Wir stoßen unter dem Weihnachtsbaum an und mein Vater sagt, wie schön es ist, dass noch ein Gast hier ist. Ich korrigiere: „Gästin.“ Zugegeben, ich falle ihm damit ins Wort, dabei wollte er etwas Nettes sagen. Ich stimme zu, dass das nicht die feine Art ist und ich selbst reagiere sehr stark, wenn ich unterbrochen werde. Vor etwa 8 Wochen jedoch hat mein Vater – damals ging es um unsere Kommunikationsstrukturen und darum, dass ich mich nicht respektvoll behandelt fühle – mir gesagt, dass ich lernen muss, mich unterbrechen zu lassen. Ich solle toleranter sein.

Aber meine Toleranzgrenze ist schon lange überschritten. Warum sollte ich mich also wieder hinter sie zurückstellen? Nun, ein Grund wäre: Weil das genau das ist, was die Gesellschaft von Frauen erwartet. Ich verbessere meinen Vater unter dem Weihnachtsbaum und er sagt, dies sei unpassend. Unnötig. Ich möchte gerne lachen. Ist denn ein anderer Moment wirklich passender? Ich verstehe seinen Ärger. Es hat für ihn die romantische Stimmung zerstört. Das Bild der glücklichen Familie: Vater, Mutter, Tochter – fern von Politik, von Wein und Musik selig eingelullt. Ich hätte mir das sparen können. Ich hätte mich zurückhalten können, einmal die Verbesserung sein lassen können, einmal die glückliche Tochter spielen. Ich hätte das machen können. Bloß bin ich nicht glücklich, wenn ich mich zurückhalten muss, weil sonst die Stimmung gefährdet ist. Ich habe die Romantik zerstört durch meine Verbesserung. Ich habe dieses unpassende Thema – Politik – unter den Weihnachtsbaum gebracht. Und jetzt müssen wir darüber diskutieren, weil diese Tochter sich nicht zurückstellt, nicht ihren Feminismus in der Studierendenbude lässt, sondern mit zu den Eltern bringt.

Das Private ist politisch, denke ich, denn gerade hier, gerade unter dem Weihnachtsbaum, werden Machtstrukturen deutlich: Mein Vater regt sich (zu Recht!) auf, dass ich ihn unterbrochen habe  – macht es selbst doch aber auch ständig und bemerkt es nicht mal, bemerkt nicht, dass ich gerade mitten im Satz war. Er behauptet, das Wort „Gästin“ gebe es gar nicht und dass ich in einem Elfenbeinturm leben würde, in dem alle gendern. Dabei steht das Wort seit 2013 im Duden online und mein „Elfenbeinturm“ besteht aus ausgewählten guten Freund:innen, die sich alle viel Mühe geben, achtsam zu sprechen, auch, wenn es uns nicht immer gelingt. Ich glaube, mein Vater und ich reden ziemlich aneinander vorbei. Ich erwarte doch gar nicht, dass er korrekt gendert, das fällt mir selbst manchmal schwer. Ohne Menschen um mich, die selbst bewusst sprechen, habe ich es lange Zeit nicht geschafft, in meinem aktiven Sprachgebrauch zu gendern. Doch inzwischen fällt es mir auf und ich fühle mich einfach nicht mehr angesprochen, wenn das generische Maskulinum verwendet wird. Ich bin eben kein Student und auch kein Gast. Was ich also von meinem Vater oder anderen Menschen erwarten würde, die ich mit der weiblichen Form verbessere, ist eine Korrektur ihres Satzes und dann, dass wir nicht weiter darüber diskutieren müssen. Denn es ist klar, dass ich mehr darauf achte, dass ich niemanden angreifen oder ihm etwas vorwerfen möchte, dass ich nur einfach korrekt angesprochen werden möchte. Das ist alles.

Was stattdessen unter dem Weihnachtsbaum passiert, ist eine Eskalation der Gefühle: Scheinbar haben sich sowohl bei meinem Vater als auch bei mir einige Dinge angestaut, die jetzt ausgesprochen werden. Er sagt, ich solle mir überlegen, welche Kämpfe ich führen möchte, denn dieser hier sei unnötig und meine Korrektur einfach nur unpassend in dieser Situation. Ich sage: “Wenn ich schon nicht mit dir kämpfen kann – mit wem dann?” Wer hört mir eher zu, wenn schon nicht mein eigener Vater, der sich für aufgeklärt und feministisch hält? Sicher nicht die Männer in der Bar letzte Woche, die mir am Schluss zu dritt „Scheiß-Feministin“ hinterhergerufen haben. Die hören mir ganz sicher nicht eher zu. “Ist es nicht traurig, wenn ich nicht mit dir kämpfen darf?” Wenn ich mir aussuche, welche Kämpfe ich führen kann, wo ich wütend werden darf, wo ich korrigieren darf, dann bleibt nicht viel übrig.

