Alkohol ist Teil des Alltags und längst nicht mehr wegzudenken. Ich habe mal gehört, dass die Abhängigkeit beginnt, wenn der Alkohol eine größere Rolle spielt, als man ihm zugestehen möchte. Da fällt mir spontan mein Vater ein, für den das Glas Wein am Abend so selbstverständlich war wie für andere der Kaffee zum Frühstück. Als Kind nahm er mich manchmal mit zu seinem Weinhändler, wo er anstelle von Flaschen mehrere 5 Liter Kanister kaufte. Er betitelte sich selbst nie als Alkoholiker, was er ja auch nicht muss, denn gesellschaftlich gesehen hat er sein Leben unter Kontrolle. 

14 Uhr. Sonntag, der 06. September.

„Tut mir leid, dass ich gestern so kindisch reagiert habe. Ich habe einfach ein persönliches Problem mit Ablehnung. Hat nichts mit dir zu tun, ich mag dich trotzdem. Bis demnächst“ entschuldige ich mich für mein betrunkenes Ich mit einer WhatsApp bei einem Freund, während ich auf dem Weg ins Café bin. Er wird mir schon verzeihen, war eigentlich nicht so schlimm und außerdem geht es mir wirklich schlecht deswegen.

Zehn Minuten später sitze ich in der Burggasse 24, verkatert, schweißgebadet, depressiv und mit dem Gedanken spielend, zurück ins Bett zu gehen – leider unmöglich, denn ich warte auf einen befreundeten Fotografen und meinen Interviewpartner Walter Lohmeyer.

Man könnte meinen, dass ich als Journalistin so viel Respekt vor einer Person habe, dass ich zu einem Gespräch mit einem ehemaligen Alkoholiker nüchtern erscheine. Jetzt sitze ich hier mit zittrigen Händen, die mich schon die erste Zigarette kosteten und wartend auf den doppelten Wodka Shot, der mir meine Lebensenergie zurück schenken soll. Walter wiederum kommt nüchtern und macht einen hippen Eindruck auf mich. Er ist ein 64-jähriger Mann aus Graz, der seine Hosen bügelt, weiß, wie man einem Menschen mit Achtung gegenübertritt und es schafft, mich zum Lächeln zu bringen. Hätten wir uns vor 25 Jahren getroffen, wäre mein Eindruck vermutlich ein anderer gewesen. Walter Lohmeyer lebte über acht Jahre auf der Straße, schuld daran war aber nicht der Alkohol – sondern er selbst.

Wir lernten einander kennen, weil er mir den „Uhudla“  (Österreichs älteste und rebellischste Straßenzeitung) verkaufte. Sie ist der Grund, warum er vor 20 Jahren mit dem Trinken aufhörte. Seine unaufdringliche Art und die Tatsache, dass er selbst Autor ist, erweckten meine Neugierde. In diesem Moment stehe ich vor genau der Frage, mit der sich dieser Artikel beschäftigt: Wie kann man nur so tief sinken? Doch anders als vermutet, stelle ich diese nicht meinem Gegenüber, ich stelle sie mir selbst, während ich das Interview auf die Woche darauf verschiebe.

14 Uhr. Sonntag, der 13. September. Wir beginnen unser Gespräch in Walters Stammcafé, das Europa.

Walter ist am Essen, ich trinke Wasser – er ist ein Gewohnheitsmensch, wie auch schon beim letzten Treffen, bestellt er das Frühstück mit einem weich gekochten Ei und Cappuccino. Als ich sein runzeliges Gesicht dabei beobachte, wie es einen Biss nach dem anderen verschwinden lässt, stelle ich mir vor, wie sein Leben auf der Straße ausgesehen haben könnte. Pöbelnd sitzt er auf dem Boden, zu ausgestorben, um sich durch die Stadt zu schleppen. In der einen Hand die Flasche, in der anderen die abgebrannte Zigarette, darauf wartend, dass der Tod eintritt: „Irgendwann kommt der Augenblick, wo man nicht mehr will, aber auch nicht mehr kann. Auch keine Kraft mehr hat und sich einfach aufgegeben hat. Und hier habe ich den Entschluss gefasst, mich umzubringen”, spricht er zu Beginn seines Dokumentarfilms „Einmal Leben und zurück”.

