Ich glaube, ich kotze gleich, denke ich und starre an O.’s Decke. Scheiße ist mir schlecht. Ich wanke aus dem Bett ins Bad, setzte mich aufs Klo und starre weiter vor mich hin.

Fuck, was ist nur gestern Nacht passiert? Und wie viel haben wir getrunken?

Auf dem Küchentresen stehen fünf leere Flaschen Sekt, zehn leere Flaschen Bier und eine leere Flasche Wein. Warte mal, ist gestern noch jemand dazu gekommen? Warum erinnere ich mich an so wenig?

O. kommt aus ihrem Zimmer und nuschelt ein „guten Morgen.“ Sie ist noch betrunken und ich auch, wie ich feststelle. Die Erkenntnis trifft mich wie mein Kater. Die ganzen Flaschen auf dem Tresen haben wir leer gemacht. Ohne Hilfe, nur wir beide und am Ende sind wir noch rausgegangen und ich bin einen Abhang heruntergefallen. „Fast ins Wasser,“ wie O. grinsend meint. Ich find es gar nicht lustig und schäme mich. Zuhause werfe ich zwei Aspirin ein und liege so lange auf der Couch, bis die Kopfschmerzen und die Übelkeit verschwinden. Ein normaler Sonntag halt. Nur die Scham verschwindet nicht.

Dieser Abend ist wohl der vorläufige Höhepunkt in der Historie meines Alkoholkonsums, doch ahne ich, dass noch schlimmere folgen könnten. Ich trinke gerne und ich trinke gerne viel. Dass das gefährlich ist, weiß ich.

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Foto © David Boss

In den letzten Wochen habe ich meinen Alkoholkonsum immer wieder dokumentiert und reflektiert. Das Ergebnis: Ich trinke an fünf von sieben Tagen in der Woche Alkohol. Meistens nur ein oder zwei Bier, aber pro Woche ist mindestens ein Exzess dabei. Dass dieses Verhalten für einen Teil meiner Generation typisch ist, bemerke ich nicht nur in meinem Umfeld, sondern auch die blanken Zahlen stimmen mir zu. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung tranken ein Drittel der Befragten zwischen 18 und 25 Jahren im Jahr 2019 regelmäßig Alkohol, 40 Prozent genehmigten sich dazu mindestens einen Vollrausch im Vormonat der Befragung. Zu trinken, bis man komplett dicht ist, nennt man in der Wissenschaft übrigens Rauschtrinken. O. und ich haben also Rauschtrinken praktiziert.

Zwei Tage nach dem Absturz treffen wir uns wieder, natürlich auf ein Bier. Wir sitzen in einem Park und lassen den Abend Revue passieren. O. sagt, sie sei auch erschrocken, so viel auf einmal getrunken zu haben. Sie erzählt, dass sie früher nicht so viel getrunken hätte und dass das erst durch die Lockdowns kam. Ich kann ihr da nur zustimmen. Seit der Corona-Krise trinke ich häufiger und tendenziell mehr. Angefangen hat es im ersten Lockdown. Denn warum auch nicht? Hatte sich doch alles ein bisschen wie Urlaub angefühlt. Urlaub mit Weltuntergangsstimmung. Da kann auch um 13 Uhr das erste Bier gekippt werden. Ist doch eh alles egal und bei so viel Unsicherheiten kann man sich auch betäuben oder ablenken, vielleicht auch gleich beides.

Dass der Alkoholkonsum in Deutschland während der Pandemie angestiegen ist, ist längst bekannt. Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH-Krankenkasse fand nun heraus, dass jedoch vor allem in der Altersgruppe der 16-29-Jährigen der Alkohol-, aber auch der Tabakkonsum im Vergleich zu anderen Altersgruppen angestiegen ist. Jeder achte junge Mensch greift seit der Corona-Krise vermehrt zur Flasche, in der Gruppe der 30-69-Jährigen war es nur jeder zehnte. Auch der Grund zu trinken hat sich in der jüngeren Generation seit dem Ausbruch der Krise verschoben. 30 Prozent gaben laut der Umfrage an, vor der Pandemie nur zu besonderen Anlässen getrunken zu haben. Seit der Pandemie fehlen diese besonderen Anlässe und das Alltägliche wird zum Anlass genommen. Genauso wie bei O. und mir.

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Foto © David Boss

„Wir feiern die Feste, wie sie fallen,“ sagt O. zu mir beim dritten Bier.

„Oder wir feiern einfach alles,“ antworte ich und starre in meins.

Dieses Verhalten macht mir Angst. Denn ein gesteigerter Alkoholkonsum zur Kompensation von Stress oder Langeweile kann der Weg in die Sucht sein und das ist ein Weg, den ich nicht gehen möchte.

„Dass vor allem junge Menschen seit der Pandemie mehr trinken, ist problematisch. Denn die große Gefahr ist, dass aus dem vermehrten Konsum während einer schweren Phase wie jetzt in der Corona-Krise eine Gewohnheit wird und dadurch das Risiko für eine Abhängigkeit entsteht“ sagt der KKH-Suchtexperte Michael Falkenstein, dessen Arbeitgeber die Studie in Auftrag gab.

Nach dem fünften Bier verabschiede ich mich von O. und wanke leicht betrunken Richtung S-Bahn. Ich sehe viele junge Menschen in den Bars und an Ecken sitzen. Sie genießen die wiedergewonnene Freiheit, die geöffneten Bars und Biergärten. Ich sehe viele etwas trinken, auf ein paar Tischen stehen Schnapsgläser. Rauschtrinken, denke ich. Vor einem Kiosk bleibe ich stehen und schaue in die gefüllten Regale voll Bier. Jetzt noch ein letztes?

Nein, denke ich und laufe nach Hause.

Viele junge Menschen hat diese Krise ausgebremst. Sie hat Perspektiven und Chancen genommen, Schlüsselmomente zerstört. Irgendwo gestrandet zwischen Schulabschluss und erstem Job, zwischen Reisen-Wollen und Hier Bleiben-Müssen. Festhängen zwischen Studium und Praktika. Diese Unsicherheiten verstärken die Gründe für einen vermehrten Alkoholkonsum. Dazu kommt, dass diese Krise auch psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen verstärken kann, die wiederum zu einem erhöhten Konsum führen können. Dabei gilt laut Falkenstein, dass neben dem Trinken auch die Ursachen für einen erhöhten Alkoholkonsum behandelt werden müssten.

Wichtig für sich selbst ist, das eigene Trinkverhalten zu hinterfragen und bei einem problematischen Konsum auf sich acht zu geben und wenn nötig zurückzuschrauben. Auch sollte man auf Freunde und Familie achtgeben und bei risikohaften Verhalten Hilfestellungen anbieten.

Trinkst du auch zu viel seit der Corona-Pandemie?

Hier gibt es Infos und Hilfe: www.gesundheitsinformation.de

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

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