Es war Sonntagabend um halb elf, als ich eine Erkenntnis hatte, die ich im ersten Moment vielleicht lieber nicht haben wollte, die mir im Endeffekt jedoch genau den Arschtritt verpasste, den ich zu dieser Zeit nötig hatte.

Ich lag, wie es für einen Sonntag typisch war, in Slip und meinem Lieblingsflanellhemd auf dem Bett, starrte in das grelle Licht der nackten Glühbirne, die an Kabeln von meiner Decke hing und begriff, dass mich diese eine kleine Scheiß-Lampe zu hundert Prozent beschrieb. Sie und die anderen vier Glühbirnen, die in meiner Wohnung verteilt, genauso nackt und traurig von der Decke hingen. Und wenn man es genau nahm, dann konnte man sogar sagen, dass ich der Inbegriff von meiner Wohnung selbst war. 

Ich begann mich darin umzusehen. Da war meine einzige Pflanze, die tot in der Ecke hing, der Holzschemel, der meinen improvisierten Nachtisch darstellen sollte, aber neben dem großen weißen Bett völlig verloren wirkte. Die Regalbretter, die seit dem Tag meines Einzugs an der Wand lehnten und vor sich hin staubten, ebenso wie mein alter Laptop, der daneben auf dem Boden lag, mehr grau als schwarz. Die Umzugskisten, die dem Essbereich einen ungewollten shabby-chic-Look verpassten. Nur shabby ohne jeglichen Chic. 

Das alles wirkte, als wäre ich gerade erst eingezogen, als wäre ein Plan vorhanden gewesen, wie die Wohnung hätte aussehen sollen. Nur dass ich bislang noch nicht am Ziel des Plans angekommen bin. Und im Grunde war das auch so, außer dass gerade erst nun mehr als ein Jahr her ist. Ohne es bemerkt zu haben, hatte ich meiner Wohnung also doch den ganz persönlichen Touch verliehen. Kopfschüttelnd lachte ich kurz auf, ließ das aber sofort wieder sein, als mir bewusst wurde, dass dies der Spiegel meines Lebens war.

Ich war meine Wohnung und meine Wohnung war ich. Scheiße!

In diesem Moment, Sonntagabend um 22:45 Uhr beschloss ich, dass sich etwas ändern musste, dass endlich etwas weitergehen musste. Ich hatte zu lange in meiner Komfortzone gesessen und es mir in meiner Stagnation zu bequem gemacht. Kein Wunder dass ich so unzufrieden war. Ich hatte nichts, worauf ich stolz sein konnte.

Nun gut, gar nichts ist doch etwas hart und auch nicht ganz wahr. Aber zumindest war darunter nichts, von dem ich wusste, dass ich dafür gebrannt hatte. Nur einige Dinge, die ungefähr so befriedigend waren wie die Knallerbsen, die ich als Kind abends an Silvester in die Hand gedrückt bekommen hatte, während die Älteren verdammte Raketen abfeuerten. 

Und genau das wollte ich nun: Diese blöden Raketen abfeuern und ein komplettes Feuerwerk starten. Nur wie? 

Mein erster Gedanke war – wie immer, wenn ich diese Art von Motivation verspüre – mir einen Zettel und Stift zu schnappen und einen Plan zu schmieden. Allerdings bin ich bis jetzt an jedem Plan meines Lebens gescheitert und jetzt lag mein Ziel eben darin, endlich mal einen Plan zu beenden. Wie konnte ich also meinen Kopf, meine Bequemlichkeit und meine zu schnell aufkommende Lustlosigkeit austricksen? 

Scheiß auf groß denken! Von heute an werde ich lernen, klein zu denken. Jede neue Woche steht ab jetzt für ein kleines Projekt. Keine Ausreden, keine Zeitbeschränkung, kein letztes großes Projekt. Nur jede Woche ein Anfang und ein Abschluss! The game is on! 

Ich wusste, dass die nächste Woche stressig und vor allem zeitfressend sein würde, weshalb mein erstes Projekt etwas sein musste, das mir nicht noch mehr Zeit nimmt, sondern mir im Idealfall sogar etwas Zeit freiräumt. Nach fünf Minuten des Überlegens und Brainstormens, startete ich geistesabwesend meinen Laptop, führte meine Finger über das Keyboard und fand mich ein paar Sekunden später auf der Netflix-Seite wieder. Und damit war mein erstes Projekt klar. Ich würde mich eine Woche lang nicht mehr ständig berieseln lassen. 

Netflix, Youtube und Co. waren mein neues Tabu. Ich fühlte mich im ersten Moment ein wenig wie meine eigene Mutter, die mir gerade Fernsehverbot erteilt hatte und doch hatte ich Bock darauf zu achten, wie ich meine neu erworbene Zeit so füllen werde. 

Und – Oh Lord – hätte ich gewusst, welche Erkenntnisse ich in nur einer Woche haben werde …

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: @sophiecharlotte_w

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One Comment on “Warum ich liebe, was ich tue und hasse, was ich daraus mache!”

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