Es gibt nie den passenden Moment, einem Mann zu sagen, dass er sexistisch ist. Korrekturen sind nie angenehm. Diskussionen über gesellschaftspolitische Dinge sind auch eher selten. Aber, und das versuche ich meinem Vater unter dem Weihnachtsbaum klarzumachen, ich will auch gar nicht mehr angenehm sein! Ich möchte eben nicht die perfekte Tochter und junge Frau sein, die den Männern den Vortritt lässt und strukturell unterdrückt wird. Dagegen kämpfe ich. Ich bin nicht mehr ruhig. Ich bin unangenehm, ich bin unglaublich wütend. Ich kämpfe gegen Strukturen, Papa, nicht gegen dich, aber leider bietest auch du eine Arena für diesen Kampf.

Ich will nicht auf den richtigen Moment warten, ich will nicht missionieren, obwohl das natürlich das Ideal wäre: Ich sitze mit ein paar (toxischen) Männern gemütlich zusammen, wir trinken ein Bier, ich erzähle ein bisschen was über Sexismus und danach ist allen klar, warum Feminismus ne gute Sache ist und wir hören allesamt auf, Frauen zu unterdrücken und frauenfeindliche Witze zu machen und dann gehen alle Männer zu ihren Kumpels und dann sind alle Menschen gleich und plötzlich herrscht Weltfrieden und jeden Tag ist Weihnachten, aber dann endlich ohne Politik. Klar wär das schön. Aber eben leider nicht möglich, denn die gemütliche Runde würde schon an der Frage scheitern, ob ich denn jetzt allen Männern ihr Bier zahle, weil ich ja ne Feministin bin und überhaupt: Dürfte man(n) jetzt ja Frauen schlagen wegen Gleichberechtigung und so? Und eigentlich würde mir niemand zuhören, denn die Männer nähmen von vornherein so viel Platz ein, dass ich schwer zu Wort kommen würde und wenn, dann würde ich unterbrochen werden, weil irgendein Mann das eh alles schon – und überhaupt viel besser – wüsste als ich. Eine Möglichkeit wäre dann noch, meinen sex appeal auszuspielen, damit bekäme ich die Aufmerksamkeit der Männer, doch – wie mir ein Mann vor ein paar Monaten gesagt hat, – könnte sich bei meinem Aussehen eh niemand auf meine Worte konzentrieren. Er hat mir damit von einer akademischen Lehre abgeraten. Wie auch immer, das Missionieren ist jedenfalls sehr schwierig. Und weil ich das inzwischen gelernt habe, habe ich auch aufgehört, auf den passenden Moment zu warten. Ich habe aufgehört, Männern schonend und vorsichtig beizubringen, dass ihr Kommentar nicht nur unpassend, sondern unheimlich abwertend und frauenfeindlich war. Ich habe aufgehört, mich unterbrechen zu lassen und mich zurückzuhalten. Und ich habe angefangen, für mich einzustehen, für mich und für alle anderen Frauen.

Denn, was so erschreckend ist: All meine Freundinnen führen diese Diskussionen, auch unter dem Weihnachtsbaum. All meine Freundinnen erleben verbale Anfeindungen und nicht wenige haben körperliche und/oder sexuelle Gewalt erlebt. Diese Erfahrungen sind nicht individuell.

Ich solle mir aussuchen, welche Kämpfe ich führe, dies hier sei unnötig, ich verschwende meine Energie, sagt mein Vater. Aber ich möchte alle Kämpfe führen, solange ich die Energie habe. Weil ich für mich kämpfe, für mein 15-jähriges Ich, das nicht wusste, dass es ein Recht auf seinen Körper hat. Ich kämpfe für mich, weil ich jeden Tag damit konfrontiert werde. Ich kann mir nicht die passenden Momente aussuchen. Ich kann es nicht am Weihnachtsbaum aussparen, weil sexistische Strukturen überall sind und weil die Kommentare von Männern jeden Tag meinen Kampfgeist nähren. Ich kämpfe für all die Frauen, die nicht wissen, dass sie kämpfen können und die niemanden haben, der sie darin unterstützt. Ich bringe die Politik unter den Weihnachtsbaum, weil mein Körper politisch ist, weil ich mich dem nicht entziehen kann und weil ihr – meine Familie – mich in dem Kampf unterstützen könnt.

Papa, sei stolz, dass du eine Kämpferin zur Tochter hast, die nicht nur dir, sondern allen widerspricht, weil sie sich nicht unterdrücken und auch nicht unterkriegen lässt. Dabei denke ich selbst oft genug, dass es unnötig ist. Aber das ist es nicht. Es ist nie passend, doch darum geht es auch nicht, denn es ist immer nötig. Vielleicht sieht ja unser nächstes Weihnachtsfest so aus: Wir – alle vereint – unter dem Weihnachtsbaum, selig eingelullt in Wein, Musik und dem Kampf gegen unsere Unterdrückung. Vater, Mutter, Tochter – und neben mir eingekuschelt die Politik, denn die gehört dazu.

Autorin: Tabea Fluss
Illustration: Luisa Zay

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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