Und ich war ihre erste Urenkelin. Man könnte sagen, dass wir ein besonderes Band hatten. Ich half ihr beim Einkaufen, ging mit ihr spazieren, wir kochten und backten zusammen. Meine Omi ließ mich immer so viel rohen Keks- oder Nudelteig essen, wie ich wollte, auch wenn sie wusste, dass ich nur kurze Zeit später mit Bauchschmerzen auf der Couch liegen würde.

Es gibt Tausende von Anekdoten, die ich erzählen könnte. Immer mal wieder schwelge ich in den Erinnerungen und empfinde mehr Freude als Traurigkeit. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit ihr hatte. Außer in der Zeit ihres diesjährigen Todestages. Ich weiß nicht, ob es an Corona liegt und dem Fakt, dass wir uns einsamer fühlen als sonst und unsere Familie nicht so oft sehen können. Dieses Jahr fühlten sich die Wunden wieder frisch an. Jedes Mal, wenn ich an meine Omi dachte, verschwamm meine Sicht und unkontrollierbare Tränen liefen über meine Wangen. Egal ob ich alleine zu Hause war oder mich mit wildfremden Menschen durch Supermarktgassen quetschte. Die Traurigkeit begleitete mich, auch wenn ich noch so sehr versuchte, sie hinter mir zu lassen.

Ich stellte mir verschiedene Fragen: Wieso nimmt mich das nach sieben Jahren immer noch so sehr mit? Habe ich die letzten Jahre überhaupt richtig getrauert? Bin ich zu emotional? Ist das normal? Ich habe leider keine Antworten auf diese Fragen – auch wenn ich mir diese die letzten Wochen mehr als einmal gestellt habe. Ich würde mich auch ganz weit aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass diese Unwissenheit normal ist. Es gibt keine One-Size-Fits-All- Anleitung für dem Umgang mit Schicksalsschlägen.

Trauer verläuft nicht linear! Du kannst jahrelang mit dem Verlust eines geliebten Menschen klar kommen und nach sieben Jahren wirft es dich stärker aus der Bahn als jemals zuvor. Trauer läuft auch nicht bei allen Menschen gleich ab! Es ist okay, wenn du verstummst, es ist okay, wenn du schreist und weinst – egal wie du dich fühlst und was du machst: Es ist okay! Nach der Akzeptanz ist der Prozess des Trauerns nicht vorbei. Es ist nicht auf einmal alles gut – und das muss es auch nicht. 

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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One Comment on “Trauer verläuft nicht linear – und das muss sie auch nicht!”

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