Die Menschen haben dieses Bild von Alkoholikern im Kopf, von ungepflegten Leuten, die auf der Straße rumliegen und nichts tun. Sie wollen sich nicht vorstellen, dass diese Menschen ein Leben haben, wie Walter, der einst ein erfolgreicher Versicherungskaufmann war, denn das würde bedeuten, dass ein solches Schicksal jeden treffen könnte. Walters Vergangenheit ist schwer zu übersehen, jede einzelne Falte, die sich in seine Haut gebohrt hat, erzählt eine Geschichte. Eins muss man ihm lassen, er ist ein empathischer Mensch – es fällt schwer, keine Sympathie zu ihm aufzubauen. Vielleicht gerade deswegen, weil er weiß, wie es sich anfühlt, nichts zu haben und das zeichnet ihn aus. Wenn er vor einem sitzt, dann sieht man einiges, doch keinen Taugenichts. Er ist reflektiert, konzentriert und redet mit gelassener Stimme. Das lernte er unter anderem mit der „Uhudla“ der Straßenzeitung,  die er seit mehr als 25 Jahren mit Stolz verkauft.

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Foto: Sofia

Als ich Walter Lohmeyer frage, wie er sich den Alkohol auf der Straße finanzierte, beeindruckt er mich, indem er sagt: „Ich habe den Leuten immer ehrlich gesagt, dass ich bettle, weil ich Alkoholiker bin.“ Die Offenheit, die er dabei an den Tag legt, ist ein so seltener Gast in unserer Gesellschaft, dass mich ihr Erscheinen verwundert. Wahrscheinlich auch, weil ich schon als Kind lernte, dass Lügen das Leben einfacher machen – wer überlegen sein will, muss andere täuschen. Andere mit falschen Informationen zu blenden klingt falsch für mich. Authentizität gibt mir dagegen ein Gefühl von Sicherheit und vermittelt Vertrauen. Sogar heute schafft sie es noch, Menschen zu überraschen, und das „obwohl wir in einer oberflächlichen Zeit leben. Noch immer gibt es hochempfindsame Menschen, die sich fragen, wieso jemand so ehrlich ist.“

Walter, der sich immer wieder über seine Nikotinsucht ärgert, setzt hustend fort: „Ich habe mal ein älteres Ehepaar angeschnorrt, die dachten, dass ich vom österreichischen Rundfunk bin. Daraufhin gab mir die Frau 20 Schilling und das, obwohl ich ihnen noch extra gesagt hatte, dass sie das Geld nie wieder zurückbekommen werden. Als ich mich umdrehte, um zu gehen, fragte mich der Mann, wann das denn im Fernsehen ausgestrahlt wird“.

„Was hat dich während deiner Zeit als Alkoholiker besonders schockiert?“, frage ich ihn daraufhin.

„Manchmal schaute ich in den Spiegel und sah meinen Großvater vor mir. Ich hasse Dreck, ich war zwar nie so schmutzig wie andere auf der Straße, trotzdem sah ich schlimm aus. Ab und zu dachte ich auch an frühere Zeiten, das Selbstmitleid erschreckte mich – das hat man aber automatisch, wenn man trinkt“, erwidert er.

Seine Antwort erinnert mich an eine Begegnung aus dem letzten Jahr. Ich arbeitete als Kellnerin in einem Café und hatte die Abendschicht. Ein Stammkunde suchte das Gespräch, da er sich Gedanken um mich und mein unkontrolliertes Verhalten während der Arbeit gemacht hatte. Ich weiß nicht mehr, was genau passiert war, nur, dass ich zur damaligen Zeit oft betrunken und dreist gegenüber den Gästen war. Er sagte mir, dass ich einen verlorenen Eindruck auf ihn mache und dass es traurig sei, das mit anzusehen. Die Aufrichtigkeit des Gastes war mir damals sehr unangenehm und ich fing an, über mein Auftreten nachzudenken – trotzdem habe ich nicht einmal daran gedacht, mit dem Trinken ernsthaft aufzuhören.

