„Alles gut“ – willkürlich, nervig, verbraucht. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich alle „Alles gut“-Sager:innen anschreien möchte. Sorry an dieser Stelle an meine Freund:innen und meine Familie. Ich liebe euch. Aber auch euch möchte ich anschreien, wenn ihr „alles gut“ sagt.

„Alles gut“ hat keine Bedeutung mehr und ist zu einer inflationär gebrauchten Floskel verkümmert. Sollte es doch einst signalisieren, dass alles gut war, ist es jetzt ein Nichts geworden, das bei Empfänger:innen nur noch Verzweiflung, Verwirrung, Ratlosigkeit und blinde Wut auslösen kann. Zusammenhangslos wird diese Worthülse in jedes Gespräch eingebaut.

Ich rufe meine Freundin an und sage: „Hey, ich dachte, ich rufe mal an.“ Sie daraufhin: „Alles gut.“ What?? In welchem Universum passt „alles gut“ in diesen Kontext?

Ein Bekannter lässt mich bei sich ein paar Sachen ausdrucken. Ich bedanke mich. Er: „Alles gut.“ WTF!

Für mich hört sich „alles gut“ immer so an, als sei nichts gut. Als hätte ich etwas Bescheuertes getan, was die „Alles gut“-Sager:innen mir gerade noch so durchgehen lassen. „Alles gut“ hört sich bevormundend besänftigend an, so wie „Beruhig dich!“. Und genauso ist „alles gut“ irgendwie auch immer gemeint: „Alles gut, kein Stress, alles entspannt!“. Als wäre man kurz vorm Ausrasten.

Bestes Beispiel ist der Zusammenhang, in dem einst mein Bruder diese Formel benutzte. Wir sitzen am Tisch, mein Bruder erzählt irgendwas über Frauen und Männer. Ich frage ihn, was er genau meine. Er schaut mich daraufhin an und sagt: „Egal. Alles gut.“ Die tödlichste Form der Verwendung von „alles gut“.

Am allerliebsten wird „alles gut“ auch benutzt, wenn bei dem/der „Alles gut“-Sager:in nichts gut ist. „Es tut mir leid für (setze beliebige Sache ein, die mir leidtut)“. Und die Person, an die es gerichtet ist, bei der sichtlich nichts gut ist, sagt: „Alles gut.“ Und plötzlich tut mir nichts mehr leid. Ich merke, wie mir heiß wird und ich mich zusammenreißen muss, damit ich nicht frustriert losschreie.

WARUM GIBT ES DIESE FLOSKEL UND WIE KONNTE SIE SICH SO ZUSAMMENHANGSLOS IM ALLTÄGLICHEN SPRACHGEBRAUCH ETABLIEREN?

Ich recherchiere im Internet. Und siehe da! Ich bin nicht die Einzige, der es aufgefallen ist und der es mächtig auf die Nerven geht. In der FAZ kommentiert Edo Reents, dass der Gebrauch von „alles gut“ Gotteslästerung sei, da Gott „alles gut“ gebrauchte, nachdem er die Welt erschuf. Reents erklärt weiter, dass Gott nur mit „alles gut“ kommentierte, weil er/sie nach eingehender Prüfung zu diesem Ergebnis kam.

Mittlerweile sage aber jeder Hinz und Kunz „alles gut“. Ich bin zwar überzeugte Atheistin, aber wenn das die Lösung ist, damit „alles gut“ als Alltagsfloskel wieder ausstirbt, dann werde ich gerne Zweck-Christin (eine Christin nur zum Zweck, damit „alles gut“ ausstirbt).

Henryk Lüderitz, Gründer des Magazins „The Young Professionals“, ist sogar der Meinung, dass der Gebrauch von „alles gut“ der Karriere schaden kann, eben weil es eine inflationär gebrauchte Floskel ist.

Am besten ist es, wenn „alles gut“ ausstirbt. Wenn „alles“ und „gut“ sich trennen, für immer. Sie sind wie Brad Pitt und Angelina Jolie: am Anfang vermeintlich toll und dann unerträglich. Also bevor es noch schlimmer wird, lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass „alles gut“ wieder als Alltagsfloskel verschwindet! Ich, und bestimmt auch viele andere, wären euch dankbar!

Autorin: Anna
Illustration © Mathilde Weber
Editorin: Teresa Vollmuth

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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