Im Laden zahle ich den Preis und weiter nichts. Meistens ist es mir zu anstrengend, Kleingeld an mich zu nehmen, darum runde ich auf. Und wenn ich ausnahmsweise doch nicht genug dabei habe, um den vollen Betrag zu zahlen, bekomme ich gelegentlich auch ein „ist schon gut“ vom Verkäufer*in zu hören. In unserer Gesellschaft gelte ich als eine attraktive Frau, die zudem aus einem guten Elternhaus kommt, weshalb ich gegenüber vielen anderen Menschen einen Vorteil habe: Ich werde akzeptiert. Aus diesem Grund weiß ich nicht, was es bedeutet, hungern zu müssen – genauso wenig, wie es ist, sich in einer Notsituation zu befinden.

19 Uhr. Freitag, der 16. Oktober 2020. Wenn du weißt, dass du nichts zu essen hast und dir auch nichts kaufen kannst, ist der Geruch von frittierten Hühnchen und Pommes nur schwer auszuhalten. Du darfst etwas nicht, also willst du es umso mehr. Vielleicht umso mehr, weil man aus einer verwöhnten Generation wie meiner stammt. Mein knurrender Magen ist kaum mehr als eine Heißhungerattacke, denn die letzte warme Mahlzeit ist weniger als vier Stunden her.

Mit diesem Projekt wird mir bewusst, wie empfindlich ich bin. Immer wieder jammere ich Beckie und Tomas die Ohren voll, dass ich durstig bin. Der Hunger ist nebensächlich, doch trotzdem möchte ich mir etwas in den Mund schieben. Meine Freunde beweisen Stärke, sie tun sich weniger schwer, die ihnen zugewiesene Aufgabe anzunehmen. Es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig, auch dann nicht, wenn KFC nur einen Meter entfernt ist. Ich weiß, dass es nicht mein Körper ist, der leidet, es ist mein Kopf. Neiderfüllt dreht er sich nach allem um, was kaut, schluckt oder einfach nur weniger verzichtet als ich.

Wir sind wie ausgewechselt, als wir vor dem Fast-Food-Riesen zwei Matratzen entdecken, eingeklemmt zwischen Telefonzelle und Stromkasten. Meine Mundwinkel vibrieren nur selten vor Euphorie wie in diesem Moment. 2 Stunden und 45 Minuten auf einem harten Pappkarton haben gereicht, um meinem Hintern die Lust an dem Projekt zu nehmen. Jetzt, wo ich Hoffnung auf Besserung wittere, bin ich optimistisch. Es ist schon bemerkenswert, wie schnell wir Menschen uns an Situationen anpassen und wie wertvoll eine Kleinigkeit, zum Beispiel eine alte, ausgeleierte Matratze werden kann, wenn man sonst nichts weiter besitzt.

Und auch jetzt noch haben wir Ansprüche! Als Tomas unser neues Möbelstück zum neuen Platz bringt – eine ruhige Hauswand in der Avinguda Gaudì – erfahren wir den Grund, warum sich jemand gegen sie entschieden hat: Ein widerlicher Geruch läuft aus ihr heraus. Ich denke, ich hätte mich trotzdem darauf gesetzt, hätten wir nicht noch die andere Unterlage zur Auswahl gehabt, die Tomas nun von der anderen Straßenseite holt. Sie ist okay. Den Pappkarton behalten wir, er soll uns vor Ungeziefer beschützen, außerdem dient er als Rückenlehne, sodass wir nun ein richtiges Sofafeeling haben.

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Foto: Sofia

Beckie sitzt zuerst danach Tomas. Ich schaue von oben auf die beiden herab, um ein Foto zu machen. Es ist schön zu beobachten, wie glücklich unsere kleine Familie ist, und ich bin froh, sie dabei zu haben. Ohne sie hätte ich mich gelangweilt. Nun hocken wir hier wie die Simpsons Family, beobachten Passanten und machen Witze. Bei einer Sache sind wir uns alle einig: Der Platzwechsel war essentiell für die Nacht und für unsere Stimmung. Man muss hinzufügen, dass ein Umzug auf der Straße einfach ist, wenn man kein sperriges Gepäck besitzt.

