Ich stehe vor der Menge und kriege plötzlich Wut. Kann noch nicht erkennen, was die Menschen mit ihren Schildern in die Massen brüllen, doch mir ahnt bereits Übles, als ich die Österreichflaggen im Wind wehen sehe. Meine Schwester steht neben mir, ihre Mittelfinger auf den Boykott gerichtet und fragt an mich gewandt: „Was hat denn eigentlich dieser Patriotismus mit Corona-Demonstrant:innen gemein?“

Diese Frage beschäftigte mich noch eine Zeit lang. Denn dieses Paradoxon der Demonstrant:innen die offensichtlich mit ihren Taten mehr Schaden anrichten als zu helfen, sich aber als Patrioten deklarieren, konnte ich einfach nicht verstehen. Nur ein paar Stunden später sollte mir diese Frage kein Geringerer als Kickl höchstpersönlich mit seiner mehr als fragwürdigen Ansprache, beantworten und nebenbei noch schnell all die Probleme lösen, die Österreich gefangen hält. Schuld seien die „Gefährder“ der Demokratie, die „Gefährder“ die in den Ministerien und in der Regierung ihren Sitz haben. Recht simpel eigentlich, deswegen schreit er auch „Kurz muss weg“, damit es den guten Staatsbürger:innen endlich wieder besser geht. Er hört die Menschen, er sieht sie, er versteht sie und hat praktischerweise auch noch gleich die Lösung für alle Probleme parat. Diese Schiene, die er fährt, kennen wir doch bereits, nicht?

Klar, ist auch ein altbewährtes Konzept von rechtsradikalen Parteien, um Wähler:innen zu generieren und Stimmen zu kassieren, erschreckend ist es allerdings zu sehen, wie viele Menschen immer noch auf diese Masche anspringen. 15.000 Demonstrant:innen allein in Wien, die ohne zu hinterfragen, ohne sich zu informieren vorlaut in die Menge brüllen, Schuld hat das System. Dass sie dabei Schulter an Schulter, dicht gedrängt mit Nazis in den Reihen stehen, scheint dabei nicht sonderlich unbequem zu sein. Vielleicht ist es auch nur das kleinere Übel hinsichtlich unserer Pandemie-Situation, quasi der Preis, den man für das Gemeinwohl eben zahlt.

Ich frage mich nur, was das Allgemeinwohl aus den Augen dieser Demonstrant:innen sein soll, mich haben sie nicht nach meinen Wünschen gefragt und dabei gehöre doch auch ich der Gesellschaft an. Hätten sie mich allerdings gefragt, hätte ich ihnen nur gesagt, dass sie Teil des Problems sind und somit auch Teil der Verschlimmerung.

Die Beweggründe hinter den Demonstration:innen versteh ich ja sogar noch. Wut, Frustration und Ängste, die mit der Pandemie Hand in Hand in unser Land gekommen sind, kenn ich ja selber nur zu gut, doch glaub ich nicht, dass ein rassistischer Mann mir diese nehmen kann. Im Gegenteil, meine Wut wird dadurch nur noch mehr geschürt, weil ich einfach nicht verstehe, wie man diesem Narren noch eine Bühne bieten kann. Es macht mich wütend zu sehen, dass man aus jeder Katastrophe die Menschenleben kostet, noch Profit daraus schlagen will und eine solche Situation, als eine Eigenwerbung missbraucht. Alles natürlich unter dem Deckmantel, Patriot zu sein. Aber okay, was war von diesen Leuten denn auch zu erwarten?

Daher ist es eigentlich noch erschreckender zu sehen wie sich die Menschen einlullen lassen und ja ganz ehrlich, das macht mir Angst. Es macht mir Angst, wenn ich sehe, wie viele Menschen nicht selber denken, sich aus bewusst erzeugten Emotionen leiten lassen, wie Marionetten in den Seilen hängen. Es macht mir Angst zu wissen, wie viele von ihnen komplett verblendet sind, die ernsthaft denken sie machen das Richtige und der Rest von uns ist dumm. Wie viele davon nicht nur die Faust erhoben, sondern auch zum Schlag ansetzten. Und jetzt mal ganz ehrlich was soll das denn bringen? Wir schlagen auf Polizist:innen und Passant:innen ein, um Corona zu vertreiben, während wir zu 15.000 zusammenstehen, ohne Maske, ohne Schutz?

Hä?

Jetzt mal ernsthaft, was soll der Scheiß? Begreift denn keiner von euch, dass ihr nicht nur euch damit gefährdet, sondern auch uns? Und ja, ich weiß, dass die Situation absolut frustrierend ist und auch die Regierung ihren Teil dazu beigetragen hat, aber schon etwas dumm zu denken, dass ihr eure Jobs und eure Freiheiten zurückbekommt, wenn ihr die Zahlen zum Steigen bringt. Oder bin ich jetzt wieder die Naive, die es nur nicht versteht? Das tue ich übrigens tatsächlich nicht.

Und genau das ist das Problem, Corona-Demonstrationen sind nicht nur absolut gefährlich und verwerflich hinsichtlich der Ansteckungs- und Verbreitungsgefahr, sondern auch für die Stimmung innerhalb einer Gesellschaft. „Wir gegen die anderen“. Grenzziehungen innerhalb des Volkes, das früher oder später eine Spaltung hervorrufen wird und diese die perfekte Nische für rechtsradikale Politiker darstellt. Wann wurde denn aus „Wir stehen das gemeinsam durch“ ein „Wir gegen euch“? Wir sind alle frustriert, sind alle müde, sind alle wütend und haben alle Angst. Doch hilft es da wirklich noch mehr Wut zu schüren, noch mehr Ängste zu erzeugen und Gewalt als Lösung zu akzeptieren? Mir reicht die Situation eigentlich per se schon, muss dazu nicht noch Naziparolen hören und mich Faschismus ausgeliefert fühlen.

Also bitte hört auf, denn scheiße ihr macht mir Angst.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE / Foto: Florian Schroetter

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