Ich spreche. Mit einer Frau. Sie sagt mir, sie sei 1934 geboren.
Ihre weißen Haare strahlen. Ihr Lächeln auch. 
Sie ist mir sofort sympathisch. 

»Wir waren Kriegskinder«, stellt sie klar. Ich nicke.

»Es gab früher nicht dieses ICH. Ich. Immer nur an sich zu denken ist wahrlich eine.. Schande!«
Ich schweige.

»Früher, da gab es unsere kleine Familie. Damit meine ich uns sieben Geschwister, meine Eltern und die Oma.«

Klein..

»Und dann gab es noch die große Familie. Den Staat.«
Ich verstehe, was sie sagen will.

»Sie sind der Meinung, dass nun die Korruption resultierend aus dem Kapitalismus regiert«, mutmaße ich. Sie nickt.

»Wissen Sie..«, setzt sie an und nimmt einen tiefen Atemzug, »Wissen Sie, was ich mit den Demonstrant:innen, welche derzeit die Städte belagern, gern machen möchte?« Sie lächelt spitzbübisch.

»Sagen Sie es mir..«, fordere ich sie auf.

»Ich möchte einen Wasserwerfer nehmen.« Sie reibt sich ihre dünnhäutigen Hände.

Siebenundachtzig!! Sie ist jetzt in diesem Moment 87 Jahre alt..
Ich denke und schweige. Verblüfft.

»Doch ich würde nicht Wasser hinein machen, sondern..« Sie grinst. Ich warte.
»Jauche. Und dann PENG!«, ergänzt sie mit geballten Fäusten.

Ich sehe eine Frau, die wütend ist.
Eine hilflose Person, die unbewusst ihr System mit Groll vergiftet.

Was wäre, wenn sie diese Energie für etwas Innovatives nutzen würde..?
Weil.. Irgendwann ist alles.. vorbei.

»Und glauben sie, dass dieser Plan was bringt?«, frage ich skeptisch.
Sich hier zu positionieren ist ein epochaler Tritt ins Wespennest..

»Es ist ein Denkzettel. Nur ein Denkzettel«, lächelt die Dame überzeugt.
Das unbewusst herrschende Ego. Da ist es.. Ihres herrscht seit 87 Jahren.

Ich bin traurig. Darüber, dass unsere Spezies derlei Umgangsformen in Erwägung zieht.

»Wenn die Menschen miteinander umzugehen pflegen, indem sie sich Denkzettel in Form von Exkrementen an den Kopf werfen.. Wo enden wir?«, sage ich ruhig.

Die eigene Wut ist die unbewusste Re-Aktion auf alles, was unsere Emotionen manipuliert. Ohne, dass wir merken, dass es nur unsere Reaktion ist. Ob sie es merkt?

Sie überlegt. Ernst. Nicht wütend.
»Wahrscheinlich würde sich nichts ändern«, sagt sie resigniert.

Wenn wir unbewusst sind, sind wir wie ein Fähnchen im Wind.
Stets und ständig abhängig von der Außenwelt. Versklavte.

»Aber wenn wir authentisch sind und keine Rolle spielen, fühlen wir uns am wohlsten, oder?«, frage ich. Die Dame nickt.

»Dann würde ein normales Gespräch mit einer Person vielleicht mehr bringen. Ohne Denkzettel. Weil zu heftige Emotionen das Denken unmöglich machen«, wäge ich ab.

»Naja. Ehrlichkeit ist das, was mindestens insgeheim jede:r will«, sagt sie nachdenklich. Ich nicke.

Dazu gehört die bewusst reflektierende Beobachtung des Selbst.
Ohne Rache. Ohne Ausraster.
Das sage ich nicht. Ich kann es nicht. Weil ich schockiert darüber bin, dass sie jetzt gerade 87 Jahre alt ist und ihr die eigene Unbewusstheit immer noch nicht klar ist.

Wir verabschieden uns.

Viele Menschen sind unbewusst und fühlen sich deshalb leer.
Doch sie haben keinen Schimmer, warum das so ist.. bis zum Schluss.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.
Illustration: Carla Wenz

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