WARNUNG: Dieser Text thematisiert Symptomatik und Auswirkungen von Essstörungen.

Ich bin einer von Millionen Menschen, die sich morgens – manchmal bereits um 5 Uhr – in die Laufschuhe quälen oder kurz nach der Öffnung des Gyms mit anderen um die Wette schwitzen. Ich bin kein Athlet, laufe aber ganz gerne. Heute ist ein perfekter Morgen. Ich laufe durch den Stadtpark, während mir die warme, aufgehende Sonne ins Gesicht scheint. Ob es nun darum geht, die Kondition zu trainieren, Muskeln aufzubauen, Körperfett loszuwerden, gesund zu bleiben oder seinen Body zu definieren: Wir alle wollen etwas für unseren Körper tun, von dem wir glauben, es sei das Beste. Der tägliche Griff zum Smartphone suggeriert uns, was gut für uns ist, was wir benötigen und zeigt uns das illusorische Rezept dafür, rundum glücklich zu sein. Im Hinblick auf einen erstrebenswerten Healthy Lifestyle lässt es nichts aus. Bei diesen Bildern bekomme ich den Eindruck, als würde es kaum jemanden geben, der keinen perfekten Body hat, sich bewusst gesund ernährt und nichts mehr tut, was dem Körper irgendwie schaden könnte. Doch wenn ich am Morgen laufe, werde ich – glücklicherweise – durch die Realität und das „offline“-Leben ohne Facebook, Insta und TikTok, beruhigt. Und obwohl es ein Leben außerhalb dieser Blase gibt, fällt es vielen Menschen schwer, sich diesem zu entziehen.

Wenn ich am Morgen mein Büro betrete, um meiner Arbeit als Familientherapeut nachzugehen, treffe ich oft auf Menschen, denen es nicht so leicht fällt, sich den vorgesetzten Schönheitsidealen zu entziehen. Es sind Menschen, die täglich für etwas und gegen etwas kämpfen. Menschen, die sich nicht so akzeptieren können, wie sie sind. Menschen, die den Spiegel nicht meiden können, wenn sie am Morgen das Bad betreten. Menschen wie Hannah* und Jule* zum Beispiel: Hannah ist 19 Jahre alt, 163 cm groß und wiegt 45 Kilo. Hannah hat vor wenigen Wochen zum dritten Mal eine stationäre Klinik verlassen, in die sie mit 33 kg eingeliefert worden war, weil ihre Organe und ihr gesamter Körper versagten und sie vor Schwäche zusammenbrach. Jule hingegen war mit 14 Jahren das erste Mal in einer Klinik. Heute – mit 17 Jahren – ebenfalls zum dritten Mal. Ihr Herz hatte fast aufgehört zu  schlagen.

Beide waren dem Tod bereits näher als viele von uns. Denn beide leiden an der Essstörung Anorexia nervosa, was den meisten umgangssprachlich auch als Magersucht bekannt sein dürfte. In Deutschland gehören sie zu den circa 14 von 1000 Frauen, die einmal im Leben an dieser Form der Essstörung erkranken und die häufig – aber nicht ausschließlich – zu Beginn der Pubertät auftritt. Diese Form der Essstörung tritt zwar seltener als Bulimie und Binge-Eating auf, ist jedoch deutlich bekannter. Sie kennzeichnet sich vor allem durch eine selbst herbeigeführte Gewichtsabnahme und eine Körperbildstörung, die das Selbstbild stark verzerren kann. Die Reduktion des Gewichtes wird dabei in den meisten Fällen durch Erbrechen, Hungern, exzessives Sporttreiben und der Einnahme von Abführmitteln (purging) erreicht. Durch die Mangelernährung können wichtige Stoffe nicht mehr in den Körper transportiert werden. Die Folgen reichen vom Abbau der Knochen- und Muskelsubstanz, Störung des Hormonhaushalts, Ausbleiben der Regelblutung, Schädigungen der Organe bis hin zum Tod durch Herzversagen.

Auch Hannah und Jule haben derartige Maßnahmen ergriffen, um sich schlank zu halten, bis sie in einer akuten Krise völliger körperlicher Erschöpfung zwangsernährt werden mussten. Hannah erinnert sich kaum an die Zeit im Krankenhaus. Die Ärzte teilten ihr mit, dass durch das Untergewicht auch ihr Gehirn in Mitleidenschaft gezogen wurde und ihre kognitiven Fähigkeiten sehr stark eingeschränkt waren. Was sie einzig noch konnte, war atmen und warten, „bis es vorbeiging“, wie sie oft sagte. Für Jule hingegen war die Zwangsernährung eine Art Tod selbst, über den sie keine Kontrolle mehr hatte.

