Ein verregneter Tag im Frühling. Ich stehe vor dem Kölner Dom und warte auf C. Auf den Treppen sitzen ein paar Leute. Als ich mich dazu setzen möchte, fällt mein Blick auf das Ordnungsamt, das gerade die Personalien sitzender Passant:innen aufnimmt. Lieber nicht, denke ich mir und bleibe stehen. Ich frage mich, was mich gleich erwarten wird. Es ist eine Mischung aus Angst und Hoffnung, die in mir weilt. Mit einer Zigarette versuche ich mich abzulenken.

Zehn Minuten später habe ich aufgeraucht und schaue mich nervös um. Und da sehe ich ihn. C. Wie er auf mich zugeht. Sein Gesicht ist hinter der Maske versteckt. Es fällt mir schwer zu erkennen, ob er mich anlächelt oder eine ernste Miene darunter trägt. Wir begrüßen uns mit einer halbherzigen Umarmung und einem trockenen Hallo. Letzteres also.

C. ist der Mann, dem ich mich zuletzt anvertraute. Er war der erste Mann, mit dem ich mir etwas Ernsthaftes hätte vorstellen können. Nach langer Zeit. Und das obwohl wir uns gerade einmal zwei Monate kannten.

Der Traum von einer glücklichen Bindung platzte vor zwei Tagen, als C. mir mitteilte, dass er Zeit für sich braucht. Etwas hat sich verändert zwischen uns. Er redet kaum noch mit mir, und wenn er es doch tut, dann nur, wenn ich ihn dazu auffordere. Auf die Frage, ob wir reden können, schlug er vor, sich zu treffen: »Du hast recht, persönlich ist besser«.

Unser heutiges Treffen ließ mich die vergangenen Nächte nicht schlafen. Mit dem Eintreffen dieser Nachricht wusste ich, dass das Gespräch kein positives Ende nehmen würde. Doch die Hoffnung, ich könnte mich doch noch irren, blieb.

Wir laufen runter zum Rhein. Reden kaum ein Wort miteinander. Jetzt gerade weiß ich nicht, wer hier neben mir steht. Die Person, mit der ich die Woche zuvor noch lachend durch den Park spazierte, ist er jedenfalls nicht mehr.

»Ich sehe nichts mehr in uns«, beginnt er. Und damit meint er mich. Er sieht in MIR nichts mehr.

Blitzartig schießen Tränen in meine Augen und laufen die Wangen hinunter. C. wischt sie liebevoll mit seiner Hand weg. Das Verständnis, das er mir dabei entgegenbringt, macht es mir schwer, nicht dagegen anzukämpfen. Aber probieren möchte er es nicht mehr.

Ich brauche noch eine Stunde, um mich damit abzufinden. Er bleibt bei mir, bis zum Schluss.

Dieses Treffen am Rhein ist das letzte Mal, dass ich ihn sehen werde.

Die kommenden zwei Wochen lebe ich in einer toten Hülle. Sitze auf meiner Fensterbank und rauche Zigaretten. Appetit habe ich keinen, auch keine Kraft aufzustehen. Trotzdem zwinge ich mich täglich aus dem Bett und suche Ablenkung. In meinen Mitbewohner:innen, Freund:innen, Arbeit, Telefonaten, Zigaretten, Online-Dates und weiteren Telefonaten. Morgens frage ich mich, wieso ich überhaupt noch aufstehen soll. Nachts weine ich. Immer wieder drehe ich mich im Kreis auf der Suche nach einer Antwort.

Wieso hat er mich verlassen?

»Bitte such die Schuld nicht bei dir«, sagte er noch. Dabei schaute er mir distanziert in die Augen. Sein Auftritt lässt mich zweifeln. Ich frage mich, ob ich mir das alles nur eingebildet habe. Bin unsicher, ob es nicht doch nur für mich eine intensive Zeit gewesen war.

Der Schmerz, den die Trennung auslöste, fühlte sich endlos an. C. war weg und ich fühlte mich allein gelassen. Er war die Person, mit der ich zusammen sein wollte. Der Mann, der mir Gute-Nacht-Geschichten über groovige Marienkäfer ins Ohr flüsterte. Und egal wie oft ich mit meinen Freund:innen darüber sprach, die Einsamkeit musste ich mit mir selbst vereinbaren. Dabei stellte ich mir immer wieder die Frage, wieso ich nicht in der Lage sein konnte, seine Gefühle anzunehmen.

Ich habe Bindungsängste. Eigentlich schon immer. Meine Eltern trennten sich, als ich fünf Jahre alt war. Das Gefühl von Sicherheit war mir somit schon von klein auf fremd. Als nun erwachsene Frau habe ich Angst, mich auf einen Mann ernsthaft einzulassen. Zu groß ist die Panik, ich könnte verlassen werden. Ein Schmerz, der für mich nicht nur ein Angriff gegen meine Person bedeutet, sondern auch zu einem unerträglichen Zustand für mich geworden ist. Er will mich nicht, also bin ich nichts wert. Ein Glaubenssatz, der bis heute fest in mir verankert ist.

