Die letzten Wochen waren eine reine Achterbahnfahrt.
Eine Achterbahnfahrt, die zum größten Teil nur steil bergab fuhr.

Es war Anfang Sommer und anstatt die ersten Sonnenstrahlen gemeinsam mit Freunden an der Donau auszukosten und die lauen Sommernächte zu genießen, saß ich in meiner aufgeheizten Altbauwohnung fest und starrte auf Bücher, Papierstapel und vollgekritzelte Notizbücher, die vor mir lagen.

Der Lärm der Straße zog durch mein offenes Fenster und mit jedem Lachen, das in mein Zimmer drang, wurde ich nur noch frustrierter. Es war das Gefühl des “Nichts auf die Reihe kriegens”, welches bedingte, dass ich dachte, gleichzeitig alles um mich herum zu verpassen.

Blockiert von meiner eigenen Missmutigkeit stand ich schlussendlich von meinem Schreibtisch auf, steckte mir eine Kippe an und betrachtete mein Chaos von außen. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich gänzlich und vollkommen meine Ziele verloren hatte. Ich konnte keinen Anfang mehr sehen, geschweige denn ein Ende.

Tragischerweise konnte ich in diesem Moment nicht anders als laut loszulachen.

Ich kannte dieses Gefühl und diese Situation bereits, hatte schon einmal meinen Weg verloren und stand vor einem einzigen großen Fragezeichen mit keiner einzigen passenden Antwort darauf. Allerdings ging es damals mehr um meine Persona selbst und um so simple Fragen wie:

“Wer bin ich?”

Im Laufe der Zeit konnte ich diesen Fragen tatsächlich – zumindest zu meiner eigenen Zufriedenheit – Antworten liefern, weswegen ich an diesem Tag dastand und zwar wusste, wer ich war, jedoch nicht, wohin ich damit wollte.

Was für eine beschissene Ironie.

Fast drei Jahre hatte ich mich nun intensiv mit mir und meiner Person auseinandergesetzt, nur um dann zu bemerken, dass ich in diesen drei Jahren kaum einen Gedanken an meine Zukunft verschwendet hatte.

Leicht panisch, so als könnte ich die verlorene Zeit wie gelben Sand durch meine Finger rinnen sehen, begann ich auf die zur Hälfte vollgeschriebenen Zettel Dinge zu notieren, die ich gerne machte, um daraus anschließend Parallelen zu Jobangeboten zu ziehen.

“Fünf Jahre für einen scheiß brotlosen Bachelor… Mann, du spinnst doch echt!” 

Dieser Gedanke hing mir nach, begleitete mich Tag für Tag, legte sich von nun an jede Nacht neben mich schlafen und ich fragte mich, wie zur Hölle alle anderen eigentlich erwachsen werden.

Ich begann die anderen dafür zu hassen, dass sie sich abends mit mir auf ein Bier treffen konnten. Und wenn ich dann das Gefühl hatte, dass wir gemeinsam mit unseren Zukunftsängsten im selben Boot saßen, sie mich mit ihren aus dem Nichts kommenden Plänen, Zielen, Jobs und Praktikumsstellen wieder von der Reling stießen.

Hatte ich den Zeitpunkt des Erwachsenwerdens verpasst?

Meine leichte Panik schwang in eine riesige Überforderung um und mit einem Mal fühlte ich mich so klein wie Nils Holgersson nach seiner Verwandlung in ein Wichtelmännchen, nur konnte ich nicht einfach auf den Rücken von Gänsen springen und auf ihnen von meinen Problemen davon fliegen.

Mit dem lächerlichen Gedanken an die Privilegien, die mir Nils Holgersson voraushatte, fing ich leise an zu weinen. Und erst als ich die erste Träne auf meiner Wange hinablaufen spürte, wurde mir bewusst, wie lange ich es mir nicht mehr erlaubt hatte zu weinen.

Ich hatte mir über Monate hinweg nicht erlaubt, eine Pause einzulegen, in der ich mich mal ausheulen konnte, hatte mir über Monate hinweg nicht erlaubt, Selbstmitleid aufzubringen, hatte nicht mehr innegehalten, nicht mehr auf mich gehört, mich einzig nach meiner Leistung behandelt und im Grunde auch verurteilt. Meine vage Zukunft war mir mit dieser Erkenntnis plötzlich völlig egal, alles, was mich nun noch beelendete* war meine erneut aufgebrachte Selbstignoranz.

Und mit einem Mal konnte ich wieder klarer sehen. Vielleicht noch kein Ende am Horizont, doch das war egal. Denn alles, was vor mir lag, war ich mit meinem naiven Optimismus, der mich auf meinem Weg begleitete, der mich durch das nächste Tal führen würde und mich schlussendlich sicher ans Ziel bringen würde.

Und so vertraute ich einfach auf mich und die Zeit, packte meinen Koffer und fuhr in einen Urlaub von meinem Leben.

* Der Begriff stammt aus der Schweiz und wird im deutschen Sprachgebrauch mit dem Wort „deprimierend“ gleichgesetzt.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: Teresa Vollmuth

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