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Foto: Sofia

Der typische Alki ist nicht der, der auf seiner Klischeeparkbank sitzt und konstant an einer Flasche nuckelt, der typische Alki kriegt sein Leben auf die Reihe, trinkt aber trotzdem jeden Abend zwei, drei Bier oder ein Glas Wein. Die ganz normale Sucht, die genauso Teil unserer Realität ist wie der ganz normale Rausch, fällt niemandem auf, weil sie niemanden auffallen will, weil wir alle im selben Boot sitzen und von irgendwas abhängig sind – Instagram, Shoppen, Zucker, Serien, Sex oder Anerkennung. Und wenn, dann sind es immer die Anderen, nie man selbst.

Aufklärung kann noch so gut stattfinden, wenn wir selbst keine Veränderung möchten, ändert sie nichts. Es ist nicht nur der Stammkunde, an den ich mich immer erinnern werde, es ist auch Walter und der Moment, in dem wir zusammen eine Zigarette auf der Terrasse in der Burggasse 24 rauchen – der 06. September 2020. Mein Freund Shin, der Fotograf, ist gerade auf Toilette und ich schaue Walter Lohmeyer wehmütig an, da mein Kater jegliche Freude in mir getötet hat. Mit leeren Augen blicke ich ihn an, jammere davon, wie schlecht es mir geht, wie leid es mir tut, dass ich unser Interview verschieben muss, ihm, dem einstigen Alkoholiker. Die Dinge, die Walter anspricht sind echt und haben eine Bedeutung, ganz egal, was er sagt. Die Antworten, die er dabei gibt, sind nicht immer befriedigend.

„Trinkst du schon lange? Ich habe das Gefühl, dass du vor etwas davonläufst“, fragt er mich auf einmal. Ich kenne nicht viele Menschen, die mir so selbstlos und wahrhaftig gegenübertreten, wie er es an diesem Tag tat. Wenn man von einem Fremden eine so persönliche Frage gestellt bekommt, dann, weil es etwas zu bedeuten hat.

„Innere Freiheit bedeutet für mich, dass ich frei entscheiden kann. Herr über mich selbst bin. Freiheit, wie wir sie sehen, gibt es schon lange nicht mehr. Das Gefühl von innerer Freiheit hat man, oder hat man nicht. Es umzusetzen, ist ein großer Unterschied. Das habe ich erst vor 20 Jahren geschafft“, erzählt Walter. Er brauchte 44 Jahre, um zu erkennen, dass er ein autonomes Leben führen möchte, was für ihn ein Leben ohne Alkohol heißt.

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Foto: Sofia

Alkohol ist die Droge, die fast alle Deutsche konsumieren, sie fordert mehr Tote, als alle illegalen Drogen – pro Jahr 74.000 Menschen. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 starben 1.398 Deutsche an den Folgen von Drogenkonsum, 650 davon an einer Überdosierung von Opioiden wie Heroin und Morphin. Wieso juckt das keinen?

Ich glaube ich war zwölf, als ich zum ersten Mal hochprozentigen Alkohol probierte und wuchs in einer Welt auf, in der man mir das Gefühl vermittelte, dass es etwas ganz Normales ist. Ich bin eine 28-Jährige Frau und führe ein Leben, dass man in unserer Gesellschaft als kontrolliert bezeichnen würde. Wenn ich getrunken habe, dann, weil ich meistens einen Grund dafür hatte: Trauer, Euphorie, Wehmut oder Selbsthass. Walter Lohmeyer ist nicht der erste Mensch, der mir zu Denken gab, aber er ist der Mensch, der mich letztendlich dazu brachte, mit dem Trinken aufzuhören. Dieses Interview wurde im September geführt, heute, über zwei Monate später, sehe ich eine unabhängige Sofia im Spiegel. Am 03. Oktober 2020 beschloss ich, dass ich ein Leben in Freiheit führen möchte, ein langes und glückliches Leben, ohne Alkohol. Und dafür möchte ich Walter Lohmeyer danken und bei all den Menschen entschuldigen, die ich aufgrund meiner Abhängigkeit verletzt habe.

Abschließend möchte ich dir eine Frage stellen: Welchen Stellenwert hat Alkohol in deinem Leben? 

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3 Comments on “Walter Lohmeyer: Eine Begegnung mit Folgen”

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