19:40 Uhr. Als ich vor ein paar Stunden an der Sagrada Família vorbeilief, um Wasser zu trinken, erspähte ich einen Mann im Rollstuhl, der dort eine Art Performance ablegte. Jetzt gerade fährt er an uns vorbei, die laute Musik, die aus seinem Lautsprecher erklingt, macht mich wach. Ich rufe ihm hinterher. Als er sich umdreht, schaut er uns an, dreht sich jedoch gleich wieder um. Ich fordere ihn erneut dazu auf, uns Gesellschaft zu leisten. Er folgt meinem Rat und rollt zu uns.

Er heißt Miguel Angel. Geboren und aufgewachsen in Barcelona. Da er nur gebrochen Englisch spricht, beschließen wir, die Unterhaltung auf Spanisch fortzusetzen – ich verstehe kein Wort und schaue zu. Er erzählt uns, dass er Künstler ist. Er tanzt drei Stunden am Morgen und drei Stunden am Nachmittag und lebt von den Spenden der Zuschauer. Früher arbeitete er als Sozialarbeiter, nach einem Unfall wechselte er die Branche. Heute macht er Kino und Theater.

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Foto: Tomas Russi

„The distance between two points is willpower.“ – Miguel Angel (49)

Während er sich von uns verabschiedet, schmeißt Miguel Angel 20 Cent in die Holzkiste – als Glücksbringer für die kommenden Stunden. Ich hätte nicht gedacht, dass mich der Anblick von Kleingeld einmal so glücklich macht, besonders, weil ich mir sonst zu schade bin, es an mich zu nehmen.

Nachdem er weg ist, holt Beckie ihre Musikbox aus der Tasche. Der Supermarkt gegenüber macht mir zu schaffen. Links daneben ein Restaurant, das mit spanischen Köstlichkeiten wirbt, rechts daneben KFC. Ich möchte gerne warten, ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis wir Nahrung bekommen. Aber meine banale Esslust und die Tatsache, dass ich meine Girokarte dabei habe, machen es mir unmöglich, meine Gedanken davon zu lösen. Tomas schüttelt den Kopf, als ihn frage, ob er etwas vom Supermarkt möchte, Beckie nimmt ein Bier.

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Foto: Tomas Russi

20:20 Uhr – jetzt sitze ich da um Wasser, Cola, Muffins und eine Packung Sonnenblumenkerne reicher. Mein schlechtes Gewissen brachte mich dazu, den anderen etwas mitzubringen. Ich hätte so gerne gewartet, bis die 24 Stunden vorbei sind, damit ich behaupten kann, dass ich einen starken Willen besitze. Und jetzt, wo ich mit meinem eigenen Geld eingekauft habe, ist mir die Lust auf das ganze Zeug vergangen – denn was es bedeutet, obdachlos zu sein, habe ich dadurch nicht gelernt.

Not geht uns alle an. Besonders aber die vielen heimatlosen Menschen weltweit. Mit diesem Projekt möchte ich meinen Lesern nicht nur etwas zum Durchlesen mitgeben, viel mehr noch: Es handelt sich um einen eindringlichen Appell! Obdachlosigkeit verdient Respekt. Die persönliche Not öffentlich zu machen, mit oder ohne betteln, erfordert Mut – und fordert mehr als Mitleid! Wenn du also, liebe Leserin, lieber Leser, deine geschätzte Aufmerksamkeit nicht irgendeinem Text zuwenden würdest, sondern ebendiesem hier, dürfen Sie sich als Lesewesen erleben. Mit einem Lächeln hilfst du Menschen dabei, sich menschlich zu fühlen. Mit einer Spende hilfst du ihnen dabei, Grundnahrungsmittel besorgen zu können – welche das auch immer sein mögen, denn das Urteil darüber steht uns Unwissenden nicht zu. Hierbei handelt es sich um eine Reihe, weitere Teile folgen. 

Reingeguckt! Jetzt musst du auch die anderen Artikel lesen:
Was bedeutet es, obdachlos zu sein? (Teil 1)

Ein Tag auf der Straße
Eine Obdachlose erzählt mir ihre Geschichte

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5 Comments on “Was es bedeutet, in Wohlstand aufzuwachsen.”

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