Es fällt mir schwer, positive Gefühle zu erwidern. In meiner Kindheit lernte ich, dass ich Zuwendung hauptsächlich dann erhalte, wenn ich negatives Verhalten aufzeige. Weshalb es mir in Liebesbeziehungen schwerfällt zu glauben, dass mich jemand aufrichtig lieben könnte, würde ich mich dieser Person selbstlos hingeben. Aus diesem Grund tue ich unterschwellig alles dafür, meinen Partner und seine Liebe von mir wegzustoßen.

Als mir C. seine Gefühle eines Abends gestand, war ich einen kurzen Augenblick glücklich. Er sprach das aus, was mir seit einigen Tagen auf der Zunge lag. Doch am nächsten Morgen drückte ich ihn von mir weg, indem ich die Negativität, die ich in meiner Kindheit als Sicherheit empfand, auf ihn projizierte. Ein Schutzmechanismus, der meiner Psyche Geborgenheit verspricht. Dass ich ihm dabei die Geborgenheit nahm, die er mit mir verspürte, wurde mir erst später bewusst. 

Auf die Frage, wieso er mich verlassen hat, gibt es aber keine konkrete Antwort. Denn wie er schon sagte, ist es wichtig, die Schuld nicht bei mir selbst zu suchen. Die Trennung hat mich verletzt. Und ja, sie riss mich für einen kurzen Augenblick aus meinem Alltag. Es gab viele Tage, an denen ich an mir zweifelte, mir wünschte, das Gesagte rückgängig zu machen und mich ärgerte, nicht den Mut zu haben, zu meinen Gefühlen stehen zu können.

Eine weitere große Angst von mir ist Routine. Nach einer fast achtjährigen Beziehung bin ich gebrandmarkt. C. fragte immer wieder, ob wir zusammen kochen oder einen Film anschauen. Ganz normale Dinge, die man in einer Partnerschaft tut. Doch für mich ist es viel mehr. Der Gedanke, wir könnten eines Tages nichts anderes tun, als auf der Couch sitzen und Süßigkeiten in uns hineinstopfen, löste in mir Erinnerungen aus meiner vorherigen Partnerschaft aus. Ich dachte, irgendwann würde ich für ihn zu der Frau werden, die nur noch in der Küche steht und ihre Bedürfnisse hinten anstellen muss, während ich ihn und seine Freund:innen bediene. Eine Beziehung, in der Zärtlichkeiten kaum noch existieren, in der die Gespräche nachlassen und ich zum Störfaktor werde, weil mein Zauber verflogen ist.

Doch letztendlich spreche ich von meiner Wahrnehmung, die offensichtlich noch nicht mit der Vergangenheit abschließen konnte. Aus diesem Grund bin ich dankbar für diese Erfahrung. Denn die Beziehung mit C. zog eine wichtige Erkenntnis mit sich: Ich habe Bindungsängste und trage Unzufriedenheit in mir. Eine Basis, auf der man keine glückliche Beziehung aufbauen kann.  

Um eines Tages also aufrichtig lieben zu können, brauche ich Zeit und den Willen, dieses Kapitel anzugehen. Und hätte C. mich nicht ernsthaft gemocht, hätte er mir eine vorgefertigte Antwort geliefert, mit der ich mich vielleicht kurzfristig besser gefühlt hätte, aber die Lektion, die dieses schmerzbehaftete Ereignis mit sich zog, wäre vermutlich untergegangen.

Was mich jedoch an der Trennung störte, war der abrupte Kontaktabbruch. Es verletzte mich zutiefst, ohne Vorwarnung und einen mir schlüssigen Grund emotional gelöscht und ausradiert zu werden. Ich fühlte mich machtlos und gefangen, in einer Spirale meiner eigenen Ängste.

Ich habe viel darüber nachgedacht, was man hätte anders machen können. Letztendlich geht jede:r anders mit Beziehungsabbrüchen um. Wichtig ist, dass der gegenseitige Respekt dabei nicht verloren geht. Trotzdem hätte ich mir ein zweites Gespräch gewünscht, um die Zeit gemeinsam zu reflektieren. Immerhin haben wir nicht ohne Grund Vertrauen zueinander aufgebaut. Wir mochten uns, schätzten einander und unterstützten uns dort, wo es ging.

Die Ehrlichkeit, die ich mir wünschte, blieb aus. Geholfen hat mir dabei eigentlich nur, auch seine Sicht der Dinge nachzuvollziehen. Diese Aussprache, die ich mir wünschte, benötigt Kraft. Und wenn C. beschlossen hat, diese Energie für sich selbst aufzuheben, kann ich ihm das nicht mal übel nehmen. Letztendlich zeigte dies mir auch, worauf ich schauen muss: Auf mich.

Aus diesem Grund bin ich dankbar. Ich schaue zurück auf eine schöne Zeit mit einem Mann, von dem ich vieles über mich lernen konnte. Denke an die Momente, in denen er sich die Zeit nahm, mir aufzuzeigen, wie wichtig es ist, Stress abzubauen und auch für die andere Seite Verständnis aufzubringen.

Und zu guter Letzt weiß ich nun, wie eine gesunde Bindung aussehen könnte, eine, in der offen kommuniziert wird, über das, was einen beschäftigt.

Dafür danke ich dir.

Illustration: Ebru Erdoğan

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