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Mittlerweile sind beide nach mehreren Wochen wieder daheim, haben einen Essensplan, eine(n) Ernährungscoach:in, ein Verbot für Gewicht abbauende sportliche Aktivitäten, Einschränkungen bestimmter Social-Media-Plattformen sowie eine psychotherapeutische Behandlung. Insgesamt steht ein großes Netzwerk an Ärzt:innen, Ernährungsberater:innen, Expert:innen und Therapeut:innen an ihrer Seite. Einer von ihnen bin ich. Um die beiden sowie die gesamte Familie auf ihrem Weg mit der Krankheit zu unterstützen, Beziehungen in der Familie zu stärken und Einflussfaktoren auf die Anorexie – durch familiäre Beziehungen – zu bewerten, wurde ich als Familientherapeut an Board geholt.

Obwohl sich beide vermutlich gar nicht kennen, haben sie einerseits viel gemeinsam und andererseits trennen sie Welten. Die Anorexie hat nämlich nicht nur ein Gesicht, sie hat viele. Sie ist ein Teil der Persönlichkeit, mit denen sich die beiden Frauen während der letzten Jahre stark identifiziert haben. Diesen Teil der Persönlichkeit loszulassen hat lange gedauert, war aber grundlegend für den Blick nach vorne. In den letzten zehn Jahren gab es einen Anstieg von 30 Prozent stationär behandelter Patient:innen. Bei diesem Wachstum scheint es nahezu utopisch, den Medien nicht unmittelbar ein Mitverschulden anzuhängen, doch so leicht ist es leider nicht. Es gibt nicht diese eine Ursache, dieses eine Gesicht und nicht diese eine Behandlung. Neben gesellschaftlichen Faktoren wie den Medien spielen auch psychologische und biologische Faktoren eine Rolle bei der Entstehung einer Anorexie. Germany’s Next Topmodel ist nicht einzig und allein die Einstiegsdroge dieser Essstörung. Auch vorgelebte Ernährungsgewohnheiten, ein geringer Selbstwert, Schwierigkeiten in der Konflikt- und Stressbewältigung sowie Stoffwechselstörungen oder genetische Prädispositionen können auf die Betroffenen einwirken, um nur einige zu nennen. Viele Menschen erfahren die wahren Ursachen erst im Verlauf einer Behandlung.

Wenn ich Hannah traf, taten wir das, was wir fast immer taten: Rausgehen, die frische Luft genießen und reden – die Anorexie immer dabei. Meistens waren es keine langen Spaziergänge, da ihr die Kraft in den Beinen fehlte, – dann setzten wir uns auf eine Bank. Ich sehe mich mehr als Partner in Crime, weniger als Experte. Meistens hörte ich zu, stellte Fragen und gab Feedback. Manchmal redeten wir über „Gott und die Welt“, manchmal schwiegen wir und manchmal stritten wir mit ihrer Anorexie. All diese Dinge waren enorm wichtig für Hannah. Als Familientherapeut:innen betrachten wir Störungsbilder nicht als eigenständiges Problem eines Menschen. Vielmehr geht es darum, die Anorexie in einem Sinnzusammenhang und ihrer Ausprägung innerhalb der menschlichen Beziehungen zu betrachten und zu verstehen. Eine Ursache zu finden, ist nicht zwangsläufig notwendig, um zu Lösungen zu gelangen, nicht zuletzt, weil eine Anorexie immer sofort zu behandeln ist. Wichtig ist es, aufzudecken, in welchen Lebenssituationen die Anorexie lauter oder leiser zu den Betroffenen spricht und wie diese auf sie reagieren. Hannah ist eine ruhige, aber auch total gesellige Persönlichkeit, die so viel Stärke ausstrahlt, dass man davon angesteckt wird. Jedes Lächeln, jeder Satz macht Sinn, auch wenn dies nicht immer so war. Sie ist behütet großgezogen worden, hatte Freund:innen und es gab nach ihren Aussagen keine offensichtlichen Probleme.

Und Jule? Jule ist bemerkenswert in ihrer Energie und ihrer reflektierten Art. Doch mit Jule saß ich weniger in Parks herum, denn bei Jule wurde früh deutlich, dass ihre Eltern eine entscheidende Rolle spielten. Vor ihrer Essstörung war sie ein „wahres Wunderkind“ mit stets hundertprozentigen Leistungen. Ausschließlich Einser auf dem Zeugnis, Schülersprecherin, Turntalent mit etlichen Auszeichnungen und einem extrem hohen Anspruch an sich selbst. Doch wie viel Wunder und Anspruch hält ein Mensch aus? Jule hielt mehr aus als vermutlich viele von uns und das ganz ohne Unterstützung. Wenn ich sie fragte, was ihre größten Erfolge waren, war ihre Antwort stets: „Wenn mich meine Eltern im Krankenhaus besuchten.“ Als ich Jule und ihre Eltern kennenlernte, lebte ihr Vater unter der Woche im 300 Kilometer entfernten Berlin, ihre Mutter hatte als Ärztin einen Zehn-Stunden-Tag. Jule war auf sich alleine gestellt.

Hannah und Jule gehören beide zu den 50 Prozent der Betroffenen, die es geschafft haben, sich den Weg zur Heilung zu „erkämpfen“. Dafür war ein großes Netzwerk an medizinischen, psychologischen und therapeutischen Unterstützungsleistungen notwendig. Es zeigte sich, dass keine der beiden Frauen „nur eine Pille“ brauchte oder ein paar Gespräche bei einer Therapeutin. Was sich jedoch zeigte, war, dass ein stabiles Beziehungs- und Familiensystem sehr zur Genesung beitrugen. Positiv gestaltete Beziehungen zu Familie und Freunden können die Behandlung von Anorexie unterstützen.

In vielen Gesprächen hat Hannah gelernt, die Anorexie mit den unterschiedlichen Beziehungen und Lebenssituationen in Zusammenhang zu bringen. Bei ihr waren es die enormen Erwartungshaltungen und der Leistungsdruck, den sie von innen und außen wahrnahm. In ihrer Schulzeit war sie zudem ständig dem Einfluss der sozialen Medien ausgesetzt und hat sich an Schönheitsidealen orientiert. Zudem führte ihr hohes Bestreben nach Harmonie dazu, dass sie versuchte, sich einem gesellschaftlichen Bild anzupassen, das sie heute als surreal enttarnt hat. Dabei wundert es sie nicht, dass vor allem junge Mädchen erkranken, die sich während der Pubertät und ihrer Findungsphase schnell verunsichern lassen. Das war auch bei Hannah ein Problem. Schlank und angepasst war ihr unbewusstes Motto. Sie sah sich nur noch durch die Augen anderer und dem, was sie glaubte, was andere über sie dachten. Da sie selbst nicht viel von sich hielt, fiel die äußere Betrachtung ebenfalls negativ aus. Sie erzählte mir oft, dass sie sich ungeliebt fühlte. Heute weiß sie, dass es in erster Linie daran lag, dass sie sich selbst nicht liebte. Die Anorexie hat ihr ein Stück Liebe und Selbstwert zurückgegeben, denn sie hatte zunächst die alleinige Kontrolle über ihren Körper. Die Anorexie war etwas, dass nur Hannah gehörte. Sie war Kontrolle. Sie war Rebellion. Sie war Autonomie. Sie war so lange alles, bis sie aus Hannah alles wieder herausgezogen hatte. Diese Erkenntnisse haben ihr geholfen, ein Stück zu heilen. Hannah versprüht heute die Weisheit einer alten Dame, die für mehrere Leben reicht. Sie beschrieb oft, dass sie dickköpfig sei. Vielleicht war es genau diese Dickköpfigkeit, die es brauchte, um das „Arschloch“, wie sie es oft nannte, in den Arsch zu treten. Trotzdem ist da noch soviel, was sie nicht versteht, aber sie ist der Überzeugung, dass sie es irgendwann verstehen wird.

Jule hatte erkannt, dass die Anorexie für sie eine Art Ausweg aus dem Meer der Erwartungen war. Diese empfand sie in erster Linie durch ihre Eltern, ohne dass sie etwas sagten. Jule und ihre Eltern mussten verstehen, wofür die Essstörung stand. Dies konnten wir in gemeinsamen Gesprächen erarbeiten. Die Anorexie wurde mit an den Tisch geholt und wir haben gemeinsam mit ihr gesprochen und neue Vereinbarungen getroffen, durch welche Veränderungen sie nun abgelöst werden konnte. Auch bei Jule spielte die Kontrolle eine Rolle, das verstanden bald auch ihre Eltern. Sie bemerkten, dass sie sich ihr Familienleben so nicht vorgestellt hatten. Während Hannah in vielen Gesprächen zunehmend an der Bewertung und Wahrnehmung ihres Umfeldes arbeitete und sich als Teil dieser Bewertung verstand, waren es bei Jule die intrafamiliären Beziehungen und Strukturen, die in der gemeinsamen Arbeit gestärkt werden mussten. Jules Eltern reagierten nun – unabhängig von der Anorexie – auf das Bedürfnis der Nähe und Zuwendung ihrer Tochter. In beiden Geschichten zeigt sich, dass die Beziehungsgestaltung eine zentrale Rolle spielt. Wenn die Anorexie als Teil eines Familien- oder Beziehungssystems verstanden wird, ist dies ein erster Schritt. Diese kann man sich gut in Form eines Mobiles vorstellen, wie sie häufig über den Betten von Babys zu finden sind: Bewegt man eine Figur, bewegen sich alle mit. Sie sind allesamt durch Beziehungen und Lebensumstände miteinander verbunden. Jeder bewegt den anderen mit, ohne es bewusst zu tun. Jules Familie hat durch Veränderungen wie einem Jobwechsel, kürzere Arbeitszeiten, Rituale für die Familie und neue Wege des Miteinander-Sprechens ein neues System geschaffen, welches die Krankheit nicht mehr unterstützt. Jule konnte durch eine Psychotherapie an ihrer eigenen Körperwahrnehmung und inneren Motiven arbeiten und begann nach langer Zeit wieder zu essen. Manchmal heimlich, mal vor ihren Eltern.

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ALLE ILLUSTRATIONEN: META BRONSKI

Was beide im täglichen Kampf gemeinsam hatten, war der Versuch zu akzeptieren, dass sie nicht zu dick waren. Eigentlich war es der Versuch, „die verdammte Waage“ zu akzeptieren, wie Hannah mal sagte. Beide hassten das Ding, deswegen sagen sie auch bis heute kaum jemandem, wie viel sie wiegen. Sie wissen mittlerweile, dass jedes Kilogramm wichtig ist. Dennoch fällt es ihnen schwer, dies zu akzeptieren. Essen fällt ihnen nach wie vor schwer und bleibt vorerst ein Thema. Hannah ist verwundert darüber, dass ihr Körper sie solange über dessen Grenze hinaus am Leben erhalten hat. Sie ist dankbar dafür. Früher wollte sie sterben, heute nur noch leben. Sie hatte eine lange Zeit den Tod in Kauf genommen, während Jule häufig erzählte, dass sie Angst vor dem Sterben hatte. Allerdings wusste sie nicht, wie sie am Leben bleiben sollte: „Essen war kein Mittel“, sagte sie mir. Für beide ist die Anorexie kein Feind mehr, viel mehr ein Signal, dass etwas im Leben nicht rund läuft, auch wenn sie wissen, dass es noch eine Vielzahl an Ursachen benötigt, die zusammenkommen müssen, um einen Menschen derart zu drangsalieren. Sie geben niemandem die Schuld für das, was passiert ist. 

Social Media ist für beide ein Tabu, zumindest so lange, bis sie gelernt haben, sich gut abzugrenzen. Es sind oft solche Kleinigkeiten, die das Fass zum überlaufen bringen. In Gruppen und Institutionen, die sich mit dem Thema Essstörungen auseinandersetzen, sind beide mittlerweile aktiv und engagieren sich. Sie sehen es als selbstverständlich an, anderen zu helfen. Sie wollen anderen Menschen das Leid, das sie erlebt haben, ersparen. Außerdem sind es eben genau solche Begegnungen, die so heilsam für die Betroffenen sein können. Sie haben ihre Wut und Angst in Kraft und Motivation umgewandelt und ich bin dankbar dafür, dabei gewesen zu sein und mitzuerleben, zu was der Mensch alles im Stande ist. Wie viel Beziehungen ausrichten können, haben sie erst gemerkt, als sie ihr Leben radikal umgestellt hatten. Sich zu öffnen habe auch den Druck genommen, den sie von allen Seiten wahrnahmen. Für beide hat das Leben mehr zu bieten und sie müssen sich nicht mehr für das Leben oder den Tod entscheiden. Sie wählen heute das, was genau dazwischen liegt, im Leben selbst. Auf die Frage, wie oft sie noch in den Spiegel schauen, bekam ich zum Schluss immer die gleiche Antwort: „Ich habe keinen Spiegel mehr!“

*Die Namen von der Redaktion geändert

Hier findest du Informationen zu allen Möglichkeiten der Beratung und Behandlung zum Thema Essstörung. Mit einem Klick gelangst du zur jeweiligen Beratungs- oder Behandlungsform.

Autor: Sebastian Bünger

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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