Ruckartig werde ich vom Wecker in die Realität gerissen und schon spüre ich es wieder. Nichts. Nach einem Blick auf die Uhr drehe ich mich auf die andere Seite und döse wieder ein. Der Wecker läutet zum vierten Mal. Ich öffne die Augen und starre in die Leere. Noch einmal kann ich dem Morgen wohl nicht entfliehen.

Mann, ist das anstrengend.

Mit halb geschlossenen Augen schlurfe ich in die Küche. Hunger habe ich kaum, aber essen ist das Einzige, was mir die letzten Tage Freude bereitet. Abwechslung. Farbe. Während ich also mein buntes Müsli in mich reinschiebe, denke ich an den vor mir liegenden Tag. Zwei Stunden lesen, zwei Stunden Seminar, eine Hausaufgabe und am Abend vielleicht Freund:innen treffen. Ach, und einen Text sollte ich auch noch fertig machen.

Lust habe ich eigentlich keine.

Nur halb an der Konversation interessiert, sitze ich auf der Wiese. Obwohl das Wetter endlich lau geworden ist, drückt es mich. Wie es mir geht, fragt meine beste Freundin. „Mäh“ antworte ich wahrheitsgemäß. Wir unterhalten uns kurz darüber. Sagen kann ich ihr dazu aber nicht viel. Eigentlich wäre ich gerade lieber zuhause. Ein Buch lesen, einen Film ansehen, die Wand ansehen.

Wieso bin ich hergekommen?

Ich hatte gehofft, Leute zu treffen, würde mich aus meinem Trott rausholen. Bis jetzt hatte das immer funktioniert.

Eine Stunde später liege ich in meinem Bett und gehe in mich. Ich versuche mich zu lesen, verstehe aber kein Wort. Zwischen den Zeilen suche ich nach einem Anhaltspunkt und greife in die Leere.

Leere. Das ist, was ich fühle.

Nicht sonderlich traurig, aber auch kein Glück. Weder richtig genervt, aber auch nicht zufrieden. Ich freue mich nicht auf die Dinge, die ich mache. Ich mache sie einfach. Von der einen Aufgabe zur nächsten hangle ich mich lustlos durch die Woche. Nur ein paar Dinge haben mich meine Indifferenz vergessen lassen. Museum, Theater, ein, zwei gute Diskussionen. Aber jetzt bin ich wieder hier.

Ich wühle gedanklich in dem Krimskrams der letzten Wochen und suche nach Spuren.

PMS? Ne, meine Tage hatte ich letzte Woche.

Sonst ist alles wie immer, keine Aufregungen. Keine Aufregungen. Wie ein Gürteltier rolle ich mich zusammen und schlinge die Arme um meine Beine.

Ich hätte gerne eine Umarmung.

Nicht eine wie zur Begrüßung von Freund:innen. Eine, in die ich mich fallen lassen kann. Eine, die mich birgt aus diesem nebligen Tal. Eine, die mein Herz streichelt. Aufregung, fallen lassen, Herz.

Ist es das, was mir fehlt? Liebe? Verliebtsein?

Die Banalität dieser Antwort stellt mich nicht zufrieden. Trotzig versuche ich, andere Spuren zu finden. Doch etwas in mir hat dieser Gedanke berührt.

Mit Sonnenbrille im Gesicht blicke ich eine Woche später zurück auf den Nebel dieser Tage. Ich fühle mich um einiges schlauer. Meine Freundin sagte mir, wenn ich mich schwertue, das Leben ohne die Achterbahn der Liebe zu genießen, dann wäre jetzt der beste Zeitpunkt, um es zu lernen. Um die rosa Brille abzusetzen und alle Farben in ihrem vollen Glanz zu sehen.

Auch wenn die Popkultur es gerne ignoriert, es gibt im Leben noch so viel mehr als die Liebe. Sie ist nur eines der Puzzleteile, aus denen wir unsere Welt zusammenbauen. Und wie bei einem Kreuzworträtsel, muss ich nicht jedes Feld ausgefüllt haben, um das Lösungswort erraten zu können. Interessantes und Aufregendes wartet an jeder Ecke und die meisten Überraschungen sind noch in mir drin. Das ganze Leben ist eine Achterbahn, ob man alleine im Wagen ist oder nicht.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: Viktoria Orlinsky

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