Ich kenne Efrem schon länger. Vom Sehen. Als er dahin zog, wo ich aufgewachsen bin, konnte man das nicht nicht mitkriegen: People of Color gab es vorher nicht. Obwohl doch, ich glaube, einen. Geflüchtete gab es aber definitiv nicht, bis Efrem mit fünf anderen Jungs ankam. Das war 2015. Ich selbst wohnte da schon woanders, war nur selten da. Und obwohl meine Freunde und ich gegen Rassismus auf die Straße gingen und an Demonstrationen für die Aufnahme von Flüchtlingen teilnahmen: Kontakt zu den „Neuen“ hatte ich auch bei meinen Besuchen nicht. Bis vor ein paar Wochen eine Anfrage kam, ob ich ein Porträt schreiben würde. Über jemanden, den ich bewundere. Hatte Efrem nicht gerade seine Ausbildung abgeschlossen? Und was könnte beeindruckender sein als jemand, der sein Leben riskiert für ein freies Leben? Nichts, fand ich und schrieb ihn an.

Eine Woche später hat er mir seine Geschichte erzählt.

Ich bin super unsicher, als ich auf die Klingel an dem alten Haus drücke. Da haben wir noch nie richtig miteinander gesprochen und jetzt stehe ich hier und will ihn mal eben fragen, wie es war, drei Jahre auf der Flucht zu sein, mit gerade mal fünfzehn Jahren. Und wie es jetzt so läuft, sechs Jahre später. Je länger ich dastehe, desto dämlicher komme ich mir vor. Zu meinem Glück dauert es nicht besonders lange, bis Efrem die Tür aufmacht und mich so herzlich anstrahlt, dass ich total vergesse, dass ich ihn eigentlich überhaupt nicht kenne. Er führt mich durch die Küche des spärlich eingerichteten Hauses, in dem er mit seinem Mitbewohner wohnt und grinst: „Nicht so sauber, sorry.“ Wäre mir ehrlich gesagt null aufgefallen. Mein Blick ist schon im Wohnzimmer, bei den Uralt-Möbeln der vorherigen Bewohner:innen, den selbst ausgedruckten Bildern posierender Jugendlicher und einem riesigen Poster mit der Mutter Gottes drauf. Während ich mich umschaue, holt Efrem Wasser und stellt Knabberzeug bereit, auf das ich mich, um mich in meiner Nervosität zu beschäftigen, peinlicher Weise sofort stürze.

In den nächsten vier Stunden erzählt er mir von Eritrea, von dem Land, aus dem er geflüchtet ist. Ohne Karte, mit quasi nichts im Gepäck, ging er mit zwei Freunden los, legte sieben Stunden Fußmarsch bis an die Grenze zu Äthiopiens zurück, mitten in der Nacht. Warum? Weil er weder die 12. Schulklasse im Militärcamp Sawa noch den Rest seines Lebens im Militärdienst verbringen wollte, so wie zahllose andere. Und weil sich weigern und weggesperrt werden eben auch keine Option für ihn war.

Efrem wollte Bildung, einen normalen Job, seine Meinung frei sagen dürfen. Anders als alle anderen, die ich kenne, musste er dafür aber sein Leben riskieren. Denn am Grenzübergang, erzählt er, sind viele gestorben. Auch Leute, die er kannte. Die Soldaten schießen, nennen das „Shoot to kill Practice“. Während er erzählt, wird mir abwechselnd heiß und kalt. Daran, dass geschossen wird, habe er nicht gedacht, als er rüber sei. „Augen zu und rennen“. Während ich völlig vergesse, was ich eigentlich fragen wollte, erfahre ich, dass er seinen Eltern erst nachdem er drüben war, von seinem Plan erzählt hat. Am Telefon. Sie hätten sich sonst zu große Sorgen gemacht, ihn nicht gehen lassen. In einem Camp in Äthiopien verbrachte er dann ein paar Wochen, bis es auf der Ladefläche eines Lasters weiterging, erst in den Sudan, dann nach Libyen, durch die sengende Hitze der Sahara. Auf der Ladefläche lagen sie eng aneinander, manchmal gestapelt. Weil so wenig Platz war, schmissen sie Proviant weg. Nur Essen. Das Wasser, das sie dabeihatten, reichte sowieso nicht. Die, die verdursteten, wurden notdürftig im Sand verscharrt. Ihre Namen kannte Efrem nicht, aber ihre Gesichter wird er nie vergessen.

Er selbst überlebte wieder und wurde mit anderen in einem neuen Lager versteckt, in dem der Schlepper Menschen sammelte, bis zur Weiterfahrt. Zu essen gab es sechs Monate lang Nudeln mit Ketchup. Zum Waschen gab es nichts. Ein Klo auch nicht. Ein Bett? Er lacht. Mit Glück gab es einen Platz irgendwo auf dem Boden in irgendeiner Ecke. Mit viel Glück mal eine Decke. Ich bin fassungslos, erwische mich ständig dabei, ihn fragen zu wollen, ob es denn einen Arzt gab, für diejenigen unter den mehr als 1.000 zusammengepferchten Menschen, die krank wurden. Und merke selbst, wie dumm die Frage ist.

Irgendwann verließen sie das Camp Richtung Mittelmeer. Auf der Fahrt wurde nicht viel gesprochen, alle kannten die Geschichten von denen, die ertrunken sind. In das Holz-Boot stiegen sie trotzdem. Efrem blieb die ganze Zeit unter Deck. Viel Bewegungsfreiheit gab es für die 250 Menschen auf der vollgestopften Nussschale sowieso nicht. Ab und zu sei Wasser reingekommen, sagt er. Dann hatte er Angst, dass das Ding irgendwann „platzt“. „Du musst das Schaffen, Du musst nach Europa“, hat er immer gedacht. Als er dann auf Sizilien zum ersten Mal europäischen Boden unter den Füßen hatte, konnte er es selbst kaum glauben. Da war er also. Nach drei Jahren „Hölle“.

Heute, sechs Jahre später, hat Efrem einen festen Job, ist endlich richtig angekommen. Als er mir von seiner Freundin erzählt, strahlt er wie ein Honigkuchenpferd. Er möchte hier nicht mehr weg. Nur seine Eltern, die fehlen ihm. Sein Vater ist Soldat, kämpft in Tigray für sein Land und um sein Leben. Wenn Efrem mit seiner Mutter telefoniert, weint sie oft. Als ich sehe, wie Efrem die Tränen kommen, schnürt sich mir alles zu. Die Eltern besuchen? Keine Chance. Eine Flucht würden sie selbst auch nicht mehr schaffen. Obwohl sie gerade mal 40 Jahre alt sind, sehen sie eher aus wie 80, wegen der schlechten Versorgung dort. Und selbst wenn sie fit wären: „Wer so eine Flucht überlebt, das weiß nur Gott“.

Als ich nach Hause komme, kann ich nicht schlafen. In meinem Kopf dreht sich alles. Warum wissen wir so wenig über die Menschen, die zu uns kommen und darüber, was in Ländern wie Eritrea passiert? Warum habe ich selbst nie gefragt? Klar war ich unsicher: Versteht er mich? Was, wenn nicht? Und wenn doch, was sag ich dann? Hey, wie geht’s – und wie war das so auf der Flucht? Nicht gerade easy Small-Talk für nebenbei. Aus Angst, was Falsches zu sagen, habe ich dann lieber gar nichts gesagt. Heute weiß ich: Nicht unbedingt die beste Lösung.

Auch Efrem glaubt, dass viele sich nicht trauen, mit ihm über seiner Geschichte zu sprechen. Dabei wäre es gut, wenn alle mehr voneinander wüssten. Dann würde man mehr verstehen. Für ihn ist das alles kein Geheimnis. Nur an manchen Stellen ist es schwer, davon zu erzählen.

Dieser Text erschien zuerst auf DIEVERPEILTE.

Illustration: Isabell